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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-27 · Heft 48 (27.11.1877) · p. Seite 765

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 48 (27.11.1877)
Date
1877-11-27
Page
Seite 765 (sequence 9)
Language
German
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765 geschleppt und von dort durch die Israelitische Allianz, welche auch die Passage auf dem Lloyddampfer bezahlt hat, nach Konstantinopel befördert, wo sie, aller Mittel beraubt, auf die öffentliche Wohlthatigkeit angewiesen sind. Ich nahm gestern Gelegenheit, verschiedene der Häuser, welche den Flüchtigen vorläufig zur Unterkunft angewiesen sind, zu besuchen, und kann offen gestehen, daß ich noch nie größeres Elend gesehen habe. Bleiche, abgehärmte Gestalten, durchgängig in dünne, vor der Kälte nur höchst nothdürftig schützende Gewänder gehüllt, saßen die Unglücklichen in den großen, kahlen Zimmern, die durch den Mangel an HauSgerath einen noch trübseligeren Anblick als sonst darboten, auf Säcken und Kiffen, lebendige Zeugen des gräßlichen Unglücks, welches dieser barbarische Krieg bereits mir sich gebracht hat. Ueber die ihnen seitens der Ruffen widerfahrene Behandlung führten alle die bittersten Klagen, besonders wurde die Mißhandlung von Frauen und unentwickelten Mädchen hervvrgehoben. Der so oft bewährte Wohlthätigkeitssinn der Juden gegen Glaubensgenoffen wird hoffentlich auch im vorliegenden Fall dazu beitragen, die größte Noch wenigstens für den Augenblick zu mildern. (Es stimmt diese Schilderung nicht ganz mit den Erwartungen, welche in dem Berichte ausgesprochen sind, den wir oben als Leitartikel gegeben. Redaction.) Caudia, im October. Man berichtet von hier (Kreta), daß der Israelit A. Cohen ein Haus neben der katholischen Kirche zu Canea besaß. Bor zwei Jahren, als der Bischof von Candia, Herr Cannavo, dahin kam, erkannte er das Bedürfniß, die Kirche zu vergrößern, und ließ Herrn Cohen den Wunsch ausdrücken, ihm seinen Garten zur Vergrößerung der Kirche abzukaufen. Unser Glaubensgenoffe beeilte sich dem katholischen Bischof feinen Garten, der wenigstens 3000 Francs Werth hatte, unentgeltlich abzutreren. Bonn, 19. Nov. (Notizen.) Der „Pest. Lld." schreibt vom 15. d.: Dr. Kayserling schilderte in seiner heute Abends im evangelischen Schulsaale abgehalienen ersten Vorlesung die sociale und politische Lage der Juden in den einzelnen Ländern Europas im Anfänge des 18. Jahrhunderts. Er führte aus, daß für die Juden das Mittelalter und deffen Vorurtheile und Bedrückungen damals allenthalben noch fortwährten. Die Türkei stand in der Behandlung der Juden damals an der „Spitze der Civilisation", während man in Rußland anläßlich der auch damals häufigen Niederlagen gegen die Türken es den Juden zum Vorwurfe machte, daß die Türken angeblich ihnen die Vervollkommnung der Artillerie zu verdanken hätten. Ungarn gewährte den von tartarischen Plünderern und polnischen Jesuiten vertriebenen Juden Schutz und Aufenthalt. Gegenstand der nächstwöchentlichen Vorlesung ist: „Moses Mendelssohn, sein Berhältniß zu Lessing und anderen Zeitgenoffen". Das nach vielen Hunderten zählende, den großen Saal gänzlich füllende, zu einem Drittheil aus Damen bestehende Publikum zeichnete den Vortragenden wiederholt durch Beifall aus. Im Auditorium sahen wir mehrere Universiläts-Profefforen und Akademiker, und über 250 Studirende. vr. Kayserling nahm in der Einleitung seines Vortrags Gelegenheit, dem Presbyterium der evangelischen Gemeinde für die Ueberlaffung des Saales und dem Comitä für das eifrige Arrangement zu danken. — Eine große Zahl mußte wegen Mangels an Raum zurückgewiesen werden. — Aus Stralsund schreibt uns Herr Canlor Zadok: Am 30. v. M. verstarb zu Altenkirchen auf der Insel Rügen der Kaufmann Lichenheim, der erste Israelit, der auf dieser herrlichen Insel sich niederließ, nachdem diese bis 1848 den Israeliten aller Zeit verschloffen gewesen. Jetzt wohnen daselbst 3 Familien, nämlich noch 2 in Bergen. Der Verstorbene hatte sich einen ausgezeichneten Ruf erworben, wie sich bei der Ueberführung seiner Leiche per Dampfschiff nach hier erwies, bei welchem Acte der Altenkircher Gesangverein aus freiem Antriebe Trauergesänge ausführte. Ieuilleton. Das neue israelitische Taubstummen-Institut. Aus dem „Neuen Pester Journal". Nirgends tritt uns der erleuchtete Geist deS Jahrhunderts in erhabenerer Gestalt entgegen, als in den grandiosen Schöpfungen für humanitäre Zwecke. Während stüher die Armen und Kranken, die mir körperlichen oder geistigen Gebresten Behafteten in dumpfe, herzbeklemmende Gelaffe gepfercht wurden, die ihr gedrücktes Gemüth oder den umnachteten Geist noch schwerer belasteten, empfangen jetzt weite, luftige, fteundliche Räume die zu elendem Dasein durch ein hartes Geschick Verdammten. In wenigen Wochen schon wird ein neues Institut feierlich eröffnet werden, das in jeder Beziehung hervorragend und merkwürdig ist. Ein einziger Mann, wir möchten ihn unseren Peabody nennen — es ist der fast zu einer mythischen Person gewordene Fochs (Israelit) — hat ein großes Vermögen zu dem Zwecke hinterlassen, damit ein Institut für die jüdischen Taubstummen Ungarns und Siebenbürgens errichtet werde. Der Testator, welcher bekanntlich auch andere große Stiftungen machte, sprach den ausdrücklichen Wunsch aus, es möge eine würdige, auf der Höhe der modernen Errungenschaften stehende Anstalt sein; sollte die hierfür bestimmte Summe — über eine Biertelmillion Gulden — nicht genügen, dann solle der Rest durch Sammlungen aufgebracht^ werden.^Glücklicherweise bedurfte es 48

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