Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1877)
- Date
- 1877-12-18
- Page
- Seite 808 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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808 Man sieht, daß unsere beiden ersten Vorschläge mit denen unsres Herrn Correspondenten übereinstimmen, nur daß wir für eine gesetzliche Vorschrift die Bedingung eines schriftlichen Gutachtens der einer persönlichen Gegenwart des Rabbiners bei den Vorstandssitzungen vorziehen. Denn findet eine angemessene Stimmung zwischen Vorstand und Rabbiner statt, so versteht es sich von selbst, daß der erstere den letzteren zur Berathung Liner religiösen Angelegenheit persönlich heranzieht. Ist jedoch ein Disiens schon vorhanden, so ist eine schriftliche Behandlung der Sache vorzuziehen, um persönlichen Reibungen und Kränkungen vorzubeugen. Eine gesetzliche Bestimmung beschrankt sich daher am füglichsten auf die schriftliche Begutachtung, die dann auch Len Repräsentanten vorliegen kann und zu keinen Entstellungen der Ansicht und der Kundgebung des Rabbiners Veranlasiung giebt. Diese drei Vorschläge sind so beschaffen, daß sie am füglichsien staatliche Vorschrift werden können, ohne daß dadurch der jüdisch-religiösen Autonomie zu nahegetreten wird. Wo hierzu gar keine Aussicht ist, wie z. B. in Preußen, forderten wir in dlv. 37 von den Gemeinden, unsre drei Anträge in ihre Statuten auszunehmen. Wir werden mit Vergnügen die weiteren Auslastungen unsres gesch. Correspondenten entgegennehmen. Literarischer Wochenbericht. Vom Rheine, 27. November. Herr vr. A. Bärwald — nicht mit dem bekannten Director der israel. Realschule in Frankfurt a. M., vr. H. Bärwald — zu verwechseln, hat in seiner Schrift: „Josephus in Galiläa, sein Berhältniß zu den Parteien, insbesonvere zu Justus von Tiberias und Agrippa II. (Breslau, Wilhelm Köbner, 1877)", die viel ventilirte Josephus- Frage wenigstens von einem begrenzten Gesichtspunkte aus von Neuem in Angriff genommen. Wir wollen gewiß den Josephus nicht mit Taeitus vergleichen; aber in einer Beziehung geht es ihnen ganz gleich: man wirft ihnen Unglaubwürdigkeit vor, beschuldigt sie tendenziöser Geschichtsfälschung und tadelnswerther Parteilichkeit — und Loch kann man eine einigermaßen zuverlässige Kritik nicht an ihnen üben, da sie die einzige Quelle für die.meisten von ihnen berichteten Ereigniste sind. Um die Welt aus ihren Angeln zu heben, bedurfte Archimedes immerhin eines festen Punktes außerhalb derselben; dieser feste Punkt fehlt uns aber dem Berichte des Josephus gegenüber, außer wo wir durch innere und äußere Widersprüche in seiner eigenen Erzählung ihn zu überführen vermögen. Die leider sehr handgreiflichen allgemeinen Schwächen und Fehler der Geschichtswerke des Josephus sind uns wohl bekannt; aber nun im Einzelnen die Jrrthümer und Unwahrheiten zu eruiren oder gar Positives an deren Stelle zu setzen, bleibt meist ein sehr mißliches und insofern ergebnißloses Bemühen, als ein folgender Forscher mit demselben Rechte sich wieder ein ganz anderes Gebäude construiren.kann. Es ist das ja ein Berhävgniß, an dem sehr bedeutende Theile der alten Geschichte leiden, nur bei unserm Gegenstände um so schlimmer, als uns selbst die mangelhafte Controls vereinzelter officieller Documente fehlt. Die vorliegende Arbeit ist mit vielem Fleiße, mit ausgiebiger Berücksichtigung aller ftüherer Untersuchungen, auch der entlegenern, und mit einem Scharfsinn durchgeführt, dem man manche neue und interestante Bemerkungen verdankt. Der Berfaffer schildert nach einer kurzen Einleitung die Parteiverhältniffe vor Ausbruch des Aufstandes und den Beginn destelben, sowie die Stellung des Josephus innerhalb der Parteien (I—HI). Hier kann ich der Ansicht, die der Verfaster in Anschluß an Reuß verficht, nicht beitreten, als ob es innerhalb des jüdischen Volkes drei Parteien gegeben haben: die der entschiedenen Römerfreunde, der Friedfertigen und der Kriegerischen. Solche Juden, die sich von vornherein mit Bewußtsein den Römern gegen ihre eigenen Stammes- und Glaubensgenoffen anschlosten, gab es nur so wenige, daß sie in dem Conflicte gar nicht maßgebend hervortreten und als eigene Partei gar nicht gerechnet werden können. Vielmehr waren nur zwei große Parteien da: die Zeloten, die im Allgemeinen mit der Schule Schammai's, und die Friedfertigen, die mit der Hillel's identificirt werden können. Nach dem völligen Siege der Zeloten trat in der ihnen feindlichen Partei naturgemäß eine Spaltung ein, indem Diejenigen, welche das Parteiintereffe über das nationale setzten, erbittert bei den Römern eine Zuflucht suchten, während die getreuen Juden dieser Richtung nun, da der Krieg auf Leben oder Untergang einmal entschieden war, sich den Zeloten anschloffen. Sehr richtig und beherzigenswerth dagegen ist der von dem Verfasser (S. 14) ausgesprochene Grundsatz: daß die Darstellung des Josephus im veil um weit glaubwürdiger ist als in der Vita, da elfteres nicht allein den Ereignissen weit näher, sondern auch weit unbefangener geschrieben ist, als die letztere, die zur Abwehr bestimmter Angriffe von Josephus verfaßt wurde. Dem überaus* scharfen Urtheile unseres Verfassers über den Josephus und dessen Schriften (S. 15 f.) möchte sich Referent nicht ganz anschließen. Zumal was dessen Bellum und Viia anbetrifft, so muß man doch festhalte, daß dieselben einen memoirenhaften Charakter tragen, und daß bei solchen Selbstbiographien die Versuchung zu Unwahrheiten und Vertuschungen außerordentlich nahe liegt. Nicht allein möchte Jeder der Nachwelt in möglichst vortheilhafter Gestalt erscheinen, auch unwillkürlich verschiebt sich in der nachträglichen Erinnerung der Zusammenhang und man glaubt so gehandelt zu haben, wie man gehandelt zu haben wünscht. Ein außerordentlich schlagendes Beispiel hiervon haben uns ja die neuerlich veröffentlichten Hardenberg'schen Memoiren gegeben: der preußische Staatsmann schildert die Rolle, die er in den verhängnißvollen Jahren 1804—1806 gespielt hatte, durchaus unrichtig, nach den Grundsätzen, die er sich nach dem Eintritt der furchtbaren Ka-