Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1877)
- Date
- 1877-12-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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t£ZH Allgemeine 3ritun -es Hudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson m Bonn. Verlag von Baumgärtncr's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet._ 41. Jahrgang. Leipzig, den 11. December 1877. «A? 50. einmal^« 2 ItSoge». Prei» »ierteljäbti« 32)larf. In,ernte werden mit 2<t Pf. für die Petitzelle «er bernx Raum berechnet. Alle BnchhnudtnnLen. Postämter und AeitmigS - Expeditione» nehme» BcstclUmscu au. Zu redactiouelleu Aua—0—,-. weode man sich an Dr. £. JJijitippfott in Bonn; hinsichtlich der Inserate an St. Messe in Leipzig und bcff n Filialen in Berlin, BreSlanrc. Inserate; welch« bis voanersta? cinaehen. finden in der dar» ausfolzenden Nummer Berücksichtigung. Inhalt. Leitende Artikel: Die Jesaiamsche Moral. I. — Literarischer Wochenbericht: Frankfurt am Mam. (Schluß.) — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin. Darmstadt. Aus Württemberg. — Oesterreich-Ungarn: Wien. Tcmesvar. — rankreich: Paris. — Schweiz: St. Gallen. — Italien: Turin. — Großbritannien: London. — Rumänien: Wien. — oun: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Der Kampf gegen den Materialismus. — Vermischtes. Heilende (flCihiief. Bonn, 5. December. Die Jesaiamsche Moral, l. Es ist sicherlich ein Verdienst, das Verständniß jedes einzelnen Ausdruckes und Satzes der biblischen Autoren auf dem Wege der Sprachforschung und der Combination zu befördern; oder den Abfasser und die Abfaffungszeit der verschiedenen Bücher und ihrer Theile zu erörtern, wenn hierbei die richtigen Grundsätze und eine positive Tendenz vorherrschen. Doch ist es nicht zu verkennen, daß diese beiden Bestrebungen in so erdrückender Weise gepflegt worden sind, daß dadurch die tiefere Erkenntniß und noch mehr die allgemeine und unmittelbare Wirkung der h. Schrift und ihrer Bestandtheile geschädigt worden. Auch auf dem Boden der Philologie kann die Aufhäufung des bloßen Materials und die Bearbeitung der Einzelheiten, so schätzenswerth sie an sich sind, dem Verstandniß schädlich entgegentreten, worauf es doch schließlich ankommt, für Verbreitung und Befestigung der Erkenntniß und der Gesittung und sittlichen Veredlung wirksam zu sein. Hierin immer wieder einen allgemeineren Standpunkt zu erreichen und von da aus auf die Geister und Gemüther zu wirken, muß uns zum eifrigen Streben werden. Seit langen Zeiten — wir vermögen den Anfang derselben zu bestimmen — hat man der h. Schrift vorzugsweise den Stoff zu einseitigen und engherzigen Dogmen und den Streitigkeiten über dieselben entliehen, und dadurch in der Menschheit das Gegentheil von dem erzielt, was die h. Schrift nach ihrem Geiste bezweckte, das Recht, die Liebe und den Frieden hervorzurufen. An die Stelle der Erkenntniß setzte man das Dogma, an die Stelle der Ethik die Ascetik, an die Stelle des Völker- und Volkslebens das kirchliche Heil der Individuen. Wie wenig echte Religiosität und wahrhafte Sittlichkeit dadurch gefördert, wie sehr der Religion und der h. Schrift geschadet worden, tritt in tausendfachen Erscheinungen auf. Ja, wir behaupten, daß ganze Jahrhunderte des blinden Schriftglaubens, des Buchstabencultus für die heilige Schrift die Menschheit weniger vorwärts gebracht zum großen Ziele des Gottesreiches, als eine kurze Zeit warmer begeisterter Auffassung in unbefangenem Geiste, selbst wo diese den Zweifel und den Unglauben zu bekämpfen hat. Gegen diese letzteren reagirend, muß die allgemeinere Betrachtung der Schrift den eigentlichen Kern, den wahren Gedankeninhalt der biblischen Bücher in's Licht zu stellen sich bemühen. Die Propheten Israels schreiben weder Moralsysteme für das Katheder, noch Predigten für die Kanzel. Sie stehen, das Haupt zum Himmel emporgerichtet, mit ihren Füßen mitten im wirklichen Leben des Volkes und der Völker. Hiernach nimmt der Lauf ihrer Gedanken seine Richtung, ihre Rede den Charakter, ihre Aussprüche die Färbung an. Wenn wir den eigentlichen Beginn des Prophetenthumes von der Zeit zu datiren haben, wo das israelitische Volk einen König verlangte, eine monarchische Centralgewalt aufrichtete, weil eben im Ganzen die Könige, nach unumschränkter Herrschaft strebend, der Lehre und dem Gesetze entgegentraten: sohaben wir innerhalb des schriftlichen Propheten-