Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1877)
- Date
- 1877-11-27
- Page
- Seite 767 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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767 bleibt der Kleine befangen, bald begrüßt er uns mit einem deutlich und correct ausgesprochenen Jo napot! Denn bekanntlich beschrank! sich der Unterricht der Taubstummen nicht mehr auf die bloße Zeichensprache, durch welche sie sich wohl untereinander, aber nicht mit einem Dritten verständlich machen konnten; heute lernen die Taubstummen sprechen! Wenn auch der eigentliche süße Zauber der menschlichen Stimme fehlt, so berührt der Ton doch nur für Len ersten Augenblick fremdartig, bald gewöhnt das Ohr sich daran. Was ist aber der berühmteste Sänger, mit seinem kunstvollen Gesänge gegen den kleinen Jungen, dem das Gehör fehlt, dem kein Schall in's Ohr dringen kann, nnd der dennoch für den einmal erfaßten Begriff die hörbare Bezeichnung hervorbringt! Die kleinen Schüler schrieben nach dem Dictat des Directors ganze Sätze fehlerfrei, sie rechneten und sprachen die Ziffern ganz deutlich aus und fanden richtig die Summen. Liegt darin nicht ein größerer Fortschritt der Menschen, als in vielen angestaunten Erfindungen? Kann man diesen armen, hartgetroffenen Kindern einen größeren Schatz auf ihren Lebensweg mitgeben, als die Sprache? Während sie bisher des Vorzuges entbehrten, der sie vom Thiere unterscheidet, das sich ja auch durch Zeichen und Laute verständlich machen kann, treten sie jetzt vollberechtigt in die Reihe ihrer Mitmenschen. Von solchen Betrachtungen erfüllt, verließen wir gehobenen Herzens die herrliche Anstalt, die zu so segensreicher Wirksamkeit berufen ist. Wenn sie einmal vollständig eingerichtet, in gedeihlicher Thätigkeit begriffen sein wird, dann kann die allgemeine Anerkennung nicht auSbleiben. 8. 8—d. Vermischtes. Der Zufall als Schöpfer! Bekanntlich haben die fanatischen Anhänger Darwin's die „indirecte Auslese" (seleetiou) oder die „natürliche Zuchtwahl", also den blinden Zufall, daß sich die Atome unter vielen unzweckmäßigen Gebilden endlich zu einem zweckmäßigen, bas bestehen bleiben kann, zusammen finden, von den organischen Dingen auch auf die unorganischen, ja der Freiherr du Prel auf das ganze Universum zu übertragen versucht. Wie lächerlich dieses sogenannte wiffenschaftliche und philosophische Treiben ist, hat — die Mathematik gezeigt. Nehmen wir ein einfaches Beispiel, welches uns zeigen kann, wie es schon bei einer sehr geringen Zahl von Elementen einer unermeßlichen Zahl von Combiuationen bedarf, um irgend eine nach den gegebenen Bedingungen mögliche und erstrebte Leistung auf dem Wege des Zufalls zu realisiren: Es feien 64 Steine in eine Tasche gelegt, von denen immer acht die gleiche Farbe besitzen. Die Aufgabe ist: die Steine auf's Gerathewohl in der Ordnung herauszuziehen, daß immer die acht von derselben Farbe unmittelbar nacheinander kommen. Es entsteht demnach die Frage: wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, daß diese einfache Anordnung der 64 Steine, wobei gar nicht gefordert ist, daß die einzelnen Farben in einer bestimmten Reihenfolge zu erscheinen hätten, durch den bloßen Zufall erzielt werde. Profeffor Ludwig Seidel hat das Exempel ausgerechnet und gefunden, daß 312290 Septillionen Versuche gemacht werden müßten, bis es nicht mehr unwahrscheinlich wäre, daß diese Ordnung der farbigen Steine einmal zum Vorschein käme, resp. herausgezogeu würde. Um die enorme Größe dieser letzten Zahl anschaulicher zu machen, denke man sich, daß, wenn man etwa 100 Millionen Menschen auf der Erde annahme, von denen jeder ununterbrochen in jeder Sekunde einen Versuch fort und fort anstellte, so daß in einem ganzen Jahr von allen zusammen 31,557 Billionen Versuche gemacht wurden, die Anzahl von Jahren, die hiernach erforderlich wäre, um obige 312,290 Septillionen Versuche zu Stande zu bringen, noch fast 10 Quintillionen betrüge. Dies lehrt uns die Mathematik, diese wirkliche Wiffenschaft. So viele Versuche müßten gemacht werden, um bas Zusammenkommen von nur 8 Steinen unter 64 nicht unwahrscheinlich zu machen. Welche Möglichkeit hätte nun bei der Unzahlbarkeit der Atome des Erdballs daS Zustandekommen des einfachsten organischen Gebildes, geschweige renn die Fortentwickelung der lebendigen Natur und ihre gegenwärtige Ordnung! Und nun die Schöpfung des Universums durch denselben Zufall, deffelben Universums, von welchem wir nur einen so höchst geringen Theil keonen! „Katholische" Architecten. Wie Pester Blätter erzählen, wurde die Frage: „Dürfen Architekten nichtkatholischer Confession die Baupläne einer katholischen Kirche beurtheilen oder nicht?" jüngstens allen Ernstes in der architektonischen Section des Pester Ingenieur- und Architeklen-Vereins gestellt und — verneinend entschieden. Der Fall war folgender: Die architektonische Section des genannten Vereins sollte ein technisches Gutachten über die Pläne für die neue Felegyhazaer Kirche abgeben, und der Zufall fügte es, daß bei der geheimen Abstimmung über die Wahl der Juroren ein Jude und ein Protestant die meisten Stimmen erhielten. Darüber entstand nun großes Geschrei, und das Ende vom Liede war, daß die beiden nichtkatholischen Techniker zurücktreten und zwei echt römisch-katholischen den Platz überlaffen mußten. Einer, der den König zum „Beistand" haben möchte. Ein Israelit aus Bärsonhos, der seine Tochter mit einem ehrlichen Kramer verheirathete, mochte für sein Leben gern den 48*