Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1877)
- Date
- 1877-11-20
- Page
- Seite 742 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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742 Capitel „die Geschichte deS Todes" gegeben und im vierten „die Leichenbestattung und Gräbersymbolik", im fünften „die Gründe des Glaubens au ein zukünftiges Leben", kommt er zu seinem eigentlichen Gegenstände und schildert die Vorstellungen uncivilisirter oder wilder Völker von dem Jenseits, die Lehren der Egypter über das Leben nach dem Tode, die Eschatologie der Chinesen, des Brahmanismus und des Buddhismus, sowie des Zoroasters, ferner HadeS und Elysium oder das Jenseits nach der Anschauung der Griechen, den Orkus der Römer, die Ansichten der Druiden und Celten, die nordisch-germanischen und die der Slaven. Hierauf folgt (S. 409—488) „die Unsterblichkeits- und Vergeltungslehre des Judenthums" und die mohammedanische Lehre von dem zukünftigen Leben. Das achtzehnte Capitel bringt „Rückblick und Endergebniß der Untersuchung." Der Verfasser sagt S. 517: „Wir müssen uns vorläufig noch bescheiden, Vorarbeiten zu machen und Stoff zu liefern und zu formen." Dies hat er denn auch redlich gethan. Er hat ein sehr reiches Material gesammelt, es übersichtlich geformt und klar und einfach dargestellt. Jedem Capitel hat er eine Bibliographie über den betreffenden Gegenstand hinzugefügt. Daß sich hierbei noch viele Lücken zeigen, und in Folge dessen die Darstellung mancher Partien noch mangelhaft ausfällt, kann dem Verfasser zu einem eigentlichen Vorwurf nicht gemacht werden, wenn nur Ansicht und Urtheil nicht bisweilen hiervurch schief würden. Der Verfasser ist vorzugsweise sehr belesen in den Kirchenvätern, den neueren Exegeten des Alten und des Neuen Testamentes, in allen christlichtheologischen Disciplinen, in den griechischen und römischen Classikern; was darüber hinausgeht, kennt er nur durch die literarischen HülfSmittel und zwar in nicht ganz ausreichender Weise, z. B. über Egypten nur bis 1869. Jndeß läßt es der Verfasser doch nicht bei der bloßen Sammlung des Materials bewenden. Er beurtheilt auch den Stoff kritisch und von seinem subjectiven Standpunkte aus. Dieser Standpunkt ist der des christlichen Theologen, und zwar eines solchen, der strenggläubig an den christlichen Dogmen hält. Zwar sucht der Verfasser bei der Darstellung der verschiedenen Anschauungen „ohne vorausgefaßte Meinung" zu verfahren, aber das christliche Urtheil dringt dennoch immer wieder durch. Es wird dem Leser schon aufgefallen sein, daß der Verfasser gerade die christliche Eschatologie völlig übergeht. Er giebt dafür den Grund an, daß diese in besonderen Werken behandelt und auch allgemein bekannt sei, er auch durch das ganze Werk die eschatologischen Anschauungen des Christenthums zur Vergleichung benutzt habe. Diese Gründe sind durchaus nicht stichhaltig. Denn besondere Werke giebt eS über die Unsterblichkeitslehre der anderen Völker und Religionen ebenfalls; den Entwickelungsgang der christlichen Eschatologie zu beschreiben, wäre für das Werk nothwendig gewesen, und wenn man Alles einer Beurtheilung unterwirft, so muß man das Seinige derselben nicht entziehen wollen. Uebrigens giebt also der Verfasser selbst zu, daß er sich aller Orten auf den christlich-theologischen Standpunkt gestellt hat. Wir machen ihm für seine Person daraus keinen Borwurf; aber fein Werk hat auf diese Weife den Charakter der historischen Objectivität eingebüßt. Dabei leidet die Darstellung des Verfassers au großer Breite, und seine Argumentation an Oberflächlichkeit. So z. B. in dem Capitel über die Gründe des Unsterblichkeitsglaubens, dessen Stelle wohl auch eine spatere in dem Werke hätte sein sollen. Diese „Gründe" find nach Auffassung und Beurtheilung in sehr schwächlicher Art behandelt, und sollen nur dazu dienen, das Argument der Uebereinfiimmung Aller hervorzuheben, daraus den „Glauben" zu fordern, womit — man erkennt die Brücke leicht — schließlich der Glaube für die christliche Eschatologie verlangt werden soll. Man lese z. B. die Schlußworte des Verfassers in dem Capitel über das Judenthum, die sich geradezu zu einer Bekehrungsansprache zuspitzen, um bewährt zu finden, was wir über das ganze Werk ausgesprochen. Wie immer bei solchen Schriften, stellen wir uns hier die Aufgabe, den Abschnitt über die Unsterblichkeits- und Vergeltungslehre des Judenthums näher zu prüfen. Die bibliographische Uebersicht zeigt uns bereits, daß der Verfasser nur eine lückenhafte Keuntniß der jüdischen Literatur und gar keine Kenntniß des jüdischen Schriftthums nach Josephus und Philo hat. So mögen wir auch bemerken, daß er zwar unsre Betrachtungen über die Unsterblichkeit im „Siloah" aufführt, aber unsre Abhandlung über die Unsterblichkeitslehre im Äudenthume im zweiten Bande unsrer Religionslehre nicht kennt. Es wäre dies gleichgültig, wenn er aus derselben nicht Veranlassung gehabt haben würde, der nachbiblischen Entwickelung etwas mehr abzugewinnen, als es in seiner Schrift geschehen. Der Verfasser verfahrt nämlich hinsichtlich des Judenthums wie ein echter christlicher Theologe. Für ihn hat das Judeuthum ein Ende mit den Apokryphen, Philo und Josephus sind ihm die Brücken zum Christenthum unv damit verschwindet ihm das Judenthum. Zwar giebt er eine Skizze über das Entstehen und die äußere Beschaffenheit des Talmuds, das Wenige aber, was er aus diesem anführt, holt er aus Eisenmenger und ähnlichen Schriften, und beschränkt sich auf einige groteske Midraschsätze, ohne die wirklichen Meinungen der Talmudisten über Unsterblichkeit und Vergeltung auch nur zu ahnen. Wenn er z. B. (S. 112) hervvrhebt, daß die Anschauungen, daß der Tod nur eine Durchgangspforte nach einer höheren Daseinsform sei, erst mit dem Christenthume ausgetreten und ein Axiom desselben geworden, daß schon die allkirchlichen Barer dies in Bildern ausgesprochen, z. B. der h. Bernhard „janua ad vitam aeieruam“ — so weiß er nicht, daß schon in vorchristlicher Zeit derselbe Gedanke bei den Juden vorherrschte und sich z. B. in der Sentenz aussprach: „Dieses Leben ist nur eine Vorhalle, betrage dich in derselben so, daß du in den Pallast ausgenommen wirst" (P. A. 4, 21) — was lebhaft schon an das Wort des Erzvaters Jakob erinnert, der das Erdenleben „Jahre der Wanderung" nennt, 1 Mos. 47, 9 — und