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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-13 · Heft 46 (13.11.1877) · p. Seite 728

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 46 (13.11.1877)
Date
1877-11-13
Page
Seite 728 (sequence 4)
Language
German
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728 Jedermann wird antworten: der Staat hat nur das Recht, diejenige Fabrikanlage zu verbieten, welche erwiesener Maßen eine gesundheitsschädliche Wirkung für die Umwohner hat. Er wird eine solche an einen Ort verweisen, wo keine Umwohner vorhanden sind. Hiermit glauben wir den Allgemeinsatz der Radikalen gegen die positive Religion ebenso wie dessen Anwendung im Spcciellen in klarster Weise zurückgewiesen zu haben. Wo sie die Macht haben, werden sie sich dennoch nicht zurückhalten lassen. Aber sie dürfen wenigstens nicht vorschützen, für ihre Gewaltthat eine Beweisführung erbracht zu haben. Die Rede Virchow's. Wir begrüßen die Rede Virchow's, die er in der 50. Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte zu München am 22. September gehalten, als ein wirkliches Ereigniß. Wenn in einem allgemeinen Wirbeltanze die gewichtige Stimme eines Altmeisters sich erhebt, um den Musikanten ein Halt! zuzurufen, damit das Tanzpublikum zu einer ruhigeren, gemesseneren Weise übergehe, so wird ihm jeder Vernünftige beifallen. Obschon deshalb eine Correspondenz aus München in Nr. 41 über diesen Dorttag berichtet hat, so halten wir ihn doch für zu wichtig, als daß wir nicht, da er jetzt gedruckt vorliegt, auf ihn zurückkommen sollten: „Die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staat." Rede u. s. w. von Rudolf Virchow. (Berlin, 1877. Wiegandt, Hempel und Parey.) Virchow, der verdiente und kühne Naturforscher, bestätigt zu sehr das, was wir seit Jahren, zuletzt in Nummer 35. 36., über die falsche Richtung vieler neueren Naturforscher und zwar solcher, welche eine Wirkung auf das allgemeine Publikum auszuüben streben, ausgesprochen haben, als daß wir nicht einen Augenblick langer bei seinen Aeußerungen verweilen sollten. Freilich ist es Virchow in seinen jüngeren Jahren nicht minder so ergangen, daß er als allgemeines Gesetz aussprach, was sich nur in einigen einzelnen Beobachtungen ihm kundgethan, und was er später durch andere Beobachtungen eben nur als eine einzelne Naturerscheinung erkannte. Es drangt sich dies jetzt auch noch anderen älteren Zeitgenossen auf, z. B. Karl Vogt, dem Vater der Affentheorie, die er aber selbst aufgegeben, und des Atavismus. Erst jüngst in einem Artikel über die neueren Fortschritte in Len Naturwissenschaften (Feuilleton der „Neuen freien Presse" vom 17. October) gestand er, er könne sich in die sinnverwirrende Sprache und Methode der jetzt das große Wort führenden jüngeren Naturforscher nicht finden, und machte sich lustig über die Descendenz- Theorie, welche „ihre Verehrung auf den kleinen, aber ungemein „ehrwürdigen" Amphioxus concenttirt hat, der ja nach Hackel der einzige aus strudelnder Weiterbildung noch gerettete Ahne ist, welcher uns aus gegliederter Wirbelthier-Ordnung zurückleitet in das Chaos der Urwürmer, das in den Urmeeren der Urzeit, Anfangs achordonisch, dann chordonisch wimmelte, nachdem es aus dem Urbrei der Moneren und der vorausgegangenen Kohlenstoff- Plastidule sich differenzirt hatte." Als den Zweck seiner Rede bezeichnet Virchow, die Naturforscher zu verwarnen, daß sie durch den Mißbrauch der ihnen in der Neuzeit gewordenen unbedingten Freiheit der Wissenschaft, nicht die Gunst, welche die Naturwissenschaften bei der deutschen Nation gefunden, verscherzen und dadurch diese Freiheit selbst gefährden sollten. Eine solche Warnung pflegt aus der Wahrnehmung von Symptomen zu erstehen, daß die Gefahr bereits im Anzuge ist. Und dies ist auch der Fall. Die wahrhaft Gebildeten, die ernsten Männer der Forschung auf anderen Gebieten sehen die Tendenz der neuesten Naturforscher geradezu schon als „Humbug" an. Wie könnte sich z. B. ein neuerer Historiker, der sich gewöhnt hat, Schritt vor Schritt nur nach Quellenzeugniffen, Urkunden und dem überzeugenden Zusammentreffen der Ereignisse ein geschichtliches Factum anzuerkennen und zu beurtheilen und erst aus diesen streng geprüften Einzelnheiten ein Gesammtbild zu construiren, immer bereit, die Züge nach etwa neu erössneten Quellen zu retouchiren, wie könnte er sich mit der Vermessenheit aussöhnen, mit welcher die jetzigen Naturforscher aus einzelnen Beobachtungen ganze Weltsysteme zusammenphantasiren, mit der Anmaßung, mit welcher sie dann ihre Ausgeburten der Welt aufdrängen, alle entgegengesetzten, wohlbegründeten Anschauungen „depossediren" und diejenigen verhöhnen, welche sich diesen Fälschungen wahrhafter Forschung nicht ergeben wollen? Von den Naturwissenschaften haben die anderen die inductive Methode entlehnt und müssen nun sehen, in welcher ungetreuen Weise sie jetzt in jenen angewendet und gemißbraucht wird. Virchow verurtheilt dieses Verfahren als Mißbrauch der Freiheit gänzlich und zieht eben hieraus seine Warnung. Er verlangt, daß die Naturforscher zwischen dem, was die strenge Wissenschaft durch die sorgfältigsten Beobachtungen, Experimente und Beweise als vollständig richtig gestellt und begründet hat, und dem, was nur Problem, Aufgabe für die weitere Forschung, oder was gar nur kühne Schlußfolgerung aus noch ganz vereinzelten Wahrnehmungen, Hypothese, selbsterdachtes Ausfüllsel von Lucken ist, streng unterscheiden, nur jenes dem Volke als sicheres wissenschaftliches Gut übergeben, dieses aber nur zum Inhalt ihrer eigenen weiteren Studien machen. Sie sollen verzichten können auf Liebhabereien und persönliche Ansichten und diese nicht als Ergebnisse der Wissenschaften verkünden und austrommeln. Er nennt hier geradezu die Herren Haeckel und Naegeli, welche derartige Vorträge in der Versammlung gehalten. Auf das, was in der jüngsten Zeit gegen Halbwissen und Halbbildung und deren schädliche Wirkung geäußert worden, entgegnet V. weniger zutreffend. Er meint, alles menschliche Wissen sei Bruchstück und es komme nur darauf an, daß Jedermann wisse, wo sein Wissen aufhkre und sein Nichtwissen beginne, um letzteres

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