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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-27 · Heft 48 (27.11.1877) · p. Seite 758

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 48 (27.11.1877)
Date
1877-11-27
Page
Seite 758 (sequence 2)
Language
German
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758 ganz und gar spontane Betheiligung zahlreicher Gemeinden in allen Theilen Oesterreichs und Ungarns enorme Betrage zusammenzubringen. Als nun die Angelegenheit der Flüchtlinge von Kasanlik an die Allianz herantrat, hatte diese bereits eine sehr ansehnliche Summe in Adrianopel vertheilen lassen. Nichtsdestoweniger zögerte sie nicht, ^sich an die Lösung der schwierigen und umfaffenden Aufgabe der Versorgung dieser Flüchtlinge zu machen. Zunächst erwirkte sie die Erlaubniß der ungarischen und der österreichischen Regierung, nach deren Gewährung sie an die Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft, die Fünfkirchen-Barcser Eisenbahn, die österreichische Südbahn und den österr.-ungar. Lloyd das Ansuchen um die Gewährung ermäßigter Fahrpreise richtete. Wie diese großen Verkehrsinstitute ihre Bedeutung als Errungenschaften des Fortschrittes zugleich auf dem Gebiete der Volkswohlfahrt und der Humanität auffaßten, mit welcher Liberalität und Zuvorkommenheit sie der Allianz die weitgehendsten Zugeständniffe machten, ist bereits in die öffentl. Blatter gedrungen. Abgesehen von den bewilligten, sehr bedeutenden Nachlässen wurden von den genannten Bahngesellschaften in Berücksichtigung der Kranken, Frauen und Kinder bequeme Personenwagen, von der Lloydgesellfchaft ein besonderes Schiff für die Expedition zur Verfügung gestellt. Die israelitische Allianz zu Wien entsandte zwei verläßliche, der Sprache kundige Führer, die die Füchrlinge an der rumänischen Grenze bei Orsova in Empfang zu nehmen und sie über Mohacs-Kanizsa bis nach Triest zu geleiten hatten. Denselben waren beträchtliche Vorrathe an rituell zubereiteten Lebensmitteln mitgegeben worden. Die Allianz hatte auch die Gemeinden in Fünfkirchen, Kanizsa und Triest avisirt und sie ersucht, den Bedauernswerthen bei der Durchreise ihre Gastfreundschaft zu gewähren. Wir können nicht umhin, unserer wärmsten Anerkennung Ausdruck zu leihen, in welcher die kühnste Erwartung übertreffenden Weise diesem Ansuchen allenthalben entsprochen wurde. Es sind uns wahrhaft erhebende und rührende Berichte darüber zugekommen, und wir können sie in den Worten zusammenfaffen, daß die der gräßlichen Barbarei unter unsäglichen Leiden Entronnenen der lebhaftesten Theilnahme und dem menschenfreundlichsten Beistände aller Stände und Confessionen begegneten. Ein höherer Beamter der Südbahn, der den Flüchtlingen nach Mohacs entgegengeschickt war, berichtet über den Empfang daselbst: „In Mohacs ange- „kommen, wurden die Flüchtlinge von der dortigen Judenschaft „in wärmster Weise empfangen! Ich sah nicht wenige Thränen „des Mitgefühls vergießen; die halbe Bevölkerung war zum Bahn- „hofe geströmt, umringte die Flüchtlinge und bezeugte ihnen in „herzlichster Weise ihre Sympathien." Diese kleine Gemeinde that redlich das ihre, und kann sich der Gemeinde Fönfkirchen würdig zur Seite stellen, in welcher sich ein begeisterter Wetteifer der Bevölkerung ohne Unterschied der Confession mit dem Bürgermeister an der Spitze kundgab, daS Loos dieser Unglücklichen durch liebevolle Fürsorge zu mildern. Ganze Wagenladungen von Wäsche und Kleidungsstücken wurden ihnen verabreicht. Frauen angesehener Familien verschmähten es nicht, die armen Kinder selbst zu baden und die Kleinsten auf ihren Armen zu tragen. Auch geistigen Trost suchte ihnen die Gemeinde zu spenden, indem der ehrwürdige Rabbiner vr. Kohut sie in der Synagoge zu einem feierlichen Gottesdienste versammelte. Endlich wurde eine beträchtliche Summe an sie vertheilt. Hier verdient eine charakteristische Episode ihre Stelle zu finden. Unter den Flüchtlingen befand sich ein einziger Grieche, welcher so furchtsam und bescheiden war, als ob er gar keinen Anspruch auf die nur den Glaubensgenossen zugedachten Wohlthaten hatte. Derselbe wurde jedoch in so liebenswürviger Weise ermuthigt und herangezogen, daß er nicht widerstehen konnte und von allen Spenden den entsprechenden Antheil empfing. Nicht minder verdienstlich hat der Cultusvorstand und die Gemeinde in Gr.-Kanizsa sich der Erbarmungswürdigen angenommen und alle möglichen Vorkehrungen gettoffen, um ihnen nicht nur den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen, sondern auch für ihre ferneren Bedürfnisse auf der Reise Sorge zu tragen. Reichlich stoffen die Spenden an Geld, Kleidungsstücken und Bictualien, jedem Erwachsenen wurden 10, jedem Kinde 5 Francs verkheilt. Einen ansehnlichen Beitrag dazu lieferte eine von dem dortigen Schauspielvirector Herrn Miklosy zu Gunsten der Flüchtlinge veranstalteten Wohlthätigkeitsvorstellung. Aus den Gesichtern der so liebevoll Behandelten konnte man ttotz der abgehärmten Züge eine heitere Stimmung erkennen. Der Gemeinde Triest war es Vorbehalten, dem Werke die Krone aufzusetzen, indem sie im Stande war, die umfassendsten Vorkehrungen zu tteffen, die reichsten Opfer zu bringen. Allgemein war der Wetteifer in der 'Bethätigung der Nächstenliebe, es gab keinen Glaubensunterschied, Jedermann wollte sein Scherflein beitragen, und fortwährend waren angesehene Leute bei ihnen, die sie beschenkten. Die Administration des „Inäepeolleule" hatte, wie auch die Gemeinde selbst, eine Collecte eingeleitet, so daß Jeder, groß und klein, mit 21 Francs betheilt werden konnte. Lebensmittel wurden ihnen für acht Tage auf ihrer Seereise mitgegeben. Herr Rabbiner Melli hielt ihnen in der Synagoge in spanischer Sprache eine recht erhebende Ansprache, erlheilte ihnen den Segen und erflehte vom Allmächtigen Glück für ihre Reise. Als sie sich auf das Schiff begaben, folgte ihnen eine große Menschenmenge, der sie herzliche Dankeswünsche zuwinkten. Während das Schiff die Anker lichtete, riefen sie ein Hoch auf alle ihre Wohlthäter, auf Se. Majestät den Kaiser von Oesterreich,auf die Gemeinden, auf die Allianz u. s. w. Die angesehensten Notabilitäten Triest's hatten sich sowohl bei der Ankunft als bei der Abfahrt der Flüchtlinge unter Bezeugung wärmsten Interesses eingefunden. Ohne Zweifel haben diese jetzt schon Konstantinopel erreicht, wo sie von der Wiener Allianz dem Regionalcomitö der Alliance lsraclite Uni\erselle überantwortet wurden. Dank den reichen Spenden, die ihnen zugeflossen, sind sie

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