Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1877)
- Date
- 1877-10-16
- Page
- Seite 671 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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671 Organisation des heute eröffneten Instituts ist, ergriff nun Gemeinveprediger Dr. Samuel Kohn in ungarischer Sprache das Wort: In der „Judeoordnung des Königs B6la IV." — so begann der Revner — vom Jahre 1251 (bestätigt im Jahre 1256) findet sich die Satzung: „So Jemand die Schulen der Juden in verwegener Weise beunruhigt, hat er an Len Äudenrichter anderthalb Marken als Strafe zu bezahlen." Unter diesen „Judenschulen" verstand man damals außer den Synagogen die Talmudschulen. Sechshundert Jahre später, im Jahre 1856, bestimmte unser hochherziger Monarch, von den Haynau'schen Strafgeldern sei ein jüdischer Lanvessond zu bilden, aus dessen Zinsen in erster Linie eine Landesrabbinenschule erhalten werde. Während dieser 600 Jahre hat sich in Ungarn Vieles, Alles verändert, nur nicht die — Judenschule, die „Jeschibah", diese liebgewonnene Einrichtung alter Zeiten, deren zeitgemäße Reform, die Errichmng eines Rabbinenseminars, selbst in der aufgeklärten, culturfreundlichen jüngsten Vergangenheit nicht erreicht werden konnte, obgleich schon vor 71 Jahren Palatin Josef es angestrebt, dann der Genius unseres unvergeßlichen Eötvös so Vieles und so oft dafür gekämpft hatte. Selbst nach dem Emancipationsgesetze, welches unter der völkerbeglückenden Aegide Franz Joses I. die confessionelle, sociale und geistige Befteiung des Judenthums schuf, giebt es noch manche Hindernisse der Vereinigung, der Vorurtheile, Ruinen, welche nur die allgemeine Volksbildung zerstören kann, die Beurtheilung der abweichenden religiösen Ueberzeugungen dem All-Einen überlaffenv, den jeder Glaube verherrlicht. Unser sehnlichstes Verlangen, mit der Nation in Sprache, Gefühl, Bestrebungen und Interessen zu verschmelzen, erfordert auch Mitwirkung von unserer Seite; ein wirksames Mittel hierzu ist diese Schule, welche den zwei Jahrtausende hindurch lose gewordenen heiligen Bund zwischen Judenthum und Wissenschaft neu befestigen soll. So groß wie der Fortschritt vom 13. zum 19. Jahrhundert ist, eben so groß ist der zwischen der „Äudenschule" des Königs Bola und dem Rabbinenseminar. Es soll geistiger Vermittler zwischen jüdischer und ungarischer Wissenschaft sein, für die erstere Raum in der ungarischen Literatur schaffen; ftei von engherzigem Zelotenthum und finsterem Fanatismus verbreite es reine Religiosität. Ungarische Sprache und ungarischer Geist werden sich vom Seminar in alle Gemeinden verbreiten; es wird Seelenhirten erziehen, die von Vorurtheilen und schädlicher Abgeschlossenheit befteit, auf ihre Glanbensgenossen in gleicher Richtung hinwirken werden. Wenn leider auch heute noch der innere Friede unter den Juden Ungarns nicht hergestellt ist, so wird diese Schule, gegen deren Errichtung zu agitiren die Parole für die Zeloten war, auch in dieser Richtung heilsam wirken. Jene Feinde dieses Hauses, deren Motive wir achten müssen, werden sich überzeugen, daß es keineswegs eine Schwächung, eine Zerstörung der religiösen Gefühle bewirken wird, und wie schon heute die wißbegierige Jugend unserer orthodoxen Brüder sich hier angemeldet hat, so wird dieses Haus ftüher oder später eine gemeinsame heilige Stätte für das gesammte ungarische Judenthum bilden. Indem dee Redner die Verbesserung einzelner Details der Organisation der Erfahrung vorbehält, ruft er den Segen Gottes auf den König, den eigentlichen erlauchten Gründer dieses Hauses herab, und alle auf dem Gebiet derselben bestehenden geistigen und culturellen Institutionen ohne Unterschied der Confession." Im Namen des Lehrkörpers, „dem diese Stunde zugleich den Beginn eines neuen, ernsten Lebensberufes bedeute", sprach (gleichfalls ungarisch) der orv. öff. Seminarprofeffor vr. Wilhelm Bacher: „Das ungarische Israel empfinde heute dankbarst, daß ein königliches Wort, ein königlicher Wille der Lehrstätte jüdischer Wissenschaft diesen Palast erheben ließ, der jüdischen Wissenschaft, seit sie in den mächtigen Kreis des europäischen Geisteslebens eingetreten, zum erstenmale so gleichsam die Gleichberechtigung verleihend. Dankerfüllt beuge sich unser Herz vor den hohen Rächen der Krone, deren Anwesenheit dieses Fest verherrliche, vor dem hochverdienten Mann, der mit weiser Einsicht und kräftigem Willen die gütigen Absichten Sr. Majestät zur Wirklichkeit förderte. Dankbarst sei auch in dieser weihevollen Stunde des verewigten Mannes gedacht, dessen mit dem dreifachen Lorbeer des Dichters, des Denkers und des Staatsmannes bekränzter Name für alle Zeiten auch mit der Entstehungsgeschichte dieser Anstalt verknüpft ist. Bon dieser neueröffneten Quelle jüdischer Wissenschaft kann nach den Worten der Bibel gesagt werden, wie von jenem Quell in der Wüste: „Fürstliche Hand hat sie an's Tageslicht gefördert, die Großen der Nation sie gegraben mit dem Scepter, mit den Stäben des Gesetzes". Von den Aufgaben der Zukunft und den Jüngern der Anstalt sprechend, erklärt Redner als „heiligen Vorsatz und ernstes Gelübde des Lehrkörpers", dahin zu wirken, daß die Jünger des Budapester Seminars, nebst wahrem religiösen Gefühl, für die sittlichen Güter der Menschheit begeistert, in treuer Liebe zum Vaterland, in diesem und für dieses in den Rechen seiner Geistesarbeiter wirken mögen. Sie werden im Besitze moderner Bildung zu den Gebildeten in ihrer Sprache reden, und die Zeit und deren Anschauungen verstehend, auch für das Wort religiöser Belehrung Verständniß finden. Wo noch Vorurtheil und Rohheit sich gegen die Gaben der Cultur sträuben, für Licht und Fortschritt kämpfend, werden sie, was in dem großen Schriftthum einer langen Reihe von Jahrhunderten niedergelegt, hüten und erforschen und mit wissenschaftlichem Geiste und pietätsvollem Sinne die Gegenwart mit der Vergangenheit in Zusammenhang erhalten und die Fortschritte der Zukunft vorbereiten. Sie werden ihrem Berufe die Thatkraft und die Aufrichtigkeit des gefestigten Charakters widmen, heilsamen Einfluß üben auf die Angelegenheiten der Gemeinde und wo immer das Gemeindewohl ihre Mitwirkung erfordert, sich mit Wort und Bei- 42*