Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1877)
- Date
- 1877-12-11
- Page
- Seite 795 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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795 jetzt leicht eine Umkehr zu den Mühler'schen Principien zur Folge haben dürfte. Es sei mithin dringend nothwendig, die freie und selbstständige Schule vorläufig nicht aus der Hand zu geben. Sladwerordneter vr. Neumann behauptete ferner, die Aufhebung der Schule würde das ganze jüd. Wifien, „die Mutter jeder Wissenschaft", in Berlin vollständig ertödten. In dieser Frage scheine der liberale Vorstand ebenso illiberal zu fein, wie in der Begräbnißfrage, da das alte Dogma von der Unzuläsfigkeit der Ruhe der christl. Gattin eines Juden nur in den seltensten Fällen eine Ausnahme erleide, ja, daß vor ganz kurzer Zeit die Bestattung zweier berühmter jüd. Gelehrten auf dem Friedhof fraglich wurde, blos weil dieselben mit den Ansichten der Rabbiner in Streit lagen, bis die allgemeine Entrüstung der Gemeinde ihnen einen Platz in der Ehrenreihe sicherte. Stadtverordneter Mamroth nahm daraus Anlaß auch die jetzige Praxis der Armenpflege einer scharfen Kritik zu unterziehen, die einen ungeheuren Kostenaufwand verursache und doch nur eine Förderung rer schmutzigsten Bettelei zur Folge habe, weil die arbeitsscheuen Leute aus Galizien und Polen förmlich nach Berlin eingeladen werden, um hier auf Kosten der Gemeinde zu leben. Würden alle diese unnützen Leute vier Wochen lang in's Arbeitshaus eingesteckt, rann wäre Berlin für immer von ihnen befreit. — Die Verhandlungen wurden mehrfach von Individuen gestört, die, wie sich spater herausstellte, sich der Beitragspflicht zur Gemeinde entziehen. Ein beachtenswerthes Inserat, überschrieben: „An die Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde" findet sich in den hierortigen Blättern. Es lautet: „Die Neuwahl von Repräsentanten, resp. Vorstehern in der hiesigen jüdischen Gemeinde steht nahe bevor. Es liegt auf der Hand, daß ein solcher Act für die Gestaltung unserer Gemeindeverhältniffe in den nächstfolgenden Jahren und darüber hinaus, von großer Wichtigkeit ist. Eine besondere Bedeutung erhält er aber dieses Mal durch die neueste Gesetzgebung über den Austritt aus den Gemeindeverbänden. Wem das Wohl unserer Gemeinde, an deren Bestand sich so viele ehrwürdige Erinnerungen knüpfen, am Herzen liegt, wird in den Wunsch einstimmen, daß unser Verband, unsere wohlthätigen und gemeinnützigen Institutionen, wie sie bisher sich als fest erwiesen, auch ferner nicht gelockert werden. Es kommt vor allen Dingen darauf an, daß innerhalb unserer großen Gemeinde jeder religiösen Richtung Raum gegeben werde, in den vorhandenen Institutionen ihre Befriedigung zu finden. Kein wahrhafter Freund des Gemeinwesens wird wollen, daß eine bestimmte Richtung, eine einzelne Partei in den ausschließlichen Besitz der Gemeindeverwaltung gelange. Ein solcher Erfolg der Wahlen würde ganz zweifellos Spaltung und Uneinigkeit in der Gemeinde, würde massenhafte Austritte aus derselben Hervorrufen; die jüd. Gemeinde von Berlin würde von der Höhe herabsinken, die sie an der Spitze der Gemeinden Deutschlands durch Zahl, Intelligenz und Besitz einnimmt. Bon solchen Wünschen und Besorgnissen erfüllt, ist eine Anzahl von Mitgliedern, denen der Friede und die Einigkeit in der Gemeinde über Alles geht, zusammengetreten, um ihren Glaubensgenossen eine Anzahl von Candidaten zur Wahl vorzufchlagen, wie sie die schwer in's Gewicht fallenden Zeitumstände erfordern. Wir wollen Männer wählen, die.ihre Liebe zur Gemeinde bethärigen, aber nicht ausschließlich einer Richtung angehören; die ihr höchstes Ziel in der Erhaltung deS Friedens und der Einigkeit in der Gemeinde erblicken und diesem Ziele mit Selbstverleugnung und mit Unterdrückung individueller Wünsche nachstreben. Mögen unsere Gemeindegenoffen sich riesen Bemühungen anschließen und es als eine hohe Pflicht betrachten» sich an der Wahl zu betheiligen, nach bestem Wissen und Gewissen, nach eingehender Prüfung der gemachten Vorschläge. Gleichgültigkeit und Jndifserentlsmus gegen die heiligsten Güter des Lebens haben stets die traurigsten Folgen nach sich gezogen". Es folgen die Namen von 2ö ehrenwerthen Männern aus allen religiösen Richtungen, darunter auch einige Häupter der orthodoxen Partei. Berlin, 2. December. (Privatm.) An der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums haben in diesem Semester 22 Studirende Vorlesungen angenommen, darunter sind 10 Deutsche, 9 Oesterreich-Ungarn (1 aus Bukowina, 8 aus Ungarn), l Pole (Warschau), 1 Rumäne, 1 Amerikaner. (Am meisten befriedigt es uns, daß 10 Deutsche darunter sind, so daß also die jüdische Theologie auch in der deutschen Jugend wieder einige Aussicht gewinnt und zwar gerade durch die Hochschule.) — . In der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde bei der Berathung des Culrusetats über den Abschnitt Aufbesserung der Gehälter und Unterstützung der Geistlichen „aller Consessionen" verhandelt. Bekanntlich versteht man in Preußen unter „allen Consessionen" nur die römisch-katholisch, alt-kathol. und evangelische. Die Juden gehören bei diesem Capitel nur zu den Steuerzahlern. Ein Capitel lautet über die Entschädigung der Geistlichen betreffs ihres Verlustes an Stolgebühren. Hierbei verlangte der Abg. Windthorst - Meppen die Berücksichtigung der Rabbiner in der Provinz Hannover. Der Regierungscommisiar Geh. Rath Dahlmann erwiederie, daß er die Billigkeitsgründe anerkenne, der Gegenstand aber in das Ressort des Ministerium des Innern gehöre. Hiermit war die Sache abgethan wie es scheint, in der That abgethan. Denn wenn im Ministerium des Innern an eine Entschädigung gedacht würde, so hätte die Beschwerde nicht geführt zu werden brauchen. Tie Sache hat noch einige principielle Seiten. Warum gehört diese Angelegenheit in das Ministerium des Innern? weil man in Preußen sich noch immer nicht entschließen kann, das Judenthum als eine Religion zu betrachten und deshalb unter das Cultusministerium zu stellen, sondern es immer noch als einen Gegenstand der Polizei behandelt, also der Bewachung des Ministeriums des Innern unterzieht. In Preußen gehören deshalb auch die Rabbiner nicht in die Kategorie der Geistlichen, sondern sind nur