Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1877)
- Date
- 1877-12-11
- Page
- Seite 799 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227174--35869-3305872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
799 die Sache im Ministerrathe zur Austragung zu bringen, und dieser faßte den Beschluß, die Tribunale neuerdings über ven wahren Inhalt des Vertragsrechtes hinsichtlich der ausländischen Juden aufzuklären und die Respectirung desielben streng zu fordern. Um jedoch die einheimischen Juden den fremden nicht als eine inferiore Race erscheinen zu laffen, wurde der Justizminifter beauftragt, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten, durch welchen die ven jüdischen Angehörigen der Vertragsstaaten zustehende Befugniß zum städtischen Grundbesitz allen in Rumänien ansässigen Israeliten verliehen wird. Bonn, 2. Dec. (Notizen.) In Hamburg machen jetzt wieder einige Afsergeschichteu des Oberrabbiners Stern Aufsehen und wirbeln in den dortigen Zeitungen Staub auf. Die Sachen sind zu unbedeutend, um hier besprochen zu werden. — Der vor längerer Zeit in Ottensen verstorbene Privatier R. L. Engel hat der Hamburger hochdeutschen Jsraelitengemeinde zu wohlthätigen Zwecken eine Zuwendung von reichlich 28,000 M. gemacht, deren Zinsen jedoch seine hinterlafsene Wittwe bis zu ihrem Tode zu genießen hat. — Dr. Hirschfeld, der bis vor Kurzem die von der Reichsregierung in Olympia begonnenen Ausgrabungen leitete, hat einen von dem britischen Museum in London an ihn ergangenen Ruf angenommen und wird demnächst dorthin übersiedeln. Mr. Newton, der Director der Abtheilung für Alterthumer in dem Museum, der im vorigen Jahre in Olympia war und daselbst mit vr. Hirschfeld bekannt wurde, hat großen Werth auf die Gewinnung des jungen Gelehrten für das britische Museum gelegt. Bonn, 48. Nov. (Literarische Notizen.) Das Beispiel des Heiden, der in der Lehre des Judenthums unterrichtet sein wollte, wahrend er auf einem Fuße stehe, findet noch gegenwärtig Nachahmung, wenn auch in der Weise unsrer Zeit. Eine jüdische Zeitschrift hat einen Concours eröffnet über die Frage: „DaS Judenthum als Ganzes von Dogmen und Riten, seine Gegenwart und seine Zukunft." Es dürfen nicht mehr als 30 Druckseiten sein. Das gesammte Judenthum sammt seiner Gegenwart und Zukunft auf 30 Seiten! Dennoch machte sich der unsren Lesern rühmlich bekannte Dr. Israel Michel Rabbinowicz zu Paris an die Aufgabe und ließ jetzt erscheinen: n Essai sur le judaisme, son passe et son avenir. (Paris, chez lauteur, 63 rue de Seine 1877.)“ Der Berf. meinte, daß es mehr darauf ankomme, den unterscheidenden Charakter des Judenrhums von anderen Gesellschaften und Religionen zu bestimmen, und zwar in jeder Epoche getrennt und dies nach der Auffassung derjenigen, welche in der betreffenden Epoche gelebt haben. Er unterscheidet deshalb die biblische Epoche, die der Auswanderung, die messianische und das Mittelalter. Wer diese Capitel in der Broschüre überblickt, erkennt leicht, daß der Berf. etwas Genaueres nur über den biblischen Zeitraum giebt, die übrigen Epochen kommen nur sehr kurz weg; von der Gegenwart und Zukunft ist gar nicht die Rede. Die eigentliche Aufgabe ist also nicht gelöst. Jndeß ist Pr. Rabbinowicz ein so selbstständiger Kenner und Forscher und besitzt eine in Frankreich jetzt so seltene Kenntniß der h. Schrift und des Talmuds, baß jede seiner Schriften genug Eigenthömliches bringt, um Beachtung zu verdienen. Unterscheidende Momente in der biblischen Zeit findet er, abgesehen vom Monotheismus, in der Unterweisung, welche dem gesammten Volke ertheilt wurde, in den Keuschheits- und Ehegesetzen, in dem Gesetz über die Sklaven, im Verbot des Zinses, in den Verhütungsgesetzen bezüglich des menschlichen Lebens, im Kriegsgesetze, im Verbot der Wahrsagung, in der Verminderung der Opfer und Geringzähligkeit der Priester (Ahron und seine zwei Söhne), in der Uebung der Barmherzigkeit. Der Epoche der Auswanderung, die mit dem babylonischen Exil anfängt, schreibt der Verf. einen offensiven Charakter zu, mittelst deffen die Juden darauf ausgingen, für ihre Lehre so viele Anhänger wie möglich zu gewinnen; an die Stelle der Opfer traten die Gebete; der Märtyrer stirbt für das Heil des ganzen Volkes; Moral und Philosophie waren im Volke verbreitet; die messianische Epoche reicht ihm von Herodes über die ersten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung; die Mefsiasidee herrschte vor. Um die Verschiedenheit recht erkennbar zu machen, stellt der Verf. die jüdische Erzählung vom Tobias in der Septuaginta und die christliche in der Vulgata neben einander; er vergleicht die christlichen und jüdischen Mystiker. Während des Mittelalters wird der Charakter des Judenthums wieder defensiv. Jetzt strebt das Judenthum sich mehr und mehr zu reinigen und die Eindringlinge des Mittelalters zu entfernen. Wie gesagt, die vorliegende Schrift wirst nur Streiflichter auf ihren Gegenstand, ist jedoch sehr lesenswerth. — „Das Judengemetzel in Bulgarien", Rede von vr. I. Holländer, Rabbiner zu Wreschen. (Posen, Jolowicz. 1877.) — natrc Trrc nanns ba mns -ieo„ rnab eenon:s. (Wien, bei dem Verfaster, Stephansplatz 9. 1877.)" Herr Pinkas Haft giebt in diesem Schriflcheu einen in gutem Hebräisch abgefaßten Commentar zum Buche Jesajas, den Capiteln folgend, jedoch nur mit Auswahl der schwierigeren Stellen. Es ist also nur ein Auszug aus einem größeren Werke. Die Erklärung wandelt auf ven althergebrachten Wegen, ohne sich um die neuere Kritik unv Sprachforschung zu kümmern. Aber sie bringt über manche dunkle und schwierige Stelle, namentlich des ersten Theils des Jesaja, recht paffende Auslegung und gute Gedanken, so daß die Gabe dankenswerth ist. — „Die Sittenlehre des Judenthums anderen Bekenntniffen gegenüber. Nebst dem geschichtlichen Nachweise über Entstehung und Bedeutung des Pharisäismus und deffen Berhältniß zum Stifter der christlichen Religion. Von vr. E. Grünebaum, Bezirksrabbiner zu Landau. Zweite vermehrte Auflage. (Straßburg, I. Schneider. 1877)." Dieses Werk erschien vor zehn Jahren in der ersten Auflage und erwarb sich alsbald viele 50*