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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-06 · Heft 45 (6.11.1877) · p. Seite 717

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 45 (6.11.1877)
Date
1877-11-06
Page
Seite 717 (sequence 9)
Language
German
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717 Dampfer „Ferdinand Max" bestiegen, um mittelst desselben die Reise nach MohLcs fortzusetzen. Am 20. d. langten sie in Mohücs an und fetzten dann mittelst der MohLcs - Fünfkirchner Bahn ihre Reise nach Fünfkirchen fort. In letzterer Stadt trafen sie am Samstag, 20. d., Abends 10 Uhr, ein und wurden von der Bevölkerung auf das theilnahmsvollste empfangen. Jedermann — Jude und Christ — beeilte sich, die Unglücklichen mit Speisen und Kleidern zu versehen; eine improvisirte Sammlung ergab mehrere Hundert Gulden. Am 21. d. reisten die armen Flüchtlinge, 31s an der Zahl, nach Triest weiter, um von dort die Reise nach der türkischen Hauptstadt fortzusetzen. Rußland. Riga, im October. (Privrtmitth.) Nachstehender Artikel des in St. Petersburg erscheinenden russischen Wochenblatts „Nedjela" verdient auch hier erwähnt zu werden. Er tadelt — wenn auch sehr gelind, aber nichtsdestoweniger überzeugend — die Borurtheile und falschen Beschuldigungen gegen Juden, wie gegen Nichtrusien überhaupt und bezeichnet die gegen dieselben in letzter Zeit sich häufig kunvgebende Gehässigkeit gewisser Personen aus den gebildeten, einflußreichen Classen der russischen Gesellschaft als eine höchst betrübende Erscheinung. Die hier angeführten Zahlen aus dem officiellen Berichte des Ministers der Aufklärung beweisen auf's Deutlichste, daß die ruff. Juden in dem Streben nach Kenntniß und Bildung weit mehr Eifer an den Tag legen, als all' die übrigen Gruppen der russischen Bevölkerung. Der Artikel in Nr. 40 der obengenannten Zeitung vom 2/14. Oktober c. lautet: „Patriotismus und Gymnasium." „In Veranlassung des im Augusthefte des Ministeriums „der Volksaufklärung gedruckten Berichtes über die männlichen „Gymnasien im Jahre 1875, beabsichtigen wir einige Ge- „danken auszudrücken, oder richtiger einige Zahlen aufzustellen. „Es ist natürlich kein Geheimniß, daß im Fond des russi- „schen Lebens nach Verlauf der schweren Jahre, nach Been- „digung des schwierigen Krieges sich vorherrschend eine gewisse „Kälte (wir wollen keines schärfern Ausdrucks uns bedienen) „gegen das nichtrussische Element der Bevölkerung, gegen Juden, „Polen und Deutschen zeigen wird. Daß ein solches Gefühl „in den dunkeln Schichten des Volkes erzeugt wird, ist kein „Wunder; wenn aber in einigen einflußreichen Schichten der „gebildeten Claffe der russischen Gesellschaft dieses Gefühl nicht „nur Raum findet, sondern von denselben erweckt und zur „Flamme angefacht wird, das ist jedenfalls höchst betrübend. „Wir fürchten nicht darauf hinzuweisen, daß auch in der Ge- „genwart diese Kälte bei unS vorhanden ist. Die verfchieden- „artigsten Beschuldigungen werden von den bezeichneten gebil- „deten russischen Schichten gegen Juden, Polen und Deutschen „angeführt: Die Juden exploitiren uns in pecuniären Dingen; „die Polen schmieden Ränke und bereiten revolutionäre Ele- „mente vor; die Deutschen sind bemüht, die breiten Formen „und die mächtige Strömung des Slaventhums zu beengen „und zu hemmen u. s. w. Im Allgemeinen gehen alle Be- „schuldigungen dahin, daß die genannten Elemente den Proceß „hindern und den Fortschritt der russischen Nation im Allge- „meinen und einzelnen stören. „Wir wollen jetzt weder für noch gegen diese Beschuldigung „ein Wort sprechen, wir haben ein anderes Ziel: wir wollen „aus dem Gesichtspunkte derjenigen, die mit den Juden, Polen „und Deutschen unzufrieden sind, zugeben, daß die nichtrus- „sischen Elemente die Entwickelung der national - russischen „Civilisation hindern. Unter solchen Verhältnissen müssen die „slavischen, echtrussischen Elemente mit allen ihnen zu Gebote „stehenden Mitteln dahin streben, ihre eigne, wie die Entnickelung der ganzen Nation gedeihlich zu fördern. Wir „müssen vorwärts schreiten, lernen und unsre Kinder unter- „richten. Aber handeln wir auch so? — „Zur Antwort mögen uns nachstehende Ziffern aus dem „allerunterthänigsten Berichte des Ministers dienen. Russen Lutheraner Katholiken Juden Bevölkerungszahl Rußlands: 78 Vs pCt. 3V-2 - 10 31/2 - Schülerzahl der russischen Gymnasien: 50 pCt. 8 - 19 - 20 - „In der allgemeinen Zahl der Gymnasiasten geben die Juden „20 pCt., während sie kaum 31/2 pCt. der Bevölkerung Ruß- „lands bilden. Man könnte leicht annehmen, daß nur in den „Gymnasien der westlichen und südwestlichen Gouvernements „die jüdischen Schüler vorherrschend sind, weil jene Gegend „eine dichte Bevölkerung von Juden hat. Allein es zeigt sich, „daß sie überall, wo sie nur können, in zahlreicher Menge „die Gymnasien besuchen. Im Odessa'schen Lehrbezirk bilden „sie 1/3 aller Gymnasiasten, im Warschauer etwa 18 pCt., „im Wilna'schen 17 pCt. — „Die Stadtbewohner in Rußland bilden 8 pCt. der Ge- „sammtbevölkerung. Wir wollen nun annehmen, daß in der „Gesammtzahl der Gymnasialschüler die Stadtbewohner über „33 pCt. geben werden. Wenn nun die Juden, die vor- „züglich zu den Städtern gehören, 20 pCt. aller Lernenden „ausmachen, so kommen auf den Theil der andern drei Gruppen „nur 13 pCt. Nach dieser Auseinandersetzung schließt der Artikel mit einer Mahnung an das russische Volk und an den russischen Adel, mehr Eifer für die Schule zu zeigen. Mendelsohn. (Unsererseits hätten wir hinzuzufügen: sind diese Gymnasien nicht russisch? sind sie etwa jüdisch, polnisch oder deutsch? ist die Unterrichtssprache nicht die russische? Was wollen also diese Russen von den Juden, wenn die letzteren ihre Söhne in so 45

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