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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-30 · Heft 44 (30.10.1877) · p. Seite 697

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 44 (30.10.1877)
Date
1877-10-30
Page
Seite 697 (sequence 5)
Language
German
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Die „Franks. Ztg." meldete kürzlich, daß die jüdischen Freiwilligen des 2. Garderegiments und des Kaiser Franz- Regiments dieses Mal sämmtlich vom Officierexamen zurückgewiesen wurden. Die Nachricht wird der „Boss. Ztg." bestätigt, doch fügt der Gewährsmann hinzu: „Die Form dieser Notiz könnte zu der Annahme verleiten, als ob ausschließlich die Freiwilligen mosaischen Glaubens das Examen nicht mitmachen durften, und dem gegenüber muß zur Erwähnung kommen, daß dieses Mal überhaupt eine größere Anzahl von Freiwilligen, die den Vorgesetzten nicht geeignet erschienen, auf Absolvirung des Examens verzichten mußte. Unter diesen befanden sich allerdings alle jüdischen Freiwilligen. Diese hatten bisher in den erwähnten beiden Garderegimentern stets in größerer oder kleinerer Zahl das Examen bestanden (noch Ostern z. B. war beim 2. Garderegiment das Berhältniß ein sehr günstiges), und es dürfte daher mehr als bloßer Zufall sein, wenn dieses Mal von keinem einzigen Juden die Qualification bei einem hiesigen Garde - Infanterie - Regiment erworben werden konnte." In einem weniger unfreundlichen Lichte erscheint die Angelegenheit in einer anderen Zuschrift, von welcher die „Boss. Ztg." den folgenden Paffus mittheilt: Ich bin Jude, weder Mediciner noch Philologe, sondern einfach Kaufmann, habe vom 1. October 1875 bis ultimo Septbr. 1876 bei einem hiesigen Garderegiment mein Jahr abgedient, bin am 1. April 1875 zum Gefreiten und nach bestandenem Officierexamen am 29. September 1876 zum Unterofficier befördert, als solcher in diesem Herbst zur Uebung einberufen und vor 14 Tagen zum Bicefelvwebel ernannt. Ich gebe zu, daß auch ich bei meinem Eintritt die Befürchtung hegte, daß mein Glaube mir eine andere Behandlung seitens meiner Vorgesetzten zuziehen würde, als dies bei den Freiwilligen anderer Confessionen üblich, und habe mit diesen gefaßten Vorurtheilen die Handlungen, ja die Worte der Officiere stets nach dieser Richtung hin ausgelegt. Ich that jedoch meine Pflicht und als ich mir erst vornahm, meine Dienstzeit mit unbefangenem Auge zu vollenden, erschien mir auch das Benehmen der Officiere in anderem Licht. Bald hatte ich erkannt, daß nicht die Religion die Ursache schlechterer Behandlung sei, sondern vielmehr unmilitärische Haltung und Aufführung während der Dienstzeit. Ein Doctor der Medicin oder Philologie, welcher ein nachlässiger Soldat ist, wird trotz seiner Gelehrsamkeit nach 6 Monaten nicht ®efteiter, und in weiterer Folge auch beim Schluß seiner Dienstzeit als ungeeignet, andere Menschen militärisch auszubilden, nicht zum Officierexamen herangezogen. Es geschieht nun sehr häufig, daß gerade die tüchügsten, wiffenschaftlich gebildetsten Freiwilligen alles Andere beffer lernen, als gerade das „Soldat sein"; die Confession thut dabei gar Nichts, bei meiner Compagnie hatte ich Gelegenheit, dies zu erkennen. Es dienten mit mir 2 Studenten, tüchtige Köpfe, evangelischer Confession, die manchmal Gelegenheit gaben, mich erkennen zu lasten, wie unwiffend meine Wenigkeit sich im Vergleich zu ihrer Kenntniß ausnahm. Beide aber sind als Gemeine entlasten, ich dagegen, der jüd. Kaufmann, werde Officier werden; denn ich kann es ja dreist ohne Selbstliebe eingestehen, daß mein Oberst mir beim Abgänge die Hand reichte mit den Worten: „Sie werden dereinst ein tüchtiger Officier werden." Wenn meine Glaubensgenossen sich zurückgefetzt fühlen, so mögen sie mit sich selbst zu Rathe gehen und sich fragen, ob nicht auch vielleicht ein anderer Grund bei der Zurücksetzung vorlag. Verhehlen wir es uns nicht, daß die Juden doch nicht durchweg das Zeug zu einem tüchtigen Solvaten mitbringen, sondern dasselbe sich vielfach erst mit aller Energie erwerben müssen. Wer dies gethan, verspürt keine Zurücksetzung. Die „Kreuzzeitung" spricht den dringenden Wunsch aus, daß „der gute Rath, den dieser aufrichtige Israelit als Vicefeldwebel und Officiers-Aspirant seinen Glaubensgenossen giebt", sowohl von den letzteren wie von den sich so leicht über die angebliche Zurücksetzung mosaischer Freiwilliger ereifernden Blättern beherzigt werden möchte. „Es sind" — so bemerkt sie — „thatsächlich auch christliche Freiwillige vom Officier-Examen zurückgewiesen worden, und wenn dieses nicht ebenfalls ein Zeitungsgeschrei erregt, so mag dies wohl auch mit daran liegen, daß es ja heutzutage unverhältnißmäßig mehr jüdische Zeitungscorrespondenten giebt, als christliche." —. Wir unsrerseits glauben auch, daß aus einem einzigen Factum auf eine plötzlich angenommene Regel nicht geschloffen werden dürfe. Man wird abwarten müssen, ob sich die Thatsache wiederholt. Hingegen muffen wir doch die Auslassungen des jüdischen Bicefelvwebels, als eine wahrhafte Anmaßung ernstlich zurückweisen. Er für seine Person giebt noch keinen Beweis, daß die Juden zum Osficiersrang zugelassen werden, denn er ist ja nur Bicefeldwebel. Die Behauptung, daß die Juden nicht tüchtig zum Soldaten bei der Recrutirung anlangen, ist eine Behauptung, die er aus seinem engen Kreise für die gesammte Monarchie doch nicht aufzustellen wagen dürfte, ohne sich eines hoffärtigen Hochmuths schuldig zu machen. In Friedenswie in Kriegszeiten hat sich die Mehrheit der jüdischen Soldaten das Lob ihrer Vorgesetzten stets zu erwerben gewußt. Hierzu müssen sie doch das Zeug mitgebracht haben. Ausgebildet zu Soldaten müffen alle Rekruten erst werden, und um tüchtig zu werden, bedürfen sie Alle der Energie. Der Herr Kaufmann muß auf seinen Rang als Bicefeldwebel sehr stolz geworden sein, sonst hätte er sich nicht erlaubt, sich so auszulaffen, wie er es gethan. Wir verachten jede Liebedienerei gegen wie für die Juden! Bernburg, 1. October. (Privatmitth. Verspätet). Am 26. September feierte die hiesige Gemeinde das 50-jahrige Amtsjubiläum ihres Rabbiners, des Dr. Salomon Herxheimer. Am frühen Morgen schon wurde dem Jubilar eine in der Ausstattung glänzend gelungene Adresse vom Vorstande und den

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