Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1877)
- Date
- 1877-12-11
- Page
- Seite 791 (sequence 3)
- Language
- German
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791 Egypten und TyruS — wenn auch allerdings die Unverbesserlichen hierbei zu Grunde gehen. Die menschliche Gesellschaft, im israelitischen Volke wie in allen Völkern soll zu einem Reiche der Gotteserkenntniß, der Gottesverehrung, der Wahrheit, des Rechtes und des Friedens erhoben werden und dies ist der große Proceß, durch den die göttliche Vorsehung und Vergeltung die Menschheit zum Ziele führt. — Weisen wir dies im Einzelnen In den einleitenden Weissagungen, mit welchen (Capp. 1—6) das Buch des älteren Jesaias anfängt, giebt der Prophet eine Schilderung der sittlichen und religiösen Entartung, sowie seine Verkündigungen über das göttliche Gericht und die dereinfiige Wiederherstellung. Er stellt seine Hörer sofort auf den eigentlichen Boden der prophetischen Anschauung, indem er spricht (B. 2): „Höret, ihr Himmel, merk' auf, o Erde, denn der Ewige spricht: Kinder erzog und erhöht' ich, sie aber fielen ab von mir." Er sieht also die religiöse und sittliche Beschaffenheit der Menschen als eine Angelegenheit an, an welcher die ganze Weltordnung betheiligt ist, daß sie den Gegenstand der göttlichen Erziehung des Menschen bildet, deffen „Erhöhung" die fortschreitende Entwickelung ist, daß aber der Mensch (in seiner Willensfreiheit) jener zeitweise nicht entspricht, die sittliche Entartung daher als ein „Abfall von Gott" betrachtet werden müffe. Mit einer Entschiedenheit, wie sie wohl schwerlich kräftiger auf dem Boden irgend einer Religion zum Ausdruck gebracht worden, verdammt er hierauf die mit sittlicher Schlechtigkeit verbundene Formheiligkeit und Frömmelei, die bei dem Einen Heuchelei, bei dem Anderen Beschränktheit ist. Er ruft aus (B. 11): „Wozu mir Eurer Opfer Menge? spricht der Ewige. Satt bin ich der Ganzopfer von Widdern, des Fettes der Mastkalber, am Blut der Farren und Lämmern und Böcke Hab' ich kein Gefallen. So ihr kommt vor mir zu erscheinen, wer begehrt dies von euch, zu zertreten meine Vorhöfe? Bringet nicht mehr heuchlerische Speisopfer. Raucherwerk ist mir ein Greuel; Neumond und Sabbath, Zusammenberusung, nicht mag ich Frevel und Fest. Eure Neumonde und Feste haffet meine Seele, sie wurden mir zur Last, ich bin müd' es zu tragen. Und so ihr ausbreitet eure Hände, verhüll' ich meine Augen vor euch; auch so ihr mehret Gebet, ich höre nicht: eure Hände sind voll Blutes." (Vgl. 29, 13). Alle Formen des damaligen Cultus sind bezeichnet, sie werden alle mit Eifer betrieben, häufiger Besuch des Tempels, reiche, ausgewählte Opfer, Sabbath und Fest, vielfaches Gebet — aber mit dem Feste ist Frevel, mit dem Gebet Blutschuld verbunden — sie sind verworfen! Sofort ruft der Prophet dem Volke zu, was Gott verlangt (V. 16): „Waschet euch, reinigt euch, schafft das Böse eurer Werke aus meinen Augen hinweg, höret auf zu freveln; lernet gut thun, suchet Recht, stellt den Unterdrückten her, schafft der Waise Recht, führt der Wittwe Streit" — also Reinheit des Herzens, Rückkehr zum Recht, Ersatz für das geübte Unrecht, Eintritt für das Recht der Schwachen. Auf diesem Wege allein, fahrt er fort, erfolgt die Vergebung der Sünden und die Wiedererlangung alles Heils. Der Prophet tritt hiermit allen falschen Vorstellungen von Buße und Sündenvergebung durch den Glauben, durch äußerliche Opfer und Kasteiungen entgegen. Was durch Unreinheit des Herzens gesündigt worden, kann nur durch Reinigung deffelben, was in bösen Handlungen gefrevelt worden, kann nur durch Ersatz und Rückkehr zum Rechte gesühnt werden. Alles Andere könnte nur Mittel zum Zwecke sein. — Mit tiefer Wehmulh beklagt der Prophet die Umwandlung der einst „treuen Stadt, voll des Rechts, Gerechtigkeit wohnte darin" — wie anders jetzt „Jeglicher liebet Bestechung und jaget nach Lohn; der Waise geben sie nicht Recht, der Wlttwe Streit gelangt nicht an sie." Deshalb das bevorstehende Strafgericht — „dann bring' ich dir wieder Richter wie einstens. Räche wie Anfangs: nachher wird man dich nennen Stadt der Gerechtigkeit, treue Burg; Zion wird gerettet durch Recht und seine Bekehrten durch Gerechtigkeit." (B. 26). Als die Wurzel alles Uebels bezeichnet er einerseits (2, 7) die Habgier, die Sucht nach Reichchum, die sich mit Prunk und Götzendienst verbindet, und (3, 14) „den Staub des Armen in den Häusern" häuft, andrerseits die Eitelkeit, Hoffahrt und Putzsucht der Frauen <B. 16). Dies sind die allgemeinen Züge der sittlichen Entartung, und auf diesen Hintergrund zeichnet er die einzelnen Verirrungen. Höchst intereffant ist nach dieser Richtung das 5. Capitel. (Forffetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Frankfurt amMain, im November. (Forts, u. Schluß). Wir könnten hier noch manche derartige Unrichtigkeiten aus der ebben genannten Schrift hervorheben, Loch dürfen wir uns hier von unserem Gegenstände nicht zu weit entfernen. Wer Untersuchungen über die Theologie Saadja's anstellt, konnte man nach dem Gesagten uns entgegenhalten, muß darum noch nicht wiffen, wie der Gaon-Philosoph über den Messianismus u. dgl. denkt. Wir wollen daher dem Verfaffer auf das Gebiet folgen, das er bearbeitet, ohne hier auf Einzelnheiten einzugehen, bei denen ein Jrrthum aus mangelhafter Sachkenntniß entstehen konnte, wie wenn der Verfaffer behauptet, z. B. daß y*773 (Emunot Einl. S. 8) „die natürliche Einsicht unseres Verstandes" d. i. „die angeborenen Verstandesbegriffe" (riidiLdr-, mbssjia) bezeichne (S. 2, Anm. 3), währenddem nrs-ir; -csts mr» nrs ■»bsan ymar; cpsr-o 2« (Em. S. 2) zeigt, daß es zu der Wiffensmaterie, von der Saadja hier spricht. Beweise gehören, also von verstaudesmäßiger Erkenntniß überhaupt die Rede ist, oder wenn er S. 2, Anm. 2 sich auf Schmölders beruft, um in r.zizazr, rt^rrrr (Em. S. 9) den Begriff der Tradition ausgedrückt zu finden, währenddem aus Abschn. NI, S. 79 (Ed. Leipzig) klar zu er- 30*