Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1877)
- Date
- 1877-12-11
- Page
- Seite 800 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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800 Freunde. Eine systematische und vollständige Sittenlehre ves Judenthums findet man allerdings nicht darin, da die Tendenz des Buches vielmehr eine apologetische und polemische ist, wie schon der Titel bezeugt. Diese letztere Richtung ist in der neuen Auflage noch mehr in den Vordergrund getreten, weil eben im letzten Jahrzehnt neue schiefe und aggressive Darstellungen des Judenthums aus christlichen Federn geflossen, weshalb der Verfdie streitigen Fragen in besonderen Capiteln behandelt und die betr. Autoren zurückweist. In der ersten Abtheilung wird das allgemeine Menschenrecht nach den verschiedenen Büchern der h. Schrift, in der zweiten der Pharisäismus in allen seinen Phasen, im Kampfe gegen das Priesterlhum und die Sadduzäer, die verschiedenen Momente dieses Kampfes, besonders auch das Verhältniß zwischen Pharisäern und Jesu bis zu dessen Tode behandelt. Die dritte Abtheilung stellt das Recht der Sklaven, Fremden und Proselyten nach rabbinischen Gesetzen dar, und die vierte endlich charakrerisirt die ganze Folge der ausgezeichnetsten Talmudisten, hebt die Aussprüche und Vorschriften gegen die Heiden hervor, welche dem Talmud besonders zum Vorwurf gemacht werden, und zeigt sie in ihrem rechten Lichte, zieht hieraus das Resultat und wirft einen Blick bis auf die Rabbiner der Neuzeit. Man sieht hieraus, wie reich der Inhalt dieses Werkes ist, den der Vers, überall mit Sachkenmniß, geschichtlichem Sinn und Klarheit der Gedanken behandelt hat. Was wir gewünscht hätten, wäre, daß der Verf. in dieser zweiten Auflage seinem Gegenstände eine mehr systematische und übersichtliche Form zu geben gewußt hätte. Daß sich unser Autor in einigen Ansichten nicht von aller Einseitigkeit ftei gehalten und deshalb manche geschichtliche Erscheinung zu scharf kritisirt hat, werden wir nächstens in der Besprechung des Werkes von Jules Cohen, mit dem er in Vielem zusammentrifft, nachzuweisen, versuchen. — Bei unserer treulichen Besprechung des Werkes von Herrn du Mesnil-Marigny (s. Nr. 42. S. 664) stützte sich dieser französische Gelehrte auf die Autorität der Vulgata, und machte es uns zum Borwurf, daß wir derselben keine Rechnung trügen. Daß für schwierige Stellen auch die Vulgata nicht zu übersehen ist, haben wir niemals verkannt, und in unsrem Bibelwerke an unzähligen Stellen auch die Uebersetzung der Vulgata angeführt. In Deutschland steht es jedoch fest und wäre es sehr überflüssig den Nachweis dafür erst noch führen zu wollen, daß keine wissenschaftliche Untersuchung sich auf die Vulgata allein stützen dürfe und könne. Die französischen Gelehrten beachten dies durchweg nicht und fuhren in der Regel alle Schriftstellen nach der Vulgata an, woran sie durch ihre Kirche gewöhnt worden. Um deshalb nicht einseitig genannt zu werden, mögen wir hier eine kurze, prägnante Stelle eines englischen Kritikers anführen, die wir soeben in der Londoner Academy vom 8. Sept. pag. 243 finden. Es handelt sich um ein Werk von Jules Baissac, Satan, eiude de philosophie religieuse. Da heißt es: „Das Alte und das Neue Testament systematisch nach der Vulgata anzuführen in einer Abhandlung, die irgend den Anspruch darauf macht, wissenschaftlich zu sein, ist nicht mehr zulässig." — Im „ Journal des Debüts“ vom 30. October giebt Prof. A. Franck einen ausführlichen Bericht über das eben erschienene Werk: „Les Rabbins fran<;ais du cominencement du quartorzi&me si&cle par M. Renan, membre de linstitut. Extrait du tome XXVII de l’Histoire lit— t£raire de France. In 4°. Paris. 1877, Imprimerie Nationale.“ Dieses Werk ist eigentlich von A. Neubauer versaßt, und von Renan stylistisch ausgeschmückt und mit einer Einleitung versehen. Auch hier hat Renan seine frühere Sünde in dem Ausspruch, die Juden hätten seit tausend Jahren keine lesenswerthe Seite geschrieben, wieder gut gemacht. Die Geschichte der rabbinischen Literatur in Frankreich, die Herr Neubauer hier liefert, beginnt eigentlich in der zweiten Hälfte des U. Jahrhunderts. Sie giebt in dem ersten Theile die rabbinischen Autoren in Nord-, im zweiten in Süd-Frankreich. Unedirke Documente sind eingefügt. Besonders erhalt jener bekannte Kampf zwischen der Philosophie und der Orthodoxie, der in Frankreich wenigstens durch die brutale Berjagung der Juden ein Ende erfuhr, besonderes Licht. Franck wirft am Schluffe Neubauer vor, die Kabbalisten allzu streng behandelt zu haben, und die Kabbala als ein Product des 13. Jahrhunderts anzusehen. Bekanntlich gab Franck im Jahre 1843 eine Schrift heraus: „La Kabhale ou la philosophie religieuse des Hebreux“, welche sehr viel Gutes enthielt, aber der kritischen Behandlung entbehrte. Wir gaben damals einen ausführlichen Bericht in Nr. 42. 43. 44. 51. Jahrgang 43. Wie Herr Franck mittheilt, ist er mit der Bearbeitung einer zweiten Ausgabe beschäftigt. Wahrscheinlich verbleibt er bei seiner Meinung über das vorgegebene Alterthum der Kabbala. Doch hoffen wir, daß er die seitdem erschienenen kritischen Arbeiten der deutschen Gelehrten, namentlich von Jellinek und D. H. JoÄ (Leipzig, Fritsche, 1849), Jost und Grätz nicht übergehen werde, obschon ihm dies aus Mangel an Kenntniß der deutschen Sprache schwer werden wird. Ieiiilleton. Der Kampf gegen den Materialismus. Die Triumphe der Materialisten sind nur von kurzer Dauer! Die vermessenen Hypothesenjäger und ihre blinden Nachschwärmer, wenn sie glaubten, daß sie die Welt siegreich durchziehen und sich unterwerfen werden — nur kurze Zeit, und sie sehen sich aus ihren Träumen gerüttelt und von ihrem Wahne enttäuscht. So wenig wie der „neue" Glaube den „alten" zu überwinden ver-