Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-06 · Heft 45 (6.11.1877) · p. Seite 716

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 45 (6.11.1877)
Date
1877-11-06
Page
Seite 716 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227169--35781-3305773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

716 Nichten hätten. Diese Herren Radikalen sehen sich als die Lehrmeister und alle Menschen als Schüler an, die sie, wenn ihnen nicht unbedingt gehorcht wird, mit dem Stocke behandeln müffen. Sie sehen nicht ein, daß sie ganz auf demselben Standpunkte stehen, wie ihre Gegner, die ultramontanen Zeloten. Wohlerworbenes Recht und Gewiffensfreiheit sind ihnen leere Worte, sobald es gilt, ihre eigenen Ansichten durchzuführen. Daß sie sich hierdurch selbst die größten Schwierigkeiten schaffen, — denn auf die Länge will man ihren Zwang ebenso wenig erdulden, wie das Joch ihrer Gegner, — erkennen sie nicht. So stehen sie nicht an, den Juden ihr Privateigenthum zu nehmen, ihrem Gewiffen und ihren religiösen Gefühlen Zwang anzuthun, noch dazu in einer Angelegenheit, wo die Juden gewiß noch zu keiner einzigen Klage und Beschwerde Anlaß gegeben. Und dies thun sie im Namen der Freiheit und Gleichheit. Herr Kahn hat sich durch diese Schrift ein wirkliches Verdienst erworben, wobei wir nur gewünscht hatten, daß er die Anmerkung über die Auferstehung der Todten weggelaffen hätte. Spanien. Madrid, im September. (Aus einem uns mitgetheilten Privatbriefe.) Zu rt'-i bin ich, wie Du weißt, nach Bayoune gegangen, um nach alter Bäterweise den Tag zu verleben. Leider war mir nicht möglich, dies auch zum Jom-Kippur zu thun. Bon einem Synagogenbesuche in Madrid war meiner Meinung nach keine Rede. Am Mittag vor diesem Tage bei der tadle ck'döte bestellte ich etwas laut für den Nachmittag eine Extra-Mahlzeit, was die Aufmerksamkeit meines Nachbarn, eines christlichen Kaufmanns aus Leipzig, erregte. Merkwürdiger Weise erriech dieser sofort meine Absicht und raunte mir zu: „Haben Sie morgen den langen Tag? Ist es Ihnen bekannt, daß es an diesem Feiertage eine jüdische Betstube hier giebt?" Freudig bewegt verbarg ich dem guten Leipziger nicht meine Absicht beim Bestellen der besonderen Mahlzeit und ließ mir am Abende von ihm die „Betstube" zeigen. In einer der schönsten Straßen der Hauptstadt fand ich diese oder vielmehr die Familie, in welcher am Verföhnungstage die in Madrid seit Jahrhunderten nicht wieder gesprochenen Gebete Israels zu Gott emporgesendet werden. Freilich entsprach diese Gebetstube ebenso wenig als das Publikum oder die Art des Betens dem, was in jener Blüthezeit des Königreichs hier geschah. In einem fein, ja luxuriös ausgestatteten Salon fand ich bei meinem Eintritte schon sechs Damen und sieben Herren in Fauteuils des Halbdunkels warten, um dann das Kol-Nidregebet zu verrichten. Ich wurde freundlich und liebenswürdig ausgenommen, der Hausherr entschuldigte sich, daß kein volles Minjan anwesend 'ei, und daß er zu wenig hebräische Kenntniffe besitze, um die Gebete hebräisch zu recitiren. Es sei seit den zehn Jahren, daß fünf israelitische Familien alljährlich diese Zusammenkunft abhallen, Gebrauch geworden, die üblichen Gebete, ohne Kürzung, abwechselnd, aber in stanzösischer Sprache herzusagen. Ich würde mich überzeugen, daß Andacht und Feierlichkeit hierunter nicht litten. Und so war es auch! Ich ging um 9 Uhr bewegt von den Erinnerungen an die fern im Norden weilenden Verwandten, an die Tage der Jugend und die glücklichen Verföhnungstage im alten P. nach Haufe. Da fand ich frisch angekommen zwei jüdische Reisende, die mit Freuden mein Anerbieten, sie morgen in die Madrider jüd. „Betstube" zu führen, annahmen. So waren wir denn am Verföhnungstage nach alter jüd. Auffassung eine „Gemeinde". Wir beteten Alle andächtig, Herren und Damen wechselten mit den französischen Gebeten ab. Als aber am Abende einer von uns das Kaddischgebet im alten Dialecte des Orientes sprach, traten uns Allen die Thranen in die Augen. Es waren das uns Allen Familienklänge, Erinnerungen an die ideale gemeinsame Heimach, trotzdem kaum drei von uns einem Lande augehörten. Glaube mir, ich habe noch keinen Jom-Kippur mehr gefühlt, war noch nie in einer Synagoge andächtiger, als am Jom- Kippur 1877 in der jüdischen Betstube zu Madrid. Türkei. Bon der Donau, 21. October. (Privatmiltheil.) Das Schicksal der jüd. Gemeinde Kazanlik, welche vor Ausbruch des Krieges aus 600 Familien bestand, ist bekannt. Die Schrecken des Krieges zwangen dieselben, Kazanlik zu verlassen, 369 derselben flüchteten sich nach Bukarest. Die ruman. Hauptstadt hat aber jetzt andere Sorgen, als sich der Flüchtlinge anzuuehmen, die im größten Elend auf den Gaffen der Stadt umherirren, allen Unbilden der rauhen Witterung ausgesetzt. Sie sterben Einer nach dem Andern und seit dem Eintritt des Herbstes sind 49 aus den Reihen der Lebenden geschieden. Ähre Anzahl ist auf 315 herabgeschmolzen und auch diese sind schon durch Hunger, Kälte und all' die Leiden und Entbehrungen, welche die Heimathlosigkeit im Gefolge hat, so herabgekommen, daß sie mehr nur dahinsiechen, als leben. Die bukarester israel. Gemeinde hat daher beschloffe», die unglücklichen Menschen nach Konstantinopel zu schicken. Am 17. d. Abends trafen sie mittelst der ruman. Eisenbahn aus Bukarest in Vercsierova ein. Dort stand zu ihrer Weiterbeförderung der Dampfer „Kasan" der Donau-Dampfschifffahrt-Gesellschaft unter Capitan Fröhlich bereit. Auch einige Vertreter der „Alliance israölite" befanden sich auf dem Schiffe, welche rituell zubereitete Speisen für die Unglücklichen bereit hielten. Von hier wurden sie nach Orsova gebracht, wo sie den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.