Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1877)
- Date
- 1877-12-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Hudenlhums. Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Leitung «scheint wöchentlich einmal in 2 biS 2>/, Bogen. Preis Bierteljädria 3 Mark. J»s«ate werden mit 20 Pf. inr die Pctitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchbandtunge». Pvstänrt« und Leitung-» Expeditionen Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. BerlagXon Baumgättner's Buchhandlung in Leipzig. 2a redactionelle» i—„—„_Twende man sich aa vr. t. Mlippso» in Bonn; hinsichtlich der Inserate an 4t. Mvsse in Leipzig und defs.» Filialen in Berlin. BreSI-mrc. Inserats welche bis vounerftag eingehen. finden ur der dar» anffolgende» Stummer Berückjichtignng. Beilagen werden mH 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 41. Jahrgang. Leipzig, den 25. December 1877. JV 52. . Inhalt. Leitende Artikel: Der Fanatismus unter dm Juden. II. — Der jüd. Religionsunterricht an den preußischen Schulen. II. — Zeitungsnachrichten: T eutschland: Berlin. Lauferstq iler, Bonn. Hirschberg (Schlesien). — Frankreich: Paris. — Italien: Aus Oberitalien. — Gro ßbri tannien: London. — Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen. Literarische Notizen. — Feuilleton: Die frühere und die jetzige Wohlthatigkeit. — Raphael, ein frommer Jude, Schüler, Freund und Arbeitsgenosie Leibnitzens. Mit dem Jahre 1878 beginnt die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" ihren zweiundvierzigsten Jahrgang in unveränderter Weise. „Bon dem Neuen das Neueste, von dem Guten das Beste"! In dem „Feuilleton" werden wir im Laufe des Jahres wieder einige novellistische Arbeiten bringen. Baldige Bestellung wird jedem Aufschub in der Zusendung Vorbeugen. Redaction: Berlag: vr. Ludwig Philippson in Bonn. Baumgärtner’s Buchhandlung in Leipzig. J?eiieitd6 (SLxhlket. Bonn, 19. December. Der Fanatismus unter den Äudeu. ll. Durch die Buchdruckerkunst waren der Talmud, der Alfaßi, Maimuni und Ascheri weithin verbreitet worden; sie standen jetzt zum Studium Allen zu Gebote, und es gab bald mehr Talmudgelehrte als jemals früher davon vorhanden waren. In Folge dessen fand in den Entscheidungen ebenso wie in den Ansichten über die einzelnen Gesetzesvorschriften vielfache Uneinigkeit statt, theils da die gedachten Codificatoren selbst verschiedene Ansichten anführen, theils weil das Studium des Talmuds vielen verschiedenen Meinungen Stoff und Begründung bot. Da beschloß Joseph ben Ephraim Caro, aus Nikopolis, Rabbiner in Safet, ein schwärmerischer Anhänger der Kabbala, ein Mann von außerordentlicher Kenntniß des Gesetzes, von ungewöhnlichem Scharf¬ und Ueberblick, ohne sich jedoch über das Niveau des damaligen Geistes zu erheben, mit unermüdlichem Fleiße ein Werk abzufassen, durch welches die Einheit der Satzungen und Gebrauche für alle Juden hergestellt werde. Es gelang ihm dies, und in den folgenden Jahrhunderten — es sind deren drei feit dem Erscheinen des Schulchan Aruch verflossen — stand das Ansehen seines Werkes so unerschütterlich fest, daß nur selten eine Entscheidung gegen seine Anssprüche ausgefallen ist. Von unserem jetzigen Standpunkte aus müssen wir uriheilen, daß mit diesem Werke jedes Flüffigsein der Tradition erstarrte, hiermit das Wesen der Tradition getödtet und das mosaische Gebot, dem schriftlichen Gesetze nichts hinzuzufögen und nichts von ihm zu nehmen, vollständig vernichtet war. Das, was „mündliche Lehre" genannt worden, hatte alles Mündliche verloren und war durch den Buchstaben vollständig gefesselt. Denn im Talmud war dem Bedürfniß nach schriftlicher Ansammlung der Tradition doch mit tiefem Berständniß des Wesens derselben nur durch Aufzeichnung aller tradiüonellen Meinungen genügt worden, und selbst bei den oben angeführten Codificatoren war noch häufig der Meinungsverschiedenheit Rechnung getragen worden. Bei Joseph Caro wäre dies seiner Absicht zuwider gewesen. Die Tradition, d. h.^das immer rege, das immer pulsirende Leben der Religion hörte gänzlich auf; die Religionsphilosophie war erloschen, die