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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-20 · Heft 47 (20.11.1877) · p. Seite 745

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 47 (20.11.1877)
Date
1877-11-20
Page
Seite 745 (sequence 5)
Language
German
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745 halten werden. „Gefangene, die in diesem Falle von der Arbeit befreit sind, können dagegen an den Sonntagen und an den christlichen Feiertagen mit geräuschlosen Arbeiten beschäftigt werden." Außer den 13 streng gefeierten jüdischen Feiertagen ist noch ein Tag, „Purim", freigegeben. — Es wird jetzt auch von anderer Seite bestätigt, was diese Zeitung zuerst berichtete, daß der Entwurf deS Unterrichtsgesetzes von Camphausen im Namen des Finanzwie des Staatsministeriums als unannehmbar zurückgeschickt worden, wie man jetzt sagt, weil die Ausführung so große finanzielle Kräfte in Anspruch nehmen würde, Laß weder Staat noch Commune sie gegenwärtig zu tragen vermochten. Man kann sich nicht verhehlen, daß die zeitweiligen Verhältnisse nicht angethan sind, um ein vollständiges, principiell consequentes Unterrichtsgesetz zu Stande zu bringen. Eßlingen, im November. (Privatmitth.) Die auch in dieser Zeitung schon mehrfach erwähnte israelit. Waisenanstalt „Wilhelmspflege" hat den Bericht über das letztverfloffene Vereinsjahr veröffentlicht, und giebt dieser Zeugniß von den günstigen Resultaten dieses segensreich wirkenden Instituts. Von 26 Zöglingen sind im Laufe des Jahres zwei Knaben entlassen worden, der eine, um sich dem Metzgerhandwerk, der andere, um sich dem kaufmännischen Stande zu widmen, eine Waise ist und drei werden binnen Kurzem ausgenommen, so daß die Zahl auf 28 steigt. Der Bericht durste sich dahin aussprechen: Dem liebevollen Verhalten des Hausvaters und seiner Frau zu den Zöglingen ist es beizumessen, daß die Anstalt das Bild einer vom Geiste des Friedens und der Herzlichkeit durchwehten Familie darbietet, in der die Kinder sich heimisch und glücklich fühlen. Die finanzielle Lage gestaltete sich so günstig, daß 6714 Mark dem Fond zugeführt werden konnten, welcher gegenwärtig auf 169,212 M. sich beläuft, ausschließlich des Werthes des Grundbesitzes zu 28,800 Mark. Mögen die folgenden Jahresberichte in gleicher Weife die fortschreitende Blüthe der „Wilhelmspflege" bekunden. Kassel, im Nov. (Privatm.) Sie haben schon berichtet, daß in der hiesigen Gemeinde die Bildung eines jüdischen Armenvereins geplant wird, um dem immer mehr überhandnehmenden Hausbettel entgegenzutreten und die Wohlthätigkeit in die richtigen Bahnen zu lenken. Kassel folgt hierin nur dem Beispiele und den Erfahrungen vieler anderer Gemeinden, in denen sich dieses Mittel als von bester Wirksamkeit erwiesen hat. Daß aber eine Gemeinde wie Kassel diesen so überaus nothwendigen Weg erst noch beschreiten muß, erweist, daß diese Angelegenheit innerhalb der Judenheit noch lange nicht zum Abschluß gekommen, daß Erneuerung und Neugestaltung unsres tausendjährigen Armenwesens erst in Anwachs befindlich ist, und deshalb immer wieder zur Sprache gebracht werden muß. Es wird daher nicht überflüssig sein, aus der vom provisorischen Comitö, welches 21 der angesehensten Mitglieder der Gemeinde, den Herrn Dr. L. Adler an der Spitze, zählt, an die gesammte Gemeinde gerichteten Ansprache die Schilderung der Umstände hierherzustellen, welche zu einem solchen Armenvereine aller Orten bewegen müssen. Es heißt da: „1. Es hat gewiß ein Jeder beobachtet, mit welcher Zudringlichkeit, ja oft Unverschämtheit, die Gaben verlangt werden, und dieses nicht allein von alten oder arbeitsunfähigen Personen, nein, leider oft genug auch von jungen, kräftigen Männern. Diese Zudringlichkeit hat meistens zur Folge, daß der Angesprochene ohne Untersuchung der Hulfsbedürftigkeit (die ihm außerdem sehr schwer sein würde) giebt, nur um sich den zudringlichen Almosenforderer vom Halse zu schaffen. Was aber ist das Resultat? Der Letztere, den Erfolg seines Auftretens gewahrend, wird in seiner Zudringlichkeit immer mehr bestärkt und so zu einem unverbesserlichen, arbeitsscheuen Individuum herangebildet, welches sich gewiß nie herbeilaffen wird, das auf ehrbare Weise durch Arbeit zu erwerben, was ihm so leicht in den Schooß fällt, wenn er nur recht unverschämt fordert. Seine erzielten Erfolge werden ansteckend auf Biele wirken, die sonst vielleicht sich der redlichen Arbeit widmen würden, wie wir dieses durch den vermehrten Zuzug zu gewahren Gelegenheit haben. 2. Die vorstehend geschilderten verderblichen Wirkungen erstrecken sich aber nicht allein auf die gegenwärtige Generation; auch die Kinder jener Leute, welche sich einen fo leichten Erwerb verschaffen, werden in dieselben Bahnen einlenken, anstatt nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft zu werden; und fo wird das bezeichnete Uebel, anstatt gehoben oder auch nur gemildert zu werden, zu einem fortdauernden, immer schlimmere Dimensionen annehmenden gemacht werden. 3. Die ruhige Arbeit des betriebsamen Geschäftsmannes wird sehr oft durch die oben bezeichneten Eindringlinge gestört. Nicht selten sind unliebsame Scenen in den Wohnräumen, ja in der Oeffenrlichkeit die Folge, Scenen, welche unseren Mitbürgern anderer Confession ungünstige Meinungen über unsere Culturzustände beibringen müssen. 4. Durch die fo oft ohne wirkliche Begründung, nur durch Zudringlichkeit, erlangte Unterstützung des unverschämten Almosenforderers wird der wahrhaft Hülfsbedürftige, der bescheidene verschämte Arme, der sich nicht herandrängt, benachtheiligt. Diesem in würdiger Weise zu helfen, ist wahrlich eine um so höhere Pflicht, als gar mancher wirklich Hülfsbedürftige lieber entbehrt, als sich der Gefahr auszusetzen, mit jenem verwechselt zu werden; eine Pflicht, der aber der Einzelne nicht zu genügen im Stande ist, weil ihm die Kenntniß jenes bescheidenen Armuthszustandes mangelt." — Die zu treffenden Einrichtungen gleichen denen, welche in anderen Gemeinden, wo die Sache bereits geordnet ist, im Gange sind. Wir hoffen, daß die große Mehrheit der Gemeindemitglieder der Aufforderung zum Beitritt Folge leisten werde.

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