Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1877)
- Date
- 1877-10-23
- Page
- Seite 686 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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686 weiter als Judenthum sei. Allein die Wahrheit, wenn sie entstellt wird, rächt sich. Die Sorgfalt, mit welcher Rönan im vorliegenden Bande alle die Punkte aufsucht, wo das Christenthum vom Judenthume ausging, alle die geistigen, politischen und materiellen Wege, die das letztere dem ersteren vorbereitet und geebnet hatte, der Eryst, mit dem er dann die Fragen beantworten muß, was das Christenthum vom Judenthume beibehielt und was es hinzufügte und zu welchem Zwecke? mußten seine frühere Ansicht erschüttern, wenn nicht umwandeln. Noch einen Schritt weiter, und er wird sich sagen müssen, daß, sobald das specifisch Christliche wieder beseitigt wird, abgesehen vom alten Gesetze nur das Judenthum übrig bleibt. — Was aber noch hervorzuheben, ist die Würdigung des Talmuds, die bei ihm Platz gegriffen. In der Thal können wir uns Glück wünschen, daß sich schließlich die Männer der Wissenschaft doch von dem außergewöhnlichen Werthe und der großartigen Bedeutung dieses Schriftwerkes überzeugen lassen. Die vielen Arbeiten jüdischer Gelehrten auf diesem Felde, so lange man sie auch zu ignoriren suchte, dringen doch endlich durch. Aus diesem Gesichtspunkte sind selbst die gehässigen Angriffe, welche von modernen Judenhetzern gegen den Talmud geführt worden, nicht ohne Wirkung, La sie die Juden zwingen, über den Talmud aufklärend zu schreiben und die wahrheitsliebenden Christen, den Gegenstand näher zu untersuchen. Ich werde darüber in den nächsten Tagen noch Einiges zu sagen haben. Australien. Victoria, im August. Bei der für das Abgeordnetenhaus stattgefundenen Wahl wurde Herr Ephraim L. Zox (zu London gebürtig) zum Vertreter von Ost-Melbourne wiedergewählt, und zwar hatte er nur 3 Stimmen gegen sich, während alle andern Wähler für ihn stimmten. — Am 21. Juli wurde der neue Oberrabbiner, Herr Abraham Cahen, in Gegenwart des Generalgouverneurs für bürgerliche Angelegenheiten und seines Secretars, des Admirals, einiger Generäle und der protestantischen Geistlichkeit der Stadt in feierlicher Weise in fein Amt eingeführt. Bonn, 14. October. (Notizen). Durch viele Blatter ist ein skandalöser Bericht über einen an den hohen Festagen im Tempel zu Körmend (Ungarn) stattgefundenen Tumult gegangen. Wir enthielten uns der Mittheilung, bis die Thatsachen richtig gestellt seien. Wir halten uns aber deshalb nicht minder verpflichtet, die Berichtigung der Shnagogenverwaltung zu geben. Dieselbe schreibt: Da der jüdische Gottesdienst — wie bekannt — an den zwei Tagen des Neujahrfestes von 6 Uhr Morgens bis Mittag und am Versöhnungstage gar bis circa 7 Uhr Abends dauert; da demzufolge ein Andrang in der Synagoge an diesen Tagen nicht allein der Bequemlichkeit halber, sondern aus SanitätS- Rücksichten unstatthaft ist; da ferner der Komorner Cultusvorstand an dem heurigen Neujahrs- und Bersöhnungsfeste einen um so größeren Andrang befürchtete, als außer der Mannschaft der hiesigen Garnison auch die zur sechswöchentlichen Waffenübung einberufene Reserve recht viele Juden zu den ihrigen zählte: ließ der Cultusvorstand für jene israelitischen Stadtbewohner, für die keine Betsitze mehr waren und für die Militärmannschaften jüd. Confession einen großen Saal zum Beilocal einrichten und zeigte dies rechtzeitig dem Festungscommando zur Darnachrichtung der Mannschaft an. Nichtsdestoweniger wollte am Neujahrsfest ein großer Theil der Mannschaft in die Synagoge eindringen und ließ sich dabei einige andachtsiörende Ausschreitungen zu Schulden kommen, weshalb der Vorstand sich veranlaßt sah, sich nach dem Neujahrsfeste abermals an das Festungscommando mit der Bitte zu wenden, dasselbe wolle der Mannschaft, mit Berücksichtigung der geschilderten Umstände, die Weisung erlheilen, dem Gottesdienst nicht in der Synagoge, sondern im besagten Betlocale beizuwohnen. Zur größten Ueberraschung deS Vorstandes erschien am Vorabend des Versöhnungsfestes dessenungeachtet wieder ein großer Theil der Mannschaft vor der Synagoge und vergriff sich an den Polizeimännern, um freien Eintritt zu erringen. Der Lärm wurde auch innerhalb der Synagoge deutlich vernommen, mithin andachtstörend. Und um der Unruhe ein Ende zu machen, ward den Lärmenden nothgedrungen der Eintritt gestaltet. Das Getöse, die Unmanierlichkeir der Mannschaft, war für die Versammlung in der Synagoge momentan mehr andachtstörend, als der Wortwechsel in der Vorhalle, der Prediger auf der Kanzel mußte die Predigt unterbrechen und hatte es den Anschein, als wären die Soldaten wirklich mit Gewalt eingedrungen, um die Andacht zu stören, weshalb sie ein Gemeindemilglied aufforderte, die Synagoge zu verlassen. Die rohen Antworten der Soldaten und deren Drohungen veranlaßten eine unruhige Bewegung. Es ist nicht unmöglich, daß dabei auch unsanfte Berührungen vorgekommen sind; aber es waren die Ausschreitungen bei weitem nicht so arger Natur, daß ein Dazwischentreten der Wache erforderlich gewesen wäre, denn als diese erschien, war die Ruhe bereits wiedergekehrt und der Gottesdienst hatte begonnen. Die ganze Scene hatte kaum mehr als eine bis zwei Minuten Zeit in Anspruch genommen und ließ deren Verlauf gar keine Spuren zurück. Es ist unwahr, daß man den Soldaten die Bajonnete entreißen wollte, daß sich dadurch ein Faustkampf entspann; es ist unwahr, daß die Frauen jammernd von der Gallerie herabliefen, daß die Männer mit den Betmänteln auf der Gaffe herumliefen.