Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1877)
- Date
- 1877-11-27
- Page
- Seite 766 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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766 dessen nicht und konnte der Wunsch des edlen Mannes vollständig erfüllt werden. Ja, es blieb sogar noch eine bedeutende Summe für die Erhaltung des Instituts übrig. Wer einen herzerhebenden und belehrenden Gang machen will, der gehe hinaus und besichtige das neue Gebäude des israelitischen Landes-Taubstummeninstitutes. Der mit der Ausführung des Baues betraute Architekt, Herr Wilhelm Freund, hat, bevor er an die Lösung seiner Aufgabe schritt, nahezu sämmtliche europäische Institute dieser Art besucht und die gesammelten Erfahrungen wohl angewandt, so daß unsere Anstalt heute als mustergiltig betrachtet werden kann. Mit der ausgezeichneten neuen Einrichtung ist hier ein durchaus gelungenes Aeußere harmonisch vereint. Der Bau, welcher inmitten eines wunderhübsch angelegten Parkes liegt, wird wohl die schönste Linie des an dieser Stelle der verlängerten Tabakgasie geplanten Octagons bilden. Wegen der zukünftigen Gestaltung des Platzes mußte auch die Hauptfront in schräger Linie aufgebaut werden. Ohne jede Uebertreibung kann der Bau ein imposanter, durch seine schönen kräftigen Linien wohlthuend und erhebend wirkender bezeichnet werden. Hier thun keine engen, gedrückten Proportionen dem Auge wehe, keine Verkümmerung unterbricht die ebenmäßigen Conturen, freundlich ernst ist der Gruadcharakter des Gebäudes. Dasielbe ist in schöner, in Ziegelrohbau ausgeführter Renaiffance gehalten und zeigt schon in der Gruppirung der Fa<-aden die innere Verwendung der einzelnen Räumlichkeiten. Die nahezu 80 Meter lange Vorderfronte theilt sich in einen Mirtelrisalit und zwei Seitenflügel. Diese drei Haupttheile des Vorderbaues bestehen aus je vier kräftig gebauten Pilastern, die auf hohen Postamenten stehen und durch zwei Stockwerke laufend, diese miteinander verbinden , dieselben zusammenfaffen. Zwischen den Pilastern befinden sich je drei in venetianischer Manier von steinernen Bogen umrahmte Doppelfenster. Dieselben sind in sehr schöner Steinarchiteklur, sammtliche Cordongesimse, sowie das Hauptgesimse in Steinrohbau, alles Andere in Ziegelrohbau ausgeführt. Diese Hauptfronte mit ihrem stattlichen Erdgeschoß und den zwei schön entwickelten Stockwerken erhält in ihrer dunklen Färbung durch die zwanglos und harmonisch verwebten Steinarbeiten eine so vornehme Faffung, daß man immer wieder vom Detail den Blick auf das Ganze wenden muß. Tritt man in das, durch einen Säulenvorbau, auf welchem ein caffettirter Gewölbbogen ruht, ausgezeichnete Vestibüle, so empfängt uns der in gedämpftes Licht getauchte Corridor des Erdgeschosses. Hier fanden wir seit Langem wieder einmal helle, stolze Corridore; bei den öffentlichen Bauten der jüngsten Zeit war zumeist dunkles Winkelwerk an deren Stelle getteten. Auf die Corridore, welche sich in gerader Linie in der ganzen Länge der Front hinziehen, münden fämmtliche Räumlichkeiten. Die Anstalt besitzt selbst im Souterain eine große Zahl von hellen, geräumigen Localitäten. Hier sind die Wohnungen der Bediensteten, die Küchen und Keller und nach amerikanischem Muster ein prächtiges Bad mit großen Bassins für die Zöglinge. Im Erdgeschoß befinden sich der Frontlänge nach Werkstätten und Krankenzimmer für die Zöglinge, im rechten Seitenflügel der wundervolle geräumige gemeinschaftliche Speisesaal, im linken der Turn- und der Betsaal. All' diese Räume sind in freundlicher einfacher Weise ausgestattet und erhalten durch die hohen breiten Fenster die herrlichste Beleuchtung. Die monumental angelegte Treppe, welche sich in der Rückfront des Gebäudes aufbaut, wird von cannelirten eisernen Säulen gettagen und bildet einen Mittelarm, der sich vom ersten zum zweiten Stockwerke in zwei Arme theilt, von denen einer zu den Schlafsälen der Knaben, der andere zu den WohnungSräumen der Mädchen führt. Noch ist in diesem Stockwerke nicht Alles eingerichtet, aber schon jetzt laßt es sich genau erkennen, daß nicht nur den Anforderungen der Hygiene, sondern auch des freundlichen, menschenwürdigen Daseins Rechnung getragen ist. Große luftige Schlafsäle, in welchen schöne, mit sehr gutem Bettzeuge versehene Betten aufgestellt sind, geräumige Waschzimmer, wo jeder Zögling seinen eigenen Waschapparat hat, ringsumher der Ausblick auf schöne Gärten, auf Feld und Wiesen, das muß gesunden machen. Neben jedem Schlaffaale ist ein Zimmer für den Aufseher eingerichtet, der jederzeit über die Ruhe und Ordnung wachen muß. Erst jetzt treten wir in den ersten Stock, welcher außer den Wohnungen der Lehrer nur Unterrichtsräume enthält. Hier sind vier aneinanderstoßende Schulzimmer und im linken Flügel, oberhalb des Turn- und Beisaales, den Flächenraum beider umfassend, ein großer Unterrichts- und Prüfungssaal. Der Erbauer wurde von der Idee geleitet, die Vereinigung der beiden beim Unterricht der Taubstummen herrschenden Ideen durchzuführen. In manchen Instituten werden nämlich alle Zöglinge in einem Saale stehend unterrichtet, so daß der leitende Director sowohl die Schüler, als auch die Wirffamkeit der Lehrer von einem Punkte aus beobachten kann. Dem gegenüber stehen die Vertreter des gesonderten Unterrichtes, welche das Zusammensein aller Schüler und Lehrer für schädlich halten. Das hiesige Institut hat gesonderte Unterrichtsräume, aber auch einen so groß angelegten Saal, daß der Director von Zeit zu Zeit eine Uebersicht über den gesammten Unterricht erhalten kann. Auch in dem Momente, da wir durch die erfreulichen Räume wandern, ist der Leiter der Anstalt, Herr L. Gründe rg er, damit beschäftigt, mit seinen Lehrkräften zusammen Unterricht zu ertheilen. Noch bedarf es des großen Saales nicht, da bisher blos 33 Zöglinge aufgevommen sind; die ganze Anstalt ist für 120 eingerichtet. Der Unterricht ist rm vollen Zuge und gerade steht ein kleiner, etwa siebenjähriger Junge an der Tafel. Mit seinen großen, schwarzen Augen blickt er uns verwundert an und die Knaben und Mädchen, die in den Bänken sitzen, schauen auch neugierig auf. Aber nur wenige Augenblicke