Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1877)
- Date
- 1877-11-27
- Page
- Seite 759 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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759 der Noch des Augenblickes überhobeu. Dank der allgemeinen Opferwilligkeit, die sie bei den Gemeinden und bei den Berkehrsgesellschaften gefunden, dürfte die Allianz noch in der Lage sein, nach Begleichung ihrer Rechnungen dem ComitS in Konstantinopel mit einer beträchtlichen Summe zu Hülfe zu kommen. Diesem Comit« bleibt es anheimgestellt, nach seinem Ermessen die Flüchtlinge nach ihrer alten Heimath zu dirigiren, oder, wenn sich Bedenken dagegen erheben sollten, ihnen die Wege zur Aufsuchung einer neuen in den von den Kriegsgreueln verschonten Theilen ihres Vaterlandes zu bahnen. Die erübrigten materiellen Mittel hierzu find vornehmlich der britischen Freigebigkeit zu verdanken. Es verdient die rühmendste Erwähnung, daß von den circa 6000'fl., die der Allianz von der Anglo-Jewish-Association zugeflofsen sind, ein volles Drittel von nicht jüdischer Seite, nämlich von der wegen ihrer Mildthätigkeit bekannten Lady Burdett Courts herrührte. Es dürste ferner zur Genugthuung Aller gereichen, daß die britische Regierung aus Anregung der Aoglo-Fewisl»- Association dem Unternehmen mit wärmstem Interesse folgte, daß sie durch umsichtige Rathschläge und ensprechende Weisungen an den britischen Gesandten in Konstantinopel im Sinne echter Humanität sich bethätigt hat. Endlich ist hervorzuheben, daß die Wiener Allianz der ihr vom Centralcomitc der Alliance Israelit« Universelle in Paris bereitwillig angebotenen Beiträge entrathen Der israelitischen Allianz zu Wien kann es zur Befriedigung gereichen, in der von ihr in dieser Angelegenheit ergriffenen Initiative so vielseitige Unterstützung gefunden zu haben, wodurch das mit so vielen Schwierigkeiten und Kosten verbundene Unternehmen glücklich zu Stande gebracht werden konnte. Die schmeichelhafte Anerkennung, die ihr deshalb von den älteren Schwestervereinen in Paris und London zu Theil wurde, ist besonders ehrend für sie. Hoffentlich ist aber auch die Zeit nicht mehr fern, in welcher es ihr durch ebenso kräftige Unterstützung, wie sie den gedachten Vereinen zu Theil wird, möglich sein wird, ihren Bestrebungen die höchste wünschenswerthe Tragweite zu verleihen. Nach der neuesten uns zugekommenen telegraphischen Nachricht, sind die Flüchtlinge wohlbehalten in Konstantinopel angelangt, wo ihnen eine herzliche und liebevolle Aufnahme von Seiten der Glaubensgenossen zu Theil geworden. Der jüdische Religionsunterricht in den preußischen Schulen. Wenn wir auf diesen Gegenstand gegenwärtig immer wieder zurückkommen, so geschieht es, weil wir ihm eine zweifache Bedeutung zuschreiben. Denn nach außen erachten wir die Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes in die öffentlichen Schulen als einen wesentlichen Schritt zur staatlichen Gleichstellung der Culte, und wir können es uns nicht verbergen, daß diese Gleichstellung für das Judenthum im preußischen Staate, wie die Erfahrung lehrt, von besonderer Schwierigkeit ist. Der protestantische Geist, der dem Judenthume gegenüber sich stets als propagandistisch, d. h. zur Proselhtenmacherei geneigt gezeigt hat, verhält sich ablehnend gegen jede derartige Forderung von jüdischer Seite. Wir sagen mit Absicht „der protestantische"; nicht etwa der „orthodox-protestantische" — denn es giebt keine Modalität des Protestantismus, die sich in diesem Charakteristicum anders verhielte. Wir erfuhren dies an den sog. freien Gemeinden, die, kaum entstanden, ihre Fanghörner auch nach den Juden ausstreckten. Wir haben deshalb diese Gleichstellung unseres Cultus ganz ebenso zu erkämpfen, wie früher die bürgerliche Gleichstellung, Schritt vor Schritt, nur, daß wir hier viel weniger auf die Unterstützung von öffentlicher Seite zu rechnen haben und deshalb noch mehr unsere eigene Kraft und Ausdauer anwenden müssen, um vorwärts zu kommen. Die zweite Bedeutung jener Einführung ist noch positiver und nach Innen gerichtet. Es gilt unsere ganze Jugend mit Religionsunterricht zu versehen, so lange sie die Schule besucht, und wir haben dabei insonders den Theil derselben in's Auge zu fassen, welcher den höheren Lehranstalten angehört, und bisher größtentheils ohne allen Religionsunterricht verblieb. — Da nun auf diesem Gebiete neuerdings einige Schritte geschehen sind, so handelt es sich darum, über die wirkliche Sachlage stets im Klaren zu sein. Hierzu kommt, daß, möge das Unterrichtsgesetz zur Vorlage gelangen, oder, wie es scheint, die Zeit noch fern sein, in welcher es zur Verhandlung an den Landtag kommt, von unserer Seite die Angelegenheit auf dem Petitionswege angeregt und zu irgend welcher Entscheidung gedrängt werden muß. Zu diesem Zwecke bedarf eS eines umfassenden statistischen Materials, um auf Grund desselben vor den gesetzgeberischen Factoren unsere Forderungen zu formuliren. Wir erließen deshalb in dir. 44 eine Aufforderung an die Gemeindevorsteher, Rabbiner und Lehrer, uns aus den Orten, wo bereits der jüdische Religionsunterricht in Schulen eingeführt ist, folgende Fragen zu beantworten: 1) in welcher Lehranstalt ist er eingeführt? 2) auf welchem Wege wurde dies erreicht? 3) unter welchen Bedingungen hinsichtlich des Locals. der Zeit, und der Remuneration? 4) wie stellt sich das Resultat bezüglich des Besuches des Unterrichts heraus? — Es liefen hieraus bereits aus mehreren Orten die gewünschten Berichte ein. Allerdings aus den meisten noch nicht, woran vielleicht Schuld ist, daß von vielen derselben früher in dieser Zeitung berichtet worden. Allein, da das Material sehr zerstreut ist, Veränderungen stattgefundeu und eine oder die andere obiger Fragen nocht nicht berücksichtigt war, bitten wir, uns auch aus diesen Orten Mittheilung zu geben. Einstweilen liefern die eingelaufenen Berichte immerhin schon ein Bild von der Verwirrung, in welcher die Angelegenheit gegenwärtig sich befindet, von den verschiedenen 48*