Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-11-06 · Heft 45 (6.11.1877) · p. Seite 710

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 45 (6.11.1877)
Date
1877-11-06
Page
Seite 710 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227169--35775-3305767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

710 dienere!, durch Aufstellung von Bildern in Gefahr geräth, und die sanftesten Töne schlägt er an, die liebevollste Ueberredung verwendet er, wenn er sie in das Herz seiner Nation versenken will. Niemals noch sind lockendere Bilder des nationalen Segens und Glückes und dann wieder einschneidendere Gemälde des nationalen Fluches und. Mißgeschickes einem Volke vor die Seele geführt worden, als von Moses wiederholt geschieht, wenn er den Israeliten die Treue gegen den einzigen Gott, die bilderlose Anbetung desielben, die volle Hingebung an ihn zu ihrem ganzen Lebenselemente machen will. Dies vollbringt er aber nicht um der abstrakten Idee willen. Wie dieser Gott, ob auch das ewige unveränderliche Sein, ob auch der Schöpfer des ganzen Universums, in der Lehre Moses' ein lebendiger, unmittelbarer, geoffenbarter Gott, die allwaltende Vorsehung, die für die Völker wie für die Individuen richtende Vergeltung ist und seine Anerkennug und Anbetung, weil im israelmschen Stamme überliefert, selbst einen nationalen Charakter annimmt — so liegt hierin noch ein anderer wesentlicher Zweck. Moses wollte aus der israelitischen Stammesmasie eine wohlgeordnete, selbstständige, zum Widerstande gegen die Nationen befähigte, auf den höchsten Principien der Freiheit, der nationalen wie der persönlichen, der Gleichheit, des Rechtes und der Bruderliebe beruhende und von ihnen gestaltete und beherrschte Volksgesellschaft bilden. Dies konnte nur erreicht werden, wenn dem Volke die höchste Sittlichkeit zum Gesetz gemucht worden, und diese konnte wiederum ihre ewige Quelle und dauernde Stärke nur in dem Gottglauben, nur in der Lehre von einem einzigen Gotte haben. Nur aus einem' einzigen Gotte konnte das gleiche Recht Aller, die gleiche Liebe Aller, die gleiche Freiheit Aller als höchstes Gesetz für die Gesellschaft und für die Individuen gezogen werden. Nur wo die Einzigkeit Gottes unbedingt und ungetheilt begriffen ist, kann auch die Einheit der Welt, die Einheit des Menschengeschlechtes, die Einheit der Nation in Recht, Liebe und Freiheit als nothwendige Folge erfaßt und zum gesellschaftlichen Gesetze gemacht werden. Diese Consequenz macht den eigentlichen Charakter des Mcsaismus aus. Es ist zuzugeben, daß wir in den egyptischen, indischen, altpersischen, griechischen und römischen Denkmälern und Schriften große und schone Züge der Gotteserkenntniß und lautern Sittlichkeit finden. Aber sie sind hier nur zerstreut, Geistesblitze, Erregungen des Herzens — es fehlt ihnen am wirklichen Zusammenhang, an der folgerichtigen Durchführung, an der Consequenz, kurz, sie sind nicht zum System der Religion, Moral und Gesellschaft erhoben, sondern sie verlieren sich unter dem Wüste pantheistischer Ansichten, der mißgestalteten Vielgötterei, der groteskesten oder der leiblich schönen Götzenbildnerei, einer erkünstelten Symbolik, einer phantastischen Allegorisirung, und gerathen auf diesem Wege in ein Chaos von Unsinn und Unsittlichkeit. Ganz anders der Mosaismus. Streng gegliedert, fest ineinandergefügt, sind hier die Erkenntniß des einzigen Gottes, die-Liebe zu und die Ehrfurcht vor diesem Gotte, das Recht der Gleichheit und Freiheit und die Liebe Aller zueinander und alle allgemeineren und speciellen Gesetze bis zur Behandlung der Thiere und der Pflanzen herab, die aus jenen Principien folgen. Dies war das Ziel, welches Moses verfolgte, und wofür jedes Wort der Thora Zeugniß giebt. Und nun der Unsterblichkeitsglaube? Was hatte Moses von diesem für Wirkung in Egypten gesehen? Trotzdem hier dieser Glaube tief in die Volksseele eingesenkt, die Vorstellung vom Gericht, von der Strafe und dem Lohn im Jenseits zu einer die Geister und das Leben beherrschenden Idee geworden war, hatte er doch die völlige Entartung der Gesellschaft nicht verhindert, sondern verstärkt. Mögen immerhin die Individuen in diesem Glauben, in den vielgestaltigen Ceremonien und dem Ahnen- Cultus, in den zahllosen Opfern an materiellem Gut, die ihnen dadurch auserlegt wurden, Trost, Kraft und bisweilen Treue im Guten gefunden haben: die erdrückendste Tyrannei der Herrscher und das unsägliche Elend des Volkes, deffen Kraft in beständigen Eroberungs- und Bertheidigungskriegen erschöpft ward, die Priester- Herrschaft im aussaugendsten Umfang, die Aristokratenwirthschaft, das unerbittliche Kastenwesen u. s. w. waren vom Unsterblichkeitsglauben nicht beseitigt, nicht geschwächt, sondern gefördert und verstärkt. Zu solchen Zuständen hatte der bis zur Anbetung von Thieren entartete pantheistische Götterglaube in Gesellschaft des Unsterblichkeitsglaubens geführt. Konnte Moses daher im letzteren eine Quelle der Erkenntniß, der Sittlichkeit und des gesammten Volkslebens erblicken? Ein Anderes ist es um den lauteren Begriff der Unsterblichkeit der Seele, ein Anderes um den Volksglauben an sie in einer so ftühen Periode der Menschheit. Die abstrakte Idee des einzigen Gottes, des Schöpfers aller wahrnehmbaren Erscheinungen, wenn sie, wie bei Moses, als die Vorstellung eines lebendigen, geoffenbarten Gottes, des Quells des Rechts und der Liebe, des Urhebers der diese verwirklichenden Gesetze, des Lenkers der Geschicke und des Richters alles menschlichen Thuns im Diesseits in die Volksseele sich einfenkte, eingedammt durch das strengste Verbot aller Götzenbildnerei und durch das Gebot eines einzigen Heiligthums und Altars, konnte die Geister und Herzen eines Volkes erfüllen, durchdringen und beherrschen. Und dennoch bedurfte sie zu diesem Ziele eines fast tausendjährigen Kampfes im Schooße der Nation. Dennoch gelang eS ihr nur erst eines Theiles des Volkes sich zu bemächtigen, der zeitweise anschwoll, aber auch sich minderte: dennoch verlor sie große Theile dieses Volkes ganz und gar, bis sie ihren vollen Sieg in den Resten des jüdischen Stammes erlangte. Die abstrakte Idee der Unsterblichkeit hingegen konnte sich erst in der weiten Entwickelung des Volkes und in den bedeutendsten Geistern desselben herausbilden. Wir sehen dieselben so erst fast gegen das Ende der bibl. Periode erscheinen. In der Seele des Volkes mußte sie der Phantasie anheimfallen, mußte sie sich in den groteskesten Gebilden ausgestalten. In diesem Glauben, wo für den Verstand nur einige wenige Fäden logischer Folgerung sich darbieten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.