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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-13 · Heft 46 (13.11.1877) · p. Seite 729

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 46 (13.11.1877)
Date
1877-11-13
Page
Seite 729 (sequence 5)
Language
German
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729 möglichst zu beseitigen. Die Naturwissenschaften seien jetzt von einem Umfange, daß kein menschlicher Geist in allen, ja sogar nur in mehreren Disciplinen vollständige Kenntniß haben könne. Hiergegen ist gewiß nichts einzuwenden. Aber man eiferte ja gerade gegen die Naturforscher, welche die Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen nicht finden und aus einem geringen Wissen heraus die Totalität, die sie gar nicht wissen können, zu construiren in entschiedener Weise vorgeben, sowie gegen die ungeheure Masse derjenigen Halbwisser, welche einige Notizen von der Oberfläche weg aufgefaßt haben, darum die Schlüffe der Hypothesenjäger zu controliren nicht im Stande sind, dennoch aber „die neue Weltanschauung" als begründet und einzig richtige in sich aufnehmen und mit Eifer vertheidigen. Auf diesem Wege wird jede religiöse Ueberzeugung, jede Sittlichkeit und zuletzt auch jede staatliche Ordnung untergraben. Abgesehen hiervon erklärt B., „daß es eine bedenkliche Sache ist, ganz allgemeine Folgerungen zu ziehen in Bezug auf die Geschichte aller Dinge, während man selbst nicht einmal ganz Herr über das Material ist, aus welchem heraus man diese Schlüsse ziehen will." Dies ist schonend ausgesprochen, was wir geradezu als verwerflich bezeichnen müssen. Er ironisirt dann diejenigen, welche die Seele als Plastidule aus Kohlenstoff. Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, als das Produkt oder die Summe der Kräfte definiren, welche die chemischen Atome besitzen, während sie die Eigenschaften dieser Stoffe und wie aus ihrer Summirung eine Seele werde, gar nicht zu definiren vermögen. Ueberall müsse man zwischen Voraussetzung, die man hat, Vorstellung, die man sich bildet, und dem Thatsächlichen unterscheiden. Lehrsätze, welche nur für einen oder für einige Fälle bewiesen sind, dürfen nicht ohne Weiteres darüber ausgedehnt werden. V. weist nach, daß rer Unterschied zwischen dem Organischen und Anorganischen noch heute sestgehalten werden muß und Uebergänge zwischen beiden noch nicht nachgewiesen sind, daß die Geueralio aequivoca noch heute nicht erwiesen ist und da die Descendenztheorie ohne Generatio aequivoca nicht möglich, auch diese noch heute keinen wissenschaftlichen Charakter, keine wissenschaftliche Begründung besitzt. Man kennt „keine einzige positive Thatsache, welche darlhäte, daß je eine Geueratio aequivoca stattgefunden hat, daß je eine Urzeugung in der Weise geschehen ist, daß unorganische Massen, also etwa die Gesellschaft Kohlenstoff und Cie., jemals freiwillig sich zu organischen Massen entwickelt hätten." Damit hat die Descendenztheorie ihre wissenschaftliche Grundlage verloren. Zwischen der Lehre von einer Schöpfung und der Generatio aequivoca giebt es kein Drittes. Für die letztere ist man aber noch jeden Beweis schuldig geblieben. Sie beruht auf völliger Willkür. Gerade in der neuesten Zeit sind alle Versuche, für die Generatio aequivoca in den niedrigsten Formen eine bestimmte Unterlage zu finden, gescheitert. Mit vielem Nachdruck erhebt sich V. gegen jene Verwischung des Geistigen und Leiblichen, des Psychischen und Physikalischen, welche sich neuere Naturforscher zu Schulden kommen ließen, die selbst im Anorganischen eine Seele suchten, wobei denn natürlich jeder Begriff einer seelischen Thätigkert aufhört, und „ein bloßes Spiel mit Worten" anhebt. Das Gebiet der geistigen Vorgänge muß da fixirt werden, ,wo uns wirklich geistige Erscheinungen entgegentreten, nicht aber wo wir gar keine sichtbaren, hörbaren, fühlbaren, überhaupt erkennbaren Erscheinungen wahrnehmen, die als geistige bezeichnet werden könnten. Solche sind nur am Menschen und einigen höher organisirten Thieren zu erkennen. V. sagt: „Wir haben gegenwärtig keine Berechtigung, selbst nur den möglichen Zusammenhang zwischen geistigen und physischen Vorgängen als einen wissenschaftlichen Lehrsatz aufzuftellen." Er erhebt entschiedenen Einspruch dagegen. Ebenso führt er als ein Beispiel die Affentheorie an. Der Zusammenhang des Menschen mit dem übrigen Thierreiche sei möglich, könne vorausgesetzt werden, aber der Nachweis sei noch nicht geliefert. Menschenreste seien zwar jetzt aus der quaternären Zeit aufgefunden, aber auch sie erweisen nicht die geringste Aehnlichkeit mit den Affen, sondern sind ganz gestaltet wie der jetzige Mensch. „Es fehlt jeder fossile Typus einer niederern menschlichen Entwickelung." Er schließt: „Wir können nicht lehren, wir können es nicht als eine Errungenschaft der Wissenschaft bezeichnen, daß der Mensch vom Affen oder von irgend einem anderen Thiere abstamme." — Man bemerke wohl, daß B. hier nicht sowohl in seinem Namen als vielmehr in dem der eigentlichen Naturwissenschaft spricht, und den Hypothesen die anerkannten Thatsachen entgegenstellt. Wir gehen hier nicht weiter, verweisen vielmehr unsre Leser auf die Rede selbst. Virchow hat sich mit ihr sowohl für die Wissenschaft als für das allgemeine Publikum ein großes Verdienst erworben, und zwar ein um so größeres, als er sich dabei in keine feine Speculation und Dialektik einließ, sondern einfach und schlagend seine Gedanken aussprach. Ssetkutcj 6u/<xcSticßteii/. Deutschland. Thorn, im October. Wir sind unsren Lesern noch das Genauere über den bereits kurz gemeldeten Vorgang bei dem letzten Schwurgerichte in Thorn schuldig und berichten hier nach der „Ostdeutschen Zeitung". Bekanntlich fiel in diesem Jahre der Bersöhnungstag auf Montag den 17. September. Auf diesen Termin aber war auch die Eröffnung einer Schwurgerichtsperiode für die Kreise Thorn und Strasburg angesetzt, und zu derselben waren aus der Stadt Thorn 5, aus

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