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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-30 · Heft 44 (30.10.1877) · p. Seite 695

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 44 (30.10.1877)
Date
1877-10-30
Page
Seite 695 (sequence 3)
Language
German
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695 geben sich stets das Ansehen, als ob ihre verneinenden Ansichten etwas Neues seien, das aus der großen neuen, jetzt erst eröffneten Erkenntnißquelle als überwältigende Consequenz erflosien sei und dem die alte Anschauung als verlebt weichen müsie. Aber thuet nur nicht so. Ihr seid doch nur die alten Gesellen, die schon in früheren Zeitaltern erschienen, laut ihre Stimmen erhoben und sich nach einiger Zeit scheinbarer Herrschaft wieder verliefen. Allerdings treten sie mit ausgedehnterem und vertiefterem Gehalte auf, wie es sich einer entwickelteren Zeit und Wiffenschaft geziemt. Aber schlimm ist es doch, .daß sie immer wieder dieselben Waffen nicht verschmähen, Waffen, die von Anmaßung und Vorspiegelung nicht fern sind und daher bald von ernsteren Forschern zurückgewiesen werden. Die Unsterblichkeit der Seele muß von allen denen verneint werden, welche nicht das substantielle Sein der Seele anerkennen wollen, sondern sie nur für eine Function körperlicher Organe ansehen, obgleich die einfache Thatsache sie widerlegt, daß der Wille ganz unverletzt und wie vorher bestehen bleibt, wenn ihm auch in einem oder mehreren Gliedern oder ganz und gar die motorischen Nerven ihren Dienst versagen, d. h. gelähmt worden. Weil in der harmonischen Verbindung der Seele mit dem Körper die Thätigkeit jener an gewiffe Organe als ihre Werkzeuge geknüpft ist, verwechseln jene Skeptiker die Thätigkeit mit dem Werkzeuge selbst, während doch zahlreiche Erscheinungen zeigen, daß öfters die Werkzeuge bleiben, wenn die Thätigkeit aufhört, und daß die Thätigkeit bleibt, selbst wenn ihr Organ abgestorben ist. So harmonisch die Verbindung zwischen Seele und Körper auch ist und beide deshalb vielfache Wechselwirkung auf einander üben: so sind doch alle Thätigkeiten der Seele ihrem ganzen Wesen nach denen des Körpers von völlig entgegengesetzter Natur und Eigenschaft, und das Leben der Seele sehr unabhängig von dem des Körpers. Wo daher der Dualismus von Seele und Körper so anerkannt, so Grundlage des ganzen Systems ist, wie im Judenthume, vom ersten Blatte der h. Schrift an bis zu dem letzten seines jüngsten Autors, da ist auch die Unsterblichkeitslehre eine nothwendige Folge, mag sie auf die Durchgestaltung des Ganzen den Epochen nach eine geringere oder größere Einwirkung ausgeübt haben. Wie unsere Leser voraussetzen, haben wir im Augenblicke zur Behandlung dieses großen Gegenstandes nicht blos in der allgemeinen Zeitrichtung, sondern auch in einer bestimmten Tageserscheinung eine auffordernde Beranlaffung. Wir werden dies später sehen. Zuvörderst haben wir unsre eigenen allgemeinen Bemerkungen voranzuschicken. Das Bewußtsein der jüdischen Gelehrten wie der gesummten jüdischen Masse ist von dem Unsterblichkeitsglauben vollständig durchdrungen und getragen, soweit nur die Nachrichten des traditionellen Judenthums hinaufreichen. Alle großen Zeugen desselben, von Mendelssohn bis zu Rabbi Jakob (Pirke Aboth 4, 21) hinauf, zeugen auch ausdrücklich für die Unsterblichkeitslehre. Die apokryphischen Bücher, mit Ausnahme der Sprüche Sirachs, sprechen sie in unzweideutigster Weise aus. Philo und Josephus verkünden sie. In den Zeiten des Kampfes der traditionellen Schriftauslegung mit der Beschränkung auf den buchstäblichen Sinn der Thora, d. h. der Pharisäer mit den Sadduzäern sollen die letzteren die Unsterblichkeit geleugnet haben, weil sie dafür in der Thora kein ausgesprochenes Dogma gefunden. Doch berichtet uns dies nur Josephus, ein eifriger Gegner der Sadduzäer, und kann er leicht die bloße Behauptung derselben, daß jene Lehre in der Thora nicht ausgesprochen sei, zu einer völligen Leugnung aufgebauscht haben. Die Chelhubim (Hagiographen) enthalten viele Aussprüche und Andeutungen über die Fortdauer der Seele nach dem Tode; ebenso fehlen einige Züge nicht in den historischen Schriften. Die Propheten und' die Thora drücken hingegen die Unsterblichkeitslehre in bestimmten Sätzen nicht aus, obfchon sie Phrasen enthalten, welche diesen Glauben im Bolksbewußtsein voraussetzen, und ihre ganze Anschauung ohne denselben nicht erklärlich wäre. So reicht der Unsterblichkeitsglaube im Judenthume bis auf dessen Ursprung hinauf, selbstverständlich mit einem eigenen Entwickelungsgange. Wir können hierüber die Nachweisungen im Einzelnen an dieser Stelle nicht wiederholen. Wir verweisen auf unsre ausführliche Abhandlung im zweiten Bande unsrer Religionslehre von S. 231 an. Hier wollen wir zunächst die Frage von noch allgemeinerm Gesichtspunkte betrachten. Glücklicher Weise sind uns aus dem Alterthume Documente genug über den Unsterblichkeitsglauben verblieben, um jede Pratension der Bekenner irgend einer neuern Religion, diesen Glauben der Menschenwelt gegeben zu haben, entschieden zurückzuweisen. Die künstlerischen und literarischen Denkmäler der Egypter geben uns ein genaues Bild der vielgestaltigen Vorstellungen dieses Volkes von der Fortdauer der Seele, von der Vergeltung im Jenseits, von dem Aufenthalte der Gerechten und der Bösewichter, und konnten die christliche Kirche und der Islam an Mannichfaltigkeit der Bilder kaum noch Etwas hinzufügen. Andererseits brauchen wir nur auf Plato und die Stoiker zu verweisen, um daran zu erinnern, daß die Unsterblichkeitslehre schon in vorchristlicher Zeit mit so feinem philosophischem Geiste vernunftgemäß behandelt worden, daß bis zur neuesten Zeit die Argumentation nur verbreitert und vertieft werden konnte: das Wesentliche war schon gegeben. Vergleichen wir von hier aus die Vorstellungen, welche die antiken Culturvölker, z. B. die Inder von der Fortdauer hatten, ebenso wie die rohesten Nationen aller Zeiten, so kommen wir zu folgendem Schluffe. Der Unsterblichkeitsglaube war ebenso wie der Glaube an eine Gottheit ursprünglich im Menschen, d. h. wir finden sie in ihm vorhanden, soweit nur die Sage und die geschichtlichen Berichte hinaufreichen. Wie verschieden die Vorstellungen von beiden, von der Gottheit, wie von der Fortdauer der Seele sich auch ausgestalteten: sie waren doch vorhanden. Nach Anlage, Richtung und Culturstufe bildeten sich diese Vorstellungen verschieden in den Völkern aus. Aber neben der bunt- 44*

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