Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1877)
- Date
- 1877-11-20
- Page
- Seite 743 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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743 daß diese Vorstellung bei der außerordentlichen Verbreitung der Pirke Aboth unter den Juden in der gesammten Volksmasse bis auf den heutigen Tag durchaus heimisch ist. Der Verfasser zeigt, indem er über die Ansichten der Juden vor dem Christenthume aus dem N. T. selbst Aufschluß finden will, daß das gesammte Judenthum in dieser Zeit vom Unsterblichkeitsglauben erfüllt war, daß Christenthum also auch hierin nichts Neues geschaffen, sondern nur die jüdischen Verstellungen in der heidnischen Welt verbreitet hat — ein Beruf, Len wir sehr hoch anschlagen, der jedoch nicht berechtigt, die Quelle zu verleugnen und dem Judenthume sein Vorrecht abzusprechen. Wenn aber der Verfaffer von der talmudischen Zeit so überaus wenig weiß, so ist die Entwickelung im Judenthume seit dem Abschluß des Talmuds für ihn gar nicht da. Einen solchen Midrasch citirt er auch als die Meinung des Maimonides nach H. H. Bernhard und weiß weiter nichts über diesen großen Träger des Judenthums zu sagen. Die klaren, religionsphilosophischen Ansichten eines Saadja, Juda Halevi, Maimonides, Albo u. A., wie wir sie in gev. Abhdlg. wörtlich anführen, kennt er nicht, oder will sie nicht kennen, und doch bilden sie den eigentlichen Lehrinhalt des Judenthums, um welchen sich die Phantasiegebilde des Volkes, wie die Schaale um den Kern legen. Und welche Ueberzeugungstreue der Unsterblichkeits- und Vergeltungslehre beseelte dieses Volk in all' dieser Zeit, und verlieh ihm nicht nur die Kraft zu einem unerhörten Martyrium, sondern beherrschte es auch in allen feinen Lebensacten, in der Betrauerung seiner Todten, deren Seelen es „gebunden glaubte in den Bund des Lebens" (a^rtn -rnaca), bis zu der abergläubischen Pietät, daß durch die Absagung des Kaddisch daS Seelenheil der Verstorbenen erhöht werde. Der Verf. geht über alles Dies hinweg, um die Behauptung auszusprechen, daß die Juden nur durch den Einfluß des Christenthums zu reineren Begriffen über Unsterblichkeit und Vergeltung gekommen seien, und mit drei Worten auf Mendelssohns Phädon hinzuweisen. Wir sind durchaus nicht gesonnen, den Einfluß der civilisirten Welt auf die gegenwärtigen Juden zu leugnen, aber die Behauptung des Berfaffers ist falsch. Denn die Heroen, die wir genannt, lebten bis auf Albo nicht in christlichen Ländern, und das mittelalterliche Christenthum war gar nicht geeignet, reinere Begriffe beizubringen. Wir müffen aber gegen eine solche Behandlung des talmudischen und spateren Judenthums nachdrücklichen Protest eiulegen, und meinen, keinen wirklichen Widerspruch zu erfahren, wenn wir eine derartige Behandlung eines so wichtigen Gegenstandes für durchaus unwissenschaftlich erklären. — Die alte Streitfrage, ob und wie weit die Unsterblichkeit und Vergeltung im Jenseits in der heil. Schrift Israels ausgesprochen fei? beschäftigt den Verfasser vorzugsweise und er widmet ihr eine ausführliche Untersuchung. Daß der Mosaismus sie in sein Lehrsystem nicht ausgenommen, kann nicht zweifelhaft sein. Auch hierin bildet das Christenthum einen Gegensatz zum Mosaismus. Dieser wollte eine Volksgesellschaft aus der Erkeuntniß des Einzigen Gottes heraus mit den Principien der Gleichheit, der persönlichen Freiheit und der Bruderliebe theoretisch und practisch Herstellen und wußte deshalb sein Gewicht in das Dieffeits legen. DaS Christenthum dagegen überließ die Gesellschaft als „Ein Reich von dieser Welt" sich selbst, es ließ ihr z. B. das Sklaventhum, benutzte es sogar für die Kirche, brachte es mit sich nach dem neueatdeckren Welttheil, und ließ es im Abendlande in die Leibeigenschaft übergehen; darum mußte eS aber auch sein Hauptgewicht in das Jenseits verlegen, die Verachtung der Erde und die Entsagung vom Irdischen lehren. Ganz unrichtig ist es hingegen, wenn der Verfasser S. 43 l behauptet, daß der Mosaismus die Vergeltung im Jenseits gar nicht „kennt", und alle Andeutungen des Unsterblichkeitsglaubens im Pentateuch eliminirt, wobei er 1 Mos. 15, 15. 4, 20. 24 übersieht, und auch im Pentateuch dem die Bedeutung von Schattenreich vindicirt, s. Nr. 45, S. 711. Und doch setzt er S. 437 sehr beredt auseinander, daß in dem Mosaismus die Wurzeln einer vollkommneren Eschatologie liegen, „wie denn jede höhere und reinere Vorstellung von einer Unsterblichkeit sich auf dem Grunde erbauen muß, der das Fundament der mosaischen Weltanschauung ist, nämlich auf einem geläuterten Gottesbegriff und auf einer richtigen und würdigen Anthropologie, welche beide Stücke im Pentateuch nicht fehlen u. s. w." (soll doch wohl heißen: zuerst gegeben und gelehrt wurden). Mit den ausführlichen Erörterungen über die bez. Stellen der Propheten und Hagiographen können wir uns zum Theil in Uebereinstimmung erNären. Eigenthümlich ist es immer, wenn diese Herren über die streitigen Punkte des A. T. alle möglichen modernen Exegeten verhören, von den Ansichten der früheren und.spateren Commentatoreu des Volkes jedoch, aus dessen Geist die heiligen Schriften hervorgegangen, und das mit ihnen ununterbrochen im innigsten Zusammenhang geblieben, gar keine Kenntniß nehmen. Für die Bücher Hiob und Kohelet können wir bei unsrem Autor das rechte Berständuiß nicht finden, was er schon dadurch selbst zu erkennen giebt, daß er die Gedanken in letzterem in völligem Widerspruch miteinander und ohne inneren Zusammenhang halt. Auffallend war es uns, daß der Verfasser Gott im A. T. als Geist nicht aufgefaßt vermeint, da, abgesehen daß es schon 1 Mos. 1, 2 der „Gottesgeist"' (QTrbN rrn) ist, der über dem chaotischen Stoffe „webt"", und 4 Mos. 16, 22 Gott „Gott der Geister in allem Fleische" heißt, im Pentateuche gegen jede Vorstellung Gottes als körperlich geeifert wird, folglich für Gott nur der Begriff des Geistes übrig bleibt. — Doch wir dürfen hier, des kargen Raumes wegen, auf Einzelnheiten nicht weiter eingehen. In dem Haupttesultate des Verfassers, daß der Unsterblichkeitsglaube bei allen Menschen, in allen Zeiten und auf allen Stufen der Geistesbildung und Gesittung gefunden werde, stimmen wir völlig mit ihm überein. Es ist dies allerdings kein neuer Fund; aber es ist doch ein verdienstliches Werk, diesem Ergebniß durch eine breite und sichere wissenschaftliche Forschung abermals eine unzerstörbare Unterlage 47*