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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-06 · Heft 45 (6.11.1877) · p. Seite 711

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 45 (6.11.1877)
Date
1877-11-06
Page
Seite 711 (sequence 3)
Language
German
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711 konnte der Volksgeist nicht anders als ein phantastisches Gebäude sich aufrichten, in welchem er sich zu Hause fühlte und außerhalb dessen er keine Befriedigung an der abstrakten Idee finden konnte. Dies beweist die Erfahrung aller Völker und Zeiten. Wir brauchen nicht blos an die Egypter, Hellenen und Germanen zu appelliren: die christliche Kirche und der Islam mit ihren Phantasiegebilden über Paradies und Hölle, über die vom Glauben bedingte Seligkeit, über das Fegefeuer und die Erlösungsmittel aus demselben liefern den hinlänglichsten Beweis. Und war es anders im Judenthume? Kaum hatte die reinere Idee der Unsterblichkeit Platz gegriffen und die Vorstellung vom Schattenreiche beseitigt, als sich dennoch die Volksphantasie jener bemächtigte und die Vorstellungen vom Jenseits in phantastischer, oft abergläubischer Weise ausstattete. Da ist es einsichtlich, daß Moses in seinem cousequenten Systeme mit dem Unsterblichkeitsglauben des Volkes nichts anfangen konnte, daß in seinem Streben Lehre und Leben zu identificiren, jener nur hinderlich gewesen sein würde, daß dieser Glaube das Bott leicht wieder auf die Pfade der Phantasie zu bringen und dem reinen Gottesbegriff schädlich zu werden vermochte. Das individuelle Leben kann vom Standpunkte der Unsterblichkeit beeinflußt, und in idealen Beziehungen geregelt werden — das Leben einer Gesellschaft, einer Nation in der Verwirklichung der höchsten Principien wird von der Unsterblichkeitsidee, sobald sie einen realen, sogar praktischen Einfluß darauf üben soll, nur auf eine schiefe Bahn versetzt und mit Momenten durchquickt, die ihm Ziel und Wege verrücken — noch dazu, wenn sie sich phantastisch ausbildet und das Werkzeug herrsch- und habgieriger Priester wird. Aus diesem Gesichtspunkte erscheint es uns vollständig durchsichtig, warum Moses die Bottsvorstellung von der Unsterblichkeit auf sich beruhen ließ, und sie in der Thora nur in einzelnen Ausdrücken zum Vorschein kommt, welche volksthümlich geworden. Jndeß so ganz und gar ließ er sie nicht auf sich beruhen. Wie wir in der Anmerkung 1) gezeigt, sahen die Eghpter den Menschen als aus dem Körper, dem Schemen oder der Gestalt, in der die Seele wohne, und dem Chu, einem Ausflüsse der göttlichen Intelligenz, bestehend an. Dieser zweite Theil, der Schemen, gehörte der Unterwelt an und kehrte nach dem Tode dahin zurück, wo er eine Art Scheinleben führte, wie denn auch die Auferstehung der Todten eine altegyptische Vorstellung ist. Gegen diese Anschauung nun richtete Moses seine Lehre. Nicht allein, daß in der Thora des Scheol's niemals gedacht wird 4), daß die Rephaim (Schatten) 3) Vgl. l Mos. 5, 22—24. 1 Mos. 15, 15, wobei beachtet werden muß, daß Abraham fern von seinem Daterlande starb. Ebenso 4 Mos. 20, 24 von Ahron. 4 Mos. 23, 10. 4) Wo in der Thora birrw vorkommt, bedeutet es deutlich nichts als „Gruft" und ist auch nicht der entfernteste Zug vorhanden, der auf ein „Schattenreich" weife. So 1 Mos. 37, 35. 42, 38. 44, 29. 31, wo die Kinder „das graue Haupt des Vaters in Kummer in die Gruft senken" was doch nichts als „begraben" bedeuten kann. Auch 4 Mos. 16, 30. 33 laßt keinen Zweifel zu: die Erde soll sich aufthun, Korach und seine Anhänger in den Riß hineinsallen und „von der daselbst eine ganz andere Bedeutung, nämlich eines früheren Riesenvolkes 5) erhielten: er lehrte schon beim Beginn der Thora, daß der Mensch nur aus dem Körper und der Seele, dem unmittelbaren Odem Gottes, besteht, und nach dem Tode der Körper sich wieder zu Erde auflöst und mit derselben amalgamirt wird. ,;) Für die Vorstellung des Schemens und deshalb des Schattenreiches blieb kein Raum übrig. Wir haben erst jüngst gezeigt,') daß der Begriff dieser harmonischen Verbindung von Körper und Seele treu in der ganzen heiligen Schrift aufrecht erhallen wird. Moses wollte also in ganz bestimmter Weise den gespenstischen Schemen und das phantastische Schattenreich aus dem Bewußtsein des Volkes beseitigen. Jndeß sollte dies nur eine Folge der besseren Einsicht sein, und es war daher natürlich, daß jene Vorstellung, wenn auch nur beiläustg, im Volke verblieb und später in bibl. Schriften gelegentlich, wie auch die Auferstehung in dichterischen Ausdrücken und Gleichnissen, niemals jedoch als Lehrsatz oder gar als Dogma, zum Vorschein kam. — Was wir hier von den Motiven Moses' erkannt haben, gilt ebenfalls von den Propheten. Diese hatten vorzugsweise das immer wieder hereinbrechende und zu Zeiten zur Herrschaft gelangte Heidemhum zu bekämpfen. Gegen dieses hatten sie all' ihre Slreitmittel zu richten. Ihnen mußte es vor Allem um die Rettung der Gotteslehre zu thun sein. Hinlänglich hatte es sich erwiesen, daß das ganze Gesetz, damit die Herrschaft der großen gesellschaftlichen Principien, die Sittlichkeit und das ganze Leben der Nation von der Treue oder Untreue gegen die Gotteslehre abhing. Mit dem Kampfe für die Gotteslehre war daher der Kampf um das nationale Leben, um den Bestand oder den Untergang der Nation eng verbunden. Diese beiden Momente füllten deshalb das ganze Wirken der Propheten aus. Die Begriffe von Gott, seiner Einzigkeit, Unendlichkeit, Gestaltlosigkeit, rllwaltenven Lenkung und gerechten Vergeltung zu läutörn, durchzubilden und zu befestigen, dies macht neben der beständigen Erwägung der nationalen Geschicke die ganze Action der Propheten aus. Auch hier war für die Unsterblichkeitslehre kein Raum. Erst da, wo das individuelle Leben, die Anschauungen und Stimmungen der Individuen hervortraten, in den Hagiographen, mußte auch die Unsterblichkeitslehre sich einstellen und zum Ausdruck gelangen. Daß dies geschehen, haben wir bereits angedeutet. s) Von hier aus wollen wir nun einen Blick auf die Ergebnisse eines Werkes werfen, das die vergleichende Religionswissenschaft hinsichtlich der Unsterlichkeitslehre zu seinem Thema ge- Erde bedeckt werden." Endlich 5 Mos. 32, 22 stehr es „als unterste Tiefe" parallel mit „den Grundfesten der Berge", bezeichnet also die Tiefen der Erde gan; örtlich, ohne auch nur die geringste Ahnung von einem da befindlichen Schattenreiche anzudeuten. 5) Siehe 1 Mos. 14, 5. 15, 19. 5 Mos. 2, U :e. G) Siehe l Mos. 2, 7. 3, 19. 7) Siehe Leitartikel „Die Seele nach der Bibel" in Nummer 20, 2t, 25. 8) Siehe Psalm 10, 9—11. 17, 15. 49, 10. Hiob 19, 25—27. Kohelet 12, 7. 45

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