Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1877)
- Date
- 1877-10-23
- Page
- Seite 685 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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685 jedes Landes, dem sie angehören, als ihre Muttersprache sprechen und cultiviren müssen. Schließlich ist ja die Sprache mit dem nationalen Geiste identisch und wollen die Juden Bürger eines Staates, Glieder eines Volkes sein, so gehört deren Sprache integrirend zum Wesen. Allein für das neue Seminar wird, wenn die Unterrichtssprache an ihm die ungarische sein wird, ein besonderes Berhältniß eintreten. Es wird dadurch für auswärtige Schüler geradezu abgeschloffen und andererseits werden seine Schüler für das Ausland ziemlich unbrauchbar. Denn wenn auch das Deutsche auf demselben gelehrt würde, so kann dies sich ihm herausstellenden Resultaten selbst fortschreitet und zu ganz anderen Ansichten gelangt, als wie er früher gehabt. Wer diesen fünften Band durchlieft, wird sagen müssen, daß Renan von seinem gegenwärtigen Standpunkte aus seinen ersten Theil „Das Leben Jesu" gar nicht so hätte schreiben können. Seine jetzige Kritik der Evangelien, mit der er zu den Ansichten der Tübinger Schule gekommen, stimmt mit der in jener Schrift gar nicht überein, und aus seiner jetzigen Sonderung der ursprünglichen Theile hätte er ein solches „Leben Jesu" gar nicht construiren können. Renan ist ein Geist, der, sobald er eine doch bei dem sonst schon so großen Umfang der Lehrgegenstände gewisse Masse von Material gesammelt hat, sich sofort gedrungen nur mangelhaft geschehen, und die ungarische Zunge spricht das Deutsche so eigenthümlich aus, daß sie für eine deutsche Kanzel unbefähigt ist. Es gilt dies auch in Bezug auf die anderen Länder des österreichischen Kaiserstaates. Dies würde z. B. für Deutschland, wo so wenig jüdische Jünglinge sich dem theologischen Berufe widmen, einen Verlust bedeuten. Von der anderen Seite kann der Jünger der jüdisch-theologischen Wissenschaft der deutschen Sprache gar nicht entrathen. Denn wie die hebräische die Vermittlerin des großen älteren Schriftthums, so ist die deutsche die Vermittlerin des modernen jüdischen Schriftthums. Seit Mendelssohn geht alles Leben, alle Entwickelung und Bildung für das Judenthum von Deutschland aus, und hier liegt sein eigentlicher Pulsschlag. Deshalb enthält das Deutsche ein wesentliches Culturmoment für die gesammte Judenheit östlich von Deutschland. Hierauf wollten wir schon jetzt aufmerksam machen, damit bei aller Berechtigung, welche das Verwiegen der ungarischen Sprache auch an dem neuen Seminare hat, doch auf die Erhaltung der Kenntniß der deutschen Sprache an demselben nachhaltig gerücksichligt werde. Es ist dies eine Schwierigkeit, die überwunden werden muß. Der bloße nationale Fanatismus kann hier sehr große Schädigung bringen und der neuen Lehranstalt frühzeitg die Lebensadern unterbinden. Frankreich. Paris, 13. October. (Privatmitth.) Ohne einer etwaigen ausführlichen Besprechung in Ihrer Zeitung vorzugreifen, will ich hier nur berichtweise bemerken, daß soeben ein neuer Band von Ernst Rönan's „Geschichte des Urchristenthums", nämlich der fünfte, erschienen ist. Hat dieser Schriftsteller auch im Auslände viel von der Aufmerksamkeit verloren, welche seine früheren Schriften gefunden, so ist doch in Frankreich das allgemeine Interesse für die Erzeugnisse dieses hervorragenden Autors noch überaus rege, und seine Wirksamkeit daher nicht gering anzuschlagen. Dies giebt denn auch für uns diesem fünften Bande eine besondere Bedeutung. Was er nämlich in diesem Theile weitläufig ausführt, ist die Loslösung, man möchte sagen Ausschälung des Christenthums aus dem Judenthume. Hierbei drängt es sich dem Leser auf, daß Renan mit seiner Forschung und den fühlt, daraus ein Geschichtsbild zu construiren, das er mit seiner lebhaften Phantasie nicht blos ausschmückt, sondern an dem er die vorhandenen Lücken ausfüllt. Die Tendenz seines Geistes ist, zu generalisiren, und so aus irgend fpeciellen Daten allgemeine Zuge zu entwerfen. Dies macht seine Schriften so überaus anziehend, aber auch nicht sehr zuverlässig, sowie es ihn auch oft zur bloßen schönen Phrase verführt. Es gelingt ihm nicht, über einen Gegenstand das gesammte auffindbare Material zu sammeln und dann erst an die Bearbeitung zu gehen. Deshalb sind die verschiedenen Theile seines großen Werkes geradezu Etappen seiner Forschung, und ein öfterer Wandel der Ansichten unvermeidlich. Dieses Schicksal, aber in günstiger Weise, scheinen bei ihm nun auch wir Juden zu haben. Zu welchen falschen Urtheilen, zu welchem anmaßenden Absprechen über die Juden Renan sich hat Hinreißen lassen, wobei er eben noch die Mangelhaftigkeit seiner Kenntniß des jüdischen Schriftlhums bezeugte, haben Sie in dieser Zeitung hinlänglich nachgewiesen. Der neue Band steht hierin auf einem anderen Standpunkte. Die Erklärung ist nicht schwer. Rönan ist aus einer katholisch-christlichen Erziehung hervorgegangen. Er war erfüllt von der katholischen Tradition. Nur mit Mühe löste er sich im Laufe seiner Studien von derselben, und macht sich im Lause seiner kritischen Forschungen immer mehr davon frei. Was er davon aufrecht erhalten zu können vermeint, versucht er festzuhalten. Obfchon alle kirchlichen Dogmen verwerfend, hält er sich doch noch für einen Christen, trotzdem er nur noch ein eifriger Deist ist. wie er z. B. in seiner Spinozarede erwies. Es ist nun psychologisch erklärlich, daß diejenigen, welche sich von einem Theile ihres früheren Glaubensbekenntnisses losmachen, für den anderen Theil um so eifriger, man möchte sagen zelotischer werden, um sich eben nicht unter die völligen Opponenten werfen zu lassen und sich unter ihnen vor sich selbst zu befinden. Je mehr er sich noch für einen wirklichen Christen hielt, desto feindseliger wurde Renan gegen das Judemhum, zu dessen Grundlehre er doch eigendlich zurückgelangt war. Darum wollte er durchaus, daß das Judenthum neben dem Christenthume keine Bedeutung mehr, kein Leben, keinen Beruf habe; denn er ahnte, daß man umgekehrt dem Christenthume, sobald es seinen ganzen christlichen Inhalt aufgegeben, vorwerfen werde, daß es nunmehr doch nichts 43