Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1877)
- Date
- 1877-12-11
- Page
- Seite 790 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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790 thums, so weit es auf uns gekommen, eine dreifache Sturmperiode zu unterscheiden. Die erste, als das Zehnstämmenreich sich gegen Juda erhob, Syrien zu Hülfe rief, Juda sich den Beistand Assyriens erkaufte, dieses daS Zehnstämmenreich zerstörte und sich dann gegen Juda wandte, um in seinem Ringen mit Egypten im Lande Israel eine feste Position zu haben. Dieser Periode gehören an: Joel, Amos, Hosea, Jesaias I, Micha und Nahum (bi» gegen 700 vor der gew. Zeitr.) Ein Jahrhundert spater waren die Chaldäer von Babel an die Stelle der Assyrer getreten; in dem gewaltigen Kampfe jener mit Egypten um die Weltherrschaft wird Juda zuerst der Egypter, dann der Chaldäer Vasall, schließt sich daher an die Ersteren an, um mit Hülfe derselben von der Obmacht der Letzteren sich frei zu machen und sinkt in diesen Versuchen in Trümmer; in dieser Periode traten auf: Jirmeja, Zephanja, Obadja, Secharja I (Capp. 9—14), Habakkuk und Jecheskel (bis 568 vor d. gew. Zeitr.) Endlich fielen die Chaldäer vor dem Schwerte der Perser; Juda sollte nach seinem Erblande zurückkehren, den Staat und Jerusalem, den Cultus und den Tempel wiederherstellen; Mangel an Begeisterung im Innern und vielfache Hindernisse von Außen, standen dem großen Werke entgegen; da erhoben sich Jesaias II (Capp. 40—66), Haggai, Secharja II (Capp. 1—8) und Maleachi (bis 450 vor d. gew. Zeitr.) *). Das Buch, welches den Namen Jesaias trägt, und das anerkanntermaßen aus zwei, durch die Kanonisten selbst vermittelst der Einschiebung der geschichtl. Capp. 36—39 unterschiedenen Theilen besteht, giebt uns in seinem ersten Theile die Rede» des Hauptträgers der ersten, in seinem zweiten die Reden des Hauptträgers der dritten Periode. Indem wir hier nun die Moral, wie sie von diesen beiden großen Propheten gelehrt wird, betrachten wollen, wird es sich uns zeigen, wie sie sich in ihr auf dem Standpunkte befinden, den ihnen ihre Zeit nothwendig anwies. Beschäftigen wir uns zunächst mit dem ersten Jesaias. Wie alle Propheten setzt Jesaias Lehre und Gesetz als sowohl theoretisch wie practisch bestehend voraus, theoretisch, indem sie längst verkündet worden, practisch, indem sie sich so in das Volk eingelebt haben, daß von ihnen abzuweichen dem Volke als Frevel angesehen und vorgehalten wird. Die Propheten hatten daher nicht die Aufgabe, bestimmte Vorschriften zu geben, religiöse und sittliche Gedanken zu formuliren und als Richtschnur aufzustellen. Sie gehen vielmehr von der Vergleichung der wirklichen Zustänve des Volkes mit dem, was Lehre und Gesetz beabsichtigten und verlangten, aus, und gründen hierauf ihre Schilderungen, Mahnungen und Verkündigungen. Es fließt ferner hieraus, daß die Propheten sich nicht an die Individuen richteten, sondern an das gesammte Volk, und höchstens einzelne Classen desselben hervorheben. Die Leidenschaften, welche im großen Maße in das Volk eingedrungen sind, eine sittliche Entartung 1) S. unsere ausfiihrliche „israelitische Religionslehre" Ad. I., hervorgebracht haben und ihre verheerenden Wirkungen überall hin ausbreiten, sie sind es, welche den Feuereifer der Propheten erwecken, und ihr Verdammungsurtheil erfahren. JesajaS steht hierin auf der höchsten sittlichen Stufe. Er ergeht sich nicht in sentimentalen Prasen, in weichlichen Sprüchen und zweideutigen Gleichnissen; aber er wendet die ganze Energie seines erhabenen Geistes, die ganze Fülle seines dichterischen und rednerischen Genius an, um die menschliche Gesellschaft allein auf dem Rechte, das in höherem Sinne auch die Liebe umschließt, beruhend zu erllären, und ihren Bestand allein durch Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit als möglich zu verkündigen. Aus dem sittlichen Chaos, in welches das Volk versunken war, versuchte er es mit der Kraft seines Geistes auf den Fels des Rechts' wieder zu erheben und es dadurch von den Lastern und Verbrechen zu heilen, die in ihm heimisch geworden. Als die Quelle dieses Rechtes gilt ihm die Erkenntniß und echte Verehrung Gottes. Wer diese in sich trägt, ist sittlich rein und fest. Jede sittliche Verirrung ist ihm ein Abfall von Gott und nur durch diesen bewirkt. Mit der Rückkehr zur echten Gotteserkenntniß und Gottesverehrung wird der Mensch geläutert und zur Uebung des Rechts geführt. Hier ist es aber, wo Jesaias an der Spitze der Propheten sich als antipriesterlich erweist. Ihm ist Gottesverehrung und Uebung des bestehenden Cultus durchaus nicht identisch. Zu viel beobachtet er die Verbindung der Formheiligkeit, der Uebung, ja der übertriebenen der Cultusacte, der Opfer, der Feste, und selbst der Gebete mit frevelhafter Handlungsweise, mit schändlichem Unrecht und sündiger Genußsucht, um nicht jene als eine Fälschung wahrhafter Gottesverehrung zu verurrheilen. Während die Priester aller Religionen deren Bekenner zu sorgfältiger Beobachtung der gottesdienstlichen Acte, zu häufigem Besuche der Tempel, zur Darbringung von Opfern und Absagung von Gebeten bis auf den heutigen Tag auffordern und sie allein in diesen das Seelenheil zu finden und zu erreichen lehren: treten die Propheten Israels, und insonders Jesaias geradezu dagegen auf, und verlangen allein Reinheit des Herzens, unbedingte Uebung der Gerechtigkeit, Beseitigung aller Heuchelei, alles Hochmuths und besonders auch der Habgier, verlangen Keuschheit und Mäßigkeit in allen Genüssen des Lebens. Dies ist ihm mit der wahren Gottesverehrung, wie diese wiederum aus der Gotteserkenntniß fließt, identisch. Als besonderer Maßstab der Gerechtigkeit gilt ihm, wenn sie gegen Schwächere geübt wird, die er wiederholt durch „Wittwen und Waisen und Arme" bezeichnet. Hervorzuheben haben wir hier noch; daß Jesaias die göttliche Gerechtigkeit durchaus nicht aus dem Gesichtspunkte betrachtet, daß die böse Handlung eine Bestrafung erfordere, sondern vielmehr, daß die göttliche Vergeltung die Erziehung des Menschen, des israelitischen Volkes und aller Völker zu Absicht und Zweck habe, sie durch die Züchtigung zur Läuterung zu bringen, um ihnen dann wieder die Fülle des Wohls und Heils zu spenden. Das Strafgericht ist nur der Weg zur Läuterung und Wiederherstellung — so selbst für