Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1877)
- Date
- 1877-12-11
- Page
- Seite 794 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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794 noch auf eine größere Anzahl von Mißverständnissen Hinweisen, wollen aber nicht zu weitläufig werden. Fachkundige werden sich weder durch den Prunk mit arabischen Citaten, die hier sehr leicht zu haben sind, noch durch den Flitterstaat von Scheingelehrsamkeit, mit dem der Verfasser diese breiten Auszüge zu einem großen Literaturwerke aufzusteifen sucht, irreführen lassen. Befleißigt derselbe sich auch einer sauberen und klaren Darstellung, die nur manchmal etwas Erkünsteltes an sich hat und von Unwörtern wie „Amphibologie" „amphibologisch" nicht ganz frei ist, so wer-' den Kenner, die darin doch nur etwas Gewöhnliches erblicke», immer echtes Gold von Katzengold, Edelperlen von Glasperlen zu unterscheiden wissen. Die Reclamemacherei, die in unseren Tagen oft die Stelle der Kritik vertritt, mag der Charlatanerie, mir der sie im Bunde steht, immerhin die Stange halten. Der Geist echter Wissenschaftlichkeit wird endlich doch zur Anerkennung gelangen und von dem überwuchernden literaris chen Streberthum nie verdrängt werden können: -erp «rrwip. — N. B. 16it<xxr&U/c£beuy. Deutschland. B0UN, 28. Nov. (Privatm.) In der letzten Zeit fanden und finden in vielen Gemeinden Neuwahlen der Repräsentanten und des Vorstandes statt. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen haben diese Wahlen an nicht wenigen Plätzen eine besondere Bedeutung. Denn glücklicher Weise liegt die Zeit hinter uns, io welcher die Ehrenämter der jüdischen Gemeinden in manchen Kreisen mit sehr gleichgültigen, ja sogar verächtlichen Blicken angesehen wurden, und wenn wir auch nicht sagen wollen, daß sie aller Orten Gegenstand des religiösen Eifers und Enthusiasmus geworden, so doch des Ehrgeizes oder wenigstens des Strebend. Bedauerlich aber unvermeidlich ist es hingegen, daß sie vielfach zum Zankapfel der Parteien gemacht werden, und hieran für die Gemeinden betrübende Erfolge haben und haben können. Wer den richtigen Begriff des repräsentativen Princips, d. i. der Vertretung der gesammten Masse in's Auge faßt, wird einverstanden sein, daß in einer Körperschaft, welche die Gesammtheit vertreten soll, jede Partei, welche über eine verschwindende Minderheit hinaus einen immerhin beachtenswerthen Bruchtheil der Gesammtheit bildet, vertreten sein müsse. Es ist dies nicht allein gerecht, sondern auch politisch, insofern dann jede Partei ihre Ansichten und Wünsche zum Ausdruck und womöglich zur Berücksichtigung bringen kann und dadurch in ihrem Widerspruche durch Ausschluß aus der Vertretung nicht verbittert wird. Von diesem Standpunkte aus wird es, noch dazu in so kleinen Corporationen, wie die jüdischen Gemeinden ausmachen, rathsam sein, in Vorversammlungen der Wähler die verschiedenen Parteien einer Gemeinde zu öffentlicher Aussprache gelangen zu lassen und bei Feststellung der Candidaten verhältnißmäßig zu berücksichtigen. Hierbei wird es sich dann um so offenkundiger machen, auf welcher Seite der Geist echter Religiosität, d. i. der Geist des Friedens wallet: ob die Majorität die Minderheit ausschließen wolle, oder ob die Minderheit, weil sie die Majorität nicht zu beherrschen vermag, sich selbst ausschließt und auf Spaltung und Trennung losarbeitet? Wir machen aus diesem Gesichtspunkte auf die Nachrichten aus Wien, Berlin und Darmstadt aufmerksam. Wien bietet unS hierbei einen völlig verschiedenen Anblick als Berlin und Darmstadt dar, da Berlin unter dem Austrittsgesetze steht, nnd Darmstadt ein solches in Aussicht hat. — Wir wollen an dieser Stelle die Vorsteher der Gemeinden aufmerksam machen, auf die vielen Einbrüche und Diebstähle, die in der jüngsten Zeit an Synagogen verübt worden. Es liegen uns aus Pommern und Posen mehrfache Berichte, heute z. B. auch aus Neubrandenburg vor, die hier mitzutheilen es an Raum gebricht und zum Theil beträchtlichen Schaden der Gemeinden bemelcen. Es ist nicht zu verkennen, daß die Aufmerksamkeit der Diebesbanden sich auf die Synagogen gerichtet hat und daß diese durch die geringe Bewachung der Synagogengebäude darin bestärkt und befördert wereen. Die Vorsteher müßten deshalb eine größere Wachsamkeit veranlassen und besonders die Werthgegenstände aus den Synagogen nach jedesmaligem Gebrauche in Verwahrung bringen lassen. Berlin, 25. November. «Privatmitth.) Es steht jetzt eine Neuwahl von Repräsentanten resp. Vorstehern nahe bevor. In diesen Tagen, nämlich am Samstag, fand eine Versammlung liberaler israelitischer Wähler statt. Ein Bericht hierüber lautet: Die Versammlung hat die Wiederwahl der jetzigen Repräsentanten und Stellvertreter beschlossen und denselben noch 13 neue Candidaten angefügt, von denen insbesondere die Herren Sanitätsrath und Stadtverordneter Br. Neumann, S. Marsop jr. und Commerzienrath Weigert zu nennen sind. Der Bau der Luisenstävtischen Synagoge, für welchen in der Luisenstadt agitirt wird, wurde abgelehnt, weil die Finanzen der Gemeinde durch die polizeilich geforderte Erweiterung des Begräbnißplatzes vor dem Schönhauser Thor aus's äußerste angegriffen werden, particularistische Interessen überhaupt verderblich seien, auch noch nicht einmal ein Bauplatz nachgewiesen werden könne. Ebenso wurde ein Antrag auf Aufiösung der jüdischen Gemeindeschule, deren Fortbestand mit dem großen Gedanken der confessionslosen Schule nicht vereinbar sei, lebhaft bekämpft und schließlich mit großer Majorität abgelehnt. Rechtsanwalt Makower betonte die Gefahr, daß ein Wandel in den höchsten Spitzen der Staatsbehörden