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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-12-18 · Heft 51 (18.12.1877) · p. Seite 809

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 51 (18.12.1877)
Date
1877-12-18
Page
Seite 809 (sequence 5)
Language
German
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809 tastrophe gebildet hat, aber im besten Glauben, daß dies der Wahrheit entspreche, denn er hangt selbst seiner Erzählung die Documente an, welche dieselbe, widerlegen; er hat sich offenbar nicht die Mühe gegeben, die Actenstücke noch einmal durchzulefen, so fest war er überzeugt, daß sie seine Darstellung bestätigten! Seitdem wir wenigstens für die neuern Zeiten in den Stand gesetzt sind, die Memoirenliteratur durch die zweifellosen urkundlichen und diplomatischen Quellen zu controliren, hat sich die ganze Unzuverlässigkeit jener herausgestellt, und gerade dadurch hat die neuere Geschichte eine so durchaus veränderte Gestalt gewonnen. Warum sollen wir also dem Josephus so bittere Vorwürfe über eine Unzuverlässigkeit machen, die sich in noch weit höherm Grade bei den berühmtesten Memoirenschreibern, wie Sully, Retz, St. Simon, ergeben hat? Höchstens dürfen wir es beklagen, daß er uns die einzige Quelle für die von ihm geschilderten Ereignisie geblieben ist. Und auch in dem Verfahren des Josephus in Galiläa glaubt Referent viel mehr Schwäche und Mangel an wahrem Heldenmuth, als vorbedachte Verratherei zu erkennen. Zm Verlaufe (S. 42. 56) neigt sich der Verfasser selbst, im Widerspruche zu seiner frühern Darlegung, dieser Auffaffung zu. Recht gut vertheidigt der Berfasier im fünften Capitel die Geschichtschreibung des Justus gegen die willkürlich gegen sie erhobenen Anklagen. Dann kommt (V und VI) eine Charakterisirung Agrippa's U. Gewiß ist es gut, daß hier den von allen Darstellern dieser Zeilen wider den genannten Herrscher ausgesprochenen Beschuldigungen gegenüber auch einmal die Kehrseite gezeigt wird; nur scheint mir der Berfasier viel zu weit zu gehen, wenn er den selbstsüchtigen und weichlichen König, im Gegensätze zu allen Angaben des Josephus, als einen getreuen Juden, der heimlich die Rache feiner Glaubensgenosien förderte, darstellt. Was wir von Agrippa 1l. wisien, erweist ihn auf Seiten der Römer: eS ist deshalb durchaus willkürlich und phantastisch, durch eine Reihe von kühnen Hypothesen das Gegentheil construiren zu wollen. Zumal wenn der Berfasier (IX) behauptet, Agrippa II. fei zunächst mit Josephus als Statthalter von Galiläa in Verbindung getreten, um heimlich den Aufstand der Juden anzustacheln, damit er selbst den Römern unentbehrlich werde — so ist dies völlig unerwiesen, ja unglaublich, da Agrippa vorher stets die Friedenspartei begünstigt und thätig unterstützt hatte. Freilich fuhrt der Berfasier (S. 60 f.) die Affaire mit den Dabarittern (Vila 23. 31) an, in welcher Josephus mit Agrippa in freundschaftlicher Verbindung erscheint; allein läßt sich letztere nicht viel einfacher so erklären, daß Josephus in feiner feigen Vorsicht sich für den schlimmsten Fall den Schutz des bei Len Römern so einflußreichen Agrippa sichern wollte? — Ganz vortrefflich dagegen ist in Capitel VIII die Schilderung der Parteistellung von Sepphoris und zumal von Liberias und seinem Führer Justus, die nach Wisien des Referenten hier zum ersten Male richtig dargelegt ist. Das Werkchen wird also unentbehrlich für Jeden sein, der sich für jene entscheidende Epoche in der Geschichte des jüdischen Volkes interessirt; wenn es auch nur mit derjenigen Vorsicht benutzt werden darf, welche der allzu kühne Scharfsinn des Verfassers dem Leser auferlegt. —n —n. SreiluiLCj du/occßt-tcßfcen. Deutschland. Leipzig, 6. December. (Privatmitth.) In diesen Tagen erschien Nr. 4 der als Manuscript gedruckten „Mittheilungen vom deutsch-israelitischen Gemeindebund", nachdem Nr. 3 schon im Jahre 1875 ausgegeben wurde. Das vorliegende Heftchen ist zumeist von dem Bericht über den außerordentlichen Gemeindetag am 19. Sept. ausgefüllt. Zur Zeit wurde über den letzteren in dies. Zeitung bereits referirt. Interessant daraus ist besonders der von dem Herrn Nachod über den Stand der Angelegenheiten erstattete Bericht. Biel Tharsächliches vermochte er freilich nicht mitzutheilcn, nämlich nur die Herausgabe des trefflichen Aufsatzes des Prof. Schleiden, von welchem 2250 Exemplare gedruckt und hiervon 1500 abgesetzt wurden, so daß die Kosten vollständig gedeckt werden. Ferner die gerichtliche Anklage der Paderborner Schmähschrift, die jüngst zum Austrage gekommen ist. Was den finanziellen Stand betrifft, so waren bei dem letzten Abschluß der Bermögensbestanv 7611 Mark. Seitdem wurden vereinnahmt 9613 M., in Summa 17,224 M. Verausgabt wurden 1875: 1543 M., 1876: 1291, 1877: 1150, zusammen 3985 M., so daß ein Ueberschuß von 13,240 Mk. vorhanden ist. Zu bemerken ist noch, daß ein Pensionsfond für Beamte von 4500 besteht, dessen Zinsen an die Achawa, den westphälischen Lehrerverein und den Berliner vertheilt werden. Es folgte die Debatte über die revidirten Statuten, über welche diese Zeitung das Nähere bereits mitgetheilt hat. Seitdem hat der Ausschuß beschlossen, einen Stipendienfond für Religionslehrer- Aspiranten zu sammeln, welcher, da der Plan dazu bei Gelegenheit des 50-jährigen Amtsjubiläums des vr. Herxheimer gefaßt worden, den Namen dieses verdienten Mannes tragen solle. Berlin, im December. (Privatmitth.) Bekanntlich ist im preußischen Abgeorvnetenhause wiederholt resolvirt worden, ein Gesetz über die Friedhöfe zu erwirken, durch welches diese zu Communaleigenthum und hierdurch interconfessionell gemacht werden sollen. Man glaubte nun, daß in der jetzigen Session ein desfallsiger Gesetzentwurf vorgelegt werden würde. Allein, wie man aus bester Quelle erfährt, ist daran noch nicht zu denken.

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