Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-30 · Heft 44 (30.10.1877) · p. Seite 696

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 44 (30.10.1877)
Date
1877-10-30
Page
Seite 696 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227168--35760-3305751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

696 farbigen Vorstellung im Volksbewußtsein entwickelte sich im Fortschreiten der Geistesbildung auch eine rationalistische Durcharbeitung des Unsterblichkeitsgedankens, und in Folge dieser stellten sich einerseits Zweifel ein, gegen die wiederum andererseits die Beweisführung erforderlich wurde und sich befestigte. Diesen Gang nahm der Unsterblichkeitsglaube in jedem Culturvolke, namentlich in den höher begabten. Es ist daher völlig selbstverständlich, daß der von Egypten kommende israelitische Stamm in seinem Volksbewußtsein den Unsterblichkeitsglauben mit sich führte, wie denn auch einzelne Ausdrücke in der Thora und den historischen Schriften diesem Volksglauben vollständig entsprechen und keine andere Deutung zulasten. In diesem Volksglauben spielte auch der Scheol eine Rolle, d. h. eine Art Unterwelt, in welcher die Todten als Schatten in Unthatigkeit, ohne Zusammenhang mit dem Leben existirten, eine Vorstellung, welche bei allen alten Völkern wiedergefunden wird und die in der heiligen Schrift ebenso zu dichterischen Bildern verwendet wurde, wie bei den Poeten der anderen Völker. Doch finden wir in der Thora nicht den geringsten Anklang hieran. Erst die h. Dichter, indem beide Vorstellungen, die höhere und die niedere, nebeneinander bestanden, benutzen je nach der Seelenstimmung eine von beiden in ihrer Ausdrucksweise. Aber wie allmälig die vernunftgemäße Anschauung von der Fortdauer die Oberhand gewann, z. B. in vielen Psalmstellen, im Hiob, im Kohelet, so erstanden auch die Zweifel, wie sie in den beiden letztgenannten Büchern ausgesprochen und zurückgewiesen werden. Unter diesem Proceffe läuterte sich auch das Volksbewußtsein, so daß sich jene Vorstellung von einem Schattenreiche auch aus ihm verlor. Wir erhalten daher die reine Vorstellung von der Unsterblichkeit bereits in den frühesten Sprüchen der Tradition, in den Apokryphen, im Josephus. i) Jndeß konnte sich daS Volk mit dieser rationalistischen Anschauung nicht begnügen, und es schuf sich deshalb, anknüpfend an die Vergeltung nach dem Tode, an die Belohnung der Gerechten und die Bestrafung der Frevler, neue Reihen von Bildern über Gan Eden und Gehinom, wie sich im Christenthum und im Islam ähnliche von Paradies und Hölle bildeten. Nur müssen wir hervorheben, daß im Zudenthume diese letztbezeichneten Bilder niemals eine kirchliche Sanction erhielten oder irgend eine wesentliche Bedeutung für das Dogmengebäude, wie dies im Christenthume und im Islam geschah. Daher speculirten auch weiterhin die philosophisch gebildeten Rabbiner, z. B. Saadja, Jehuda Halevi, Maimonides, Albo u. A. mit voller Autorität über die reine Unsterblichkeitslehre. Als ein glückliches Charakteristicum können wir deshalb betonen, wie sich in Mendelssohn die jüdische und die hellenische Geistesströmung hinsichtlich der Unsterblichkeitslehre vereinigten und in seinem „Phädon" zum vollendeten Ausdruck kamen. — Um so mehr drängt sich uns die Frage auf, warum weder Moses noch die Propheten über den Unsterblichkeitsglauben sich aussprachen, und wie sie sich zu ihm verhielten? Wir wollen sie zu beantworten versuchen, um endlich eine alte Streitfrage möglichst zu schlichten. 1) Je verheißungsdurstiger das Volk in der Zeit seines Polit. Sturzes und grausamer Verfolgung wurde, destomehr bildete sich auch der Unsterblichkeirsglaube aus. Es wurden unterschieden: a-ria^r nTsri und ti'rsan rrnn obiy, rrtr: abw, die diesseitige Welt, die jenseitige Welt, die Zeit des Messias und die Auferstehung der Todten. Wie die Messiaszeit sich an das diesseitige Leben, so schließt sich an das jenseitige Leben die Auferstehung der Todten. Die talmudische Lehre stellte sowohl die Unsterblichkeit und die Mefsiaszeit als auch die Auferstehung als unbedingte Glaubenssätze auf. (Sanhedrin 90, 2). 2oeümicj 6u<xcßu/cßUw. Deutschland. Straßburg, im October. (Privrtmitcheilung.) Mit der Gründung einer Rabbinerschule für Elsaß-Lothringen ist es bis jetzt nur langsam vorwärts gegangen. Im Consistorialfprengel von Oberelsaß sind ungefähr 8000 Frcs. jährlicher Beiträge gezeichnet worden. Man hofft nun, daß auch in Niederelsaß und vielleicht auch im Sprengel von Metz Subscriptionen für Erhaltung des Seminars erfolgen werden. Dann wird auch sicherlich die Reichsregierung aus den Mitteln des Reichslandes einen Beitrag bestimmen. Bis jetzt haben sich bei vorkommender Bacanz weder deutsche Rabbinen noch Schüler des Pariser Seminars gemeldet. Aber ebenso wenig wurden die von der Reichsregierung bestimmten Stipendien zum Besuche des Breslauer Seminar- bis jetzt benutzt. Man will jetzt in Straßburg an den Organisationsplan für die neue Anstalt gehen. Natürlich wird es noch manche Schwierigkeit geben, theils um die angemessenen Lehrer, theils um Schüler für das Institut zu erhalten. Nach unsrer Meinung müßte bei der Einrichtung des Seminars zugleich auf die Ausbildung von Religionslehrern und Cantoren gerücksichtigt werden, die, was die Zahl anbettifft, ein noch größeres Bedürfniß sind. Die eigenthümlichen Verhältnisse, die namentlich in der jüdischen Bolksmaffe des Reichslandes vorhanden sind, machen es erklärlich, daß in Deutschland gebildete Rabbiner weder den Forderungen jener entsprechen, noch sich eine befriedigende Wirksamkeit versprechen können. So wäre es allerdings am angemessensten, wenn Rabbiner, Lehrer und Cantoren aus Elsaß- Lothringen selbst hervorgehen. Berlin, 16. October. (Privatmitth.) Der Unparteilichkeit wegen, stellen wir folgende Mittheilungen aus den Zeitungen zusammen:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.