Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1877)
- Date
- 1877-12-04
- Page
- Seite 777 (sequence 5)
- Language
- German
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777 in dieser Frage sich Herstellen" ließe, „aber ein wiffenschaftlicher Werth demselben so lange abgesprochen werden müßte, als noch das weitfchichtige Material einer Sichtung und Erforschung nach Zeilen und Tendenzen entgegen harrt". Wir könnten hier dem Verfaffer zurufen: «in Pi aaaa «in Pi 0«! So schlecht ist es in unserer Zeit wahrlich nicht mehr mit der Kenntniß dieses geistvollen Schrifterklärers bestellt, daß man darum die freilich nicht unschwere Arbeit, seinen Standpunkt in irgend einer Frage nach den an den verschiedensten Orten austauchenden Aeußerungen festzustellen, scheuen mußte. Jbn Esra hat, wenn der Verfaffer „überhaupt nur diejenigen Philosophen in den Kreis seiner Darstellung gezogen hat, von denen zusammenhängende Untersuchungen und bestimmte Erklärungen über diesen Gegenstand vorliegen", hier mindestens denselben Anspruch auf eingehendere Behandlung als Jbn Gabiral, betreffs deffen wir fast nur auf gelegentliche Aeußerungen, die in den Collectaneen Falaquera's hervortreten, angewiesen sind. Wie aber der Verfaffer auch auf dem enger begrenzten Gebiete, auf welchem er sich bewegt, oft so wenig zu Hause ist, daß man ihn fast für einen Fremdling auf demselben halten konnte; wie selbst da, wo weder reiche Belesenheit noch glänzender Scharfsinn zu entfalten ist, eine Oberflächlichkeit sich kund thut, die, man möchte fast sagen, an das Fabelhafte grenzt, können, von Mißverständnissen geringeren Belanges völlig zu schweigen, sprechende Proben gegeben werden, von denen, wenn wir nicht selbst ein Buch schreiben sollten, nur einzelne hier angeführt werden dürfen. In Emunot 4, 7 (Ed. Leipzig, S. 129) spricht Saadja von „Leuten, die Jehudim genannt werden" war« a-'-nrr a-’snpsa) und der Lehre von der Seelenwanderung zugethan sind. Jellinek, Schmied! u. a. glaubten in diesen „Jehudim" die bei Schahrastani und Hadassi genannten Judghaniten erkennen zu dürfen (vgl. über dieselben Grätz's Geschichte 5, S. 517). Für diese Identification konnte jedoch nur die Gleichlautigkeit der Namen als beweisend angeführt werden, denn dafür, daß die Judghaniten die Seelenwanderung annahmen, war kein Beleg aufzufinden. Herr Kaufmann glaubt nun dieselbe auf eine unzweifelhafte Weise begründen zu können. Saadja nennt — was den früheren Forschern wirklich entgangen ist — die „sogenannten Jehudim" noch an einer zweiten Stelle. „Dort" — wir lassen jetzt den Verfaffer sprechen — „theilt er von ihr (nämlich der Secte der Jehudim) mit, daß die Feste für uns bedeutungslos seien, da sie nur zur Zeit des zweiten Tempels Geltung gehabt haben. Das wird aber auch von ihnen bei Mukammez (angeführt in Eschkol Ha-Kofer Nr. 97 vgl. auch Dukes Beitr. II, 25, Anm. 1) berichtet „Sabbathe und Feste haben wegzufallen" — bei Saadja heißt es a^NVian mV« mnrcrj nb«i — lautet dort ihre Lehre .... Die a°nirp des Saadja sind also die Judghaniten, die, wie wir von ihm erfahren, die Seelenwanderung lehrten". Darüber, sollte man meinen, wäre nun nichts weiter zu sprechen; kritische Spürnasen könnten höchstens noch bei dem Worte rnanrn verweilen wollen, über welches der sonst so schreibselige Verfaffer mit Stillschweigen hinweggeht. Nun sehe man sich aber einmal unsere Stelle bei Saadja an—sie lautet: b? ins nb«n a^ar-rsn nn«i nb« ts n-aain a*m!"p a^finpra a'w:rr tzt rs ■ayarra — Tnasn rraa abia -rn riianrn nbrri abia a^yiran lese einen der vorangegangenen und — wir wollen dem Leser nicht zu viel Mühe verursachen — zwei oder drei der folgenden Sätze, und ftage sich dann, wie hier mit der Bedeutung „Feste" für irnyi» und man: auszukommen ist. Natürlich wird jeder, der den achten Abschnitt des Emunot „Ueber die letzte Erlösung" nur im Fluge durchgegangen hat und weit davon entfernt war, ihn mit dem Auge des Forschers zu lesen, sofort erkennen, daß a^nyin hier so viel als prophetische Verheißungen, die in der Erlösungszeit eintreffen sollen, bedeutet. Herr Kaufmann, der in seinem Buche ein Capitel „über den schriftstellerischen Charakter des Emunot" hat (S. 78—90), aus welchem wir übrigens blutwenig über denselben erfahren, hat also dieses Werk eigentlich mehr durchgeblickt als gelesen, hier eine Stelle erhascht, die ihm verwendbar schien, und, ohne erst mit ihrem Inhalte sich bekannt zu machen, aus ihr Münze geschlagen. Bei Herrn Kaufmann muß man sich überhaupt daran gewöhnen, Behauptungen entgegenzunehmen, mit denen es ihm nur darum zu thun war, Worte zu machen, ob mit diesen nun etwas ThatsächlicheS ansgesagt wird oder nicht. Da lesen wir z. 'B. in seiner ebenfalls im Laufe dieses Jahres erschienenen Schrift „Jehuda Halevi. Versuch einer Charakteristik"' (es hätte wohl eher heißen können: einer Panegyrik, denn von einer objectiven Prüfung und Würdigung ist, wie leicht nachgewiesen werden kann, hier nichts zu finden) S. 11. „Denn wenn selbst ein Himmel entsproffener (sie) wie Goethe über die Hinderniffe klagt, welche die Sprödigkeit seiner Muttersprache ihm in den Weg gelegt, so ist ihm (I. H.) die Klage erspart geblieben, dem für alle Töne seiner Brust der alte sprachbildende Trieb seines Volkes das köstlichste Wort vorhergeschaffen hatte." Dieses Lob hätte einen positiven Gehalt, wenn jüdische Dichter, die Jehuda Halevi's Vorgänger oder Zeitgenoffen waren, irgendwie sich darüber geäußert hätten, daß sie in der hebräischen Sprache, in der sie ihre Poesien niederschrieben, mit dem Ausdrucke zu kämpfen haben, andernfalls ist sie historisch ebenso gegenstandslos, wie wenn man etwa sagen wollte: Wahrend dem Rückert erst mit dem Studium der arabischen Sprache sich beschäftigen mußte, weil sonst der Geist der orientalischen Poesie ihm fremd geblieben wäre, so ist Jehuda Halevi diese Arbeit erspart geblieben, denn er hatte diesen Geist mit der Luft, in der er athmete, eingesogen. Nun ist aber Herrn Kaufmann's Behauptung nicht nur unhistorisch, sondern auch dem wirklichen Sachverhalt widersprechend. Jehuda Halevi spricht sich in Kusari ll, 68 gerade dahin aus, daß „uns heutzutage im Hebräischen mancher Ausdruck fehlt, weil diese Sprache für uns aus dem Leben geschwunden ist"