Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1877)
- Date
- 1877-11-20
- Page
- Seite 752 (sequence 12)
- Language
- German
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752 Die Schätze zu heben versagt meine Hand, Ich will verweilen am Grabesrand, Kind meines Herzens, steig' du hinab, Und förd're das Leben hervor aus dem Grab." Und Rahel sprach: „Mein Herz zuckt kalt. Ich fürchte mich vor der Todten Gewalt; Doch unser Lichtlein brennt nur noch schwach. Komm, Mutier, die Hand hier, folge mir nach." „Kind meines Herzens, die Mutier rief, Ich steige nicht mit in die Höhle so tief; Doch du bist jung, so steige allein. Die Freude des Goldes wird ja für dich sein. Dir kann das Leben viel Wonne gewahren, Wonach deine Blicke gierig begehren." Rahel schaut auf die schwindenden Flammen: „Der Erinnerung Schmach krampst mein Herz zusammen; O Mutter, Mutter, ich denke mit Scham Der Sünde, die leichtlich ich auf mich nahm, Du hieltst nicht zurück, du ließest mich sinken. O Mutter, wenn befs're Tage mir winken. So will ich die Seele mir rein bewahren. Und für den Bruder, der mir geblüht. Der im fernen Lande als Knecht sich müht, Sich krümmt in der Hand des wilden Barbaren: Für ihn steig' ich jetzt allein hinab Jn's fluchbeladene düstere Grab, So harre mein in stillem Gebet, Damit der Herr mir zur Seite steht." Xl. Es harrt die Mutter, am Grab gekauert, Auf jeden Schall des Fußes sie lauert. Der unter der Erde dröhnend vergeht, Das Lichtlein flackert, in Zugluft verweht. Da plötzlich tönt Rahels Stimm' aus dem Grab: „Mutter, Mutter, bück' dich herab!" Und sie warf herauf vier Ketten von Gold, Daß es klirrend herab auf die Steine rollt. Mit Gier zählt die Mutter der Ketten vier, Aus schwerem Metall für des Halses Zier. „Kind meines Herzens, gesegnet sei. Des Ewigen Rechte steh' ferner dir bei; Jetzt stark im Geiste, im Herzen rein, Mög' hochbeglückt dein Leben sein. Wie eine Rebe anmuthig und hold. Sollst du in Blüthen und Früchten stehn. In Freuden altern, in Liebe verweh'n! Rahel, Rahel, heg' tapfern Muth! Mehr Gold schaff herauf, mehr Gold!" „Mutter, Mutter, des Lichlleins Gluth Brennt kürzer und kürzer mit eilender Hast, Daß mich des Grauen des Dunkels erfaßt!" „Rahel, Rahel, schaff' eilends herauf, O, weich' nicht zurück in dem siegenden Lauf, Denk deines Bruders in Sklaverei — Noch einmal wag' es, und er ist ftei. Wie wird er dir bleiben auf ewig hold. Jetzt schmachtet er fern in Noch und Ketten, Rahel, Rahel, du kannst ihn retten. Mehr Gold schaff herauf, mehr Gold." „Mutter, Mutter, bück' dich und halt!" Und wiederum sie aus der Tiefe schickt Zwei silberne Becher, gar reich geschmückt, Bon herrlicher Arbeit und edler Gestalt. Die Mutter rief: „Gesegnet von Neuem, Dies Silber wird deinen Bruder befteien; Doch mehr laß deine Hände ergreifen. Daß Königsschätze sich um dich häufen! Rahels Auge soll glänzen von Purpurwein, Rahels Mund soll schlürfen das Köstlichste ein, Bon Pracht umgeben. Preis, Ehre, mein Kind, Wer so treu für de» Bruder, den fernen, gesinnt. Gut hast du gethan, doch zu thun bleibt mehr; Gedenke des Schicksals, das mir stets gegrollt. Für deine greise Mutter bring' her: Mehr Gold schaff herauf, mehr Gold!" „Mutter, Mutter, das Licht ist gar klein. Das Restchen wird bald ausgebrannt sein; Ich will nicht weilen allein im Dunkeln!" „Rahel, Rahel, das Gold sieh funkeln, Biel hast du gethan, doch mehr liegt hier; Wie, soll ich betteln von Thür zu Thür, Wo das Leben mir leuchtet fteundlich und hold? Mehr Gold schaff herauf, mehr Gold!" „Mutter, Mutter, bück' dich herab!" Schwach und zitternd drang die Stimm' aus dem Grab. Ein Kleinod erschien in lichtem Schein, Ein Kleinod, geschmückt mit Edelgestein. Die Mutter zählt sie mit gieriger Lust. „Rahel, Rahel, sei hochgepriesen, Die meine Tage zur Wonne erkiesen. Segen und Freude auf deine Brust! In Fülle und Pracht sollst fürder du wohnen,' Wie ein Feigenbaum lieblich am Wafferquell Soll grünen dein Leben duftend und hell. Und reiche Wonne dich ewig belohnen. Doch schaffe mehr Gold aus der Erde Schooß, In Spanien sei dein ein prächtiges Schloß, Mit den edelsten Damen hin schreitest du da In Cadix, Sevilla und Cordova.