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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-16 · Heft 42 (16.10.1877) · p. Seite 669

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 42 (16.10.1877)
Date
1877-10-16
Page
Seite 669 (sequence 9)
Language
German
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669 Gesellen und Handwerksburschen den Gaben des Bacchus mehr als gewöhnlich zusprechen, so bekamen alle Meister den Befehl, ihre Arbeiter an diesem Nachmittage nicht zu entlassen. Viele Juden verlangten gegen Bezahlung einige Soldaten in's Haus für diese Nacht, andere mietheten sich Wächter und versahen ihre Thüren mit allerhand Schlössern und Riegeln. Einer ging sogar so weit, daß er an jeder Thür seiner Wohnung eiserne Stäbe und Sicherheitsschlösser anbringen ließ, so daß wenn eine Redoute gesprengt wird, die andere noch Sicherheit gewährt. Da kam auch der so ängstlich erwartete Abend herbei. Alle gingen in ihre Synagogen, viele mit Revolvern oder Dolchen versehen, um nöthigenfalls Gegenwehr bieten zu können, aber kein einziger Jude wurde maffakrirt. Nun richteten die polnischen Blätter ihre spitzen Federn gegen die jüdische Bevölkerung unserer Stadt und lachten sie aus; manche aber, von einem edleren Triebe geleitet, drückten ihr Bedauern darüber aus, daß man den Polen im 19. Jahrhundert so etwas zuschreiben könne. Ich will mich darauf beschränken, Ihnen die diesbezügliche Meinung des „Kurjer Wurszawski" wiederzugeben. „Es wäre Zeit", meint er, „daß die hiesigen Juden wüßten, was sie von solchem Geschwätz zu halten haben. In der Stadt herrscht vollkommenste Ruhe: zwischen den beiden Theilen der Bevölkerung fand keine Demonstration statt. Man muß daher weder localen, noch von Außen kommenden Insinuationen Glauben schenken; denn sie entbehren jeder Begründung. Diejenigen aber, die denselben in irgend einer Weise Bedeutung beilegen, setzen sich dem Spott des gutmeinenden Publikums aus, was sie auch wirklich verdienen würden!" »Wie dem auch sei, ob die Befürchtung der Juden übertrieben oder gar gegenstandslos gewesen, der Umstand, daß die Behörden Vorsichtsmaßregeln ergriffen, giebt immerhin den Beweis, daß eine Möglichkeit vorhanden gewesen. Dann bleibt der Vorgang für unsre Zeit charakteristisch genug. Was wir seit zehn Jahren in Rumänien erlebt, was jüngst in Kiew und einigen russischen Plätzen geschehen, zeigt, daß die Furcht vor Pöbelexcessen und die Voraussetzung unzulänglichen Widerstandes seitens der Behörden, wenigstens für die ersten Stadien der Emeute doch nicht so grundlos sind, um Spott zu verdienen, und werden der Nachwelt andeuten, wie weit der Geist der Zeit und die staatlichen Einrichtungen eine unbedingte Sicherheit verbürgten!) Bonn, 7. Oct. (Notizen.) Die eigenthümliche Stimmung, die noch immer in den maßgebenden militärischen Kreisen einiger Staaten hinsichtlich des Avancements von Juden zu Officierstellen herrscht, sowie die Meinung, welche unsre Gegner so gern über die militärische Tüchtigkeit der Juden verbreiten, nöthigt uns auch jetzt noch, die Vorkommniffe zu berichten, welche das Aufsteigen jüdischer Militärs zu höheren Chargen bekunden. So wurde auch in diesen Tagen H. Armand-Cers Hertz, Capitain im französischen 31. Linienregiment, zum Bataillonschef im 129. Regiment ernannt. Wie wir bereits mitgetheilt, zählt die französische Armee gegenwärtig zwei Generäle, die jüdischer Religion sind. — In Kassel vermachte der jüngst verstorbene Moritz Kauffmann 69,000 Mark zur Vertheilung der Zinsen an Juden und Christen. — Vor einigen Tagen — schreibt das N. Wiener Tagblatt — starb in Wien ein Herr M., deffen Testament das allgemeinste Aussehen erregt. Herr M., der israelitischen Religion angehörig, hinterließ nämlich sein gesammtes Vermögen, bestehend in 90,000 fl., der jüdischen Cultusgemeinde mit der Bestimmung, daß diese Summe zu Humanitären Stiftungen verwendet werde. Diese Widmung ist vom Verstorbenen mit der speciellen Klausel ergänzt worden, daß keiner seiner Verwandten, und möge er sich in der größten Armuth und Bedrängniß befinden, je einen Kreuzer aus den Erträgniffen des Legates erhalte. Was für ein Sonderling muß wohl Herr M. gewesen sein, oder was mag er von seinen Verwandten im Leben erduldet haben! — Ueber einen Chor-Einsturz in der Synagoge schreibt man dem „Golos" aus Nowo-Alexandrowsk (Rußland): Die jüdischen Feiertage hatten neulich fast die ganze jüd. Bevölkerung des Fleckens Baronow (Gouvernement Lublin) in der Synagoge zum feierlichen Gottesdienste vereint. Nach herrschender Sitte befanden sich die jüdischen Frauen und Kinder während des Gottesdienstes auf einer besonderen Gallerie, welche gegen Ende deffelben plötzlich zusammenbrach, so daß sämmtliche auf ihr befindlichen Personen herabstürzten. Wenngleich bei diesem Unglück auch kein Menschenleben zu beklagen ist, und das nur in Folge der geringen Höhe des Gebäudes, so wurden doch gegen 40 Personen mehr oder minder schwer verletzt. — In Altofen verschied den 27. v. M. in einem Alter von 82 Jahren der Rabbinats-Affeffor Gabriel Groog nach einer 60jährigen Wirksamkeit. — Aus Soest, 1. October, schreibt man der „Elb.Ztg.": Vor Kurzem wurden aus der hiesigen Synagoge mittelst Einbruchs verschiedene Gegenstände, darunter ein Kronleuchter, gestohlen. Seltsamer Weise fand man aber die werthvollsten Sachen, Gefäße aus Edelmetall rc., unberührt, so daß angenommen werden mußte, den Spitzbuben (es sind ihrer zwei gewesen) habe in Folge irgend einer Störung die nöthige Zeit gemangelt, ihre Nachforschungen nach des Mitnehmens werthen Gegenständen gehörig auszudehnen. Das wollten sie nun vor einigen Abenden nachholen; der Versuch lief aber schlecht ab und führte die beiden Spitzbuben in die Hände der Behörde. Man bemerkte nämlich, nachdem in der Stadt schon fast Alles zur Ruhe gegangen war, noch Lichtschein in der Synagoge; es wurde nach dem Anlaß geforscht, dabei die Diebe entdeckt, mitten in ihrer besten „Arbeit" festgenommen und einer schnell citirten Militär-Patrouille übergeben. Es entpuppten sich da zwei Individuen, die schon nähere Bekannffchaft mit dem Zuchthause gemacht, aber immer wieder auf's Neue unsere Gegend durch Diebereien beunruhigt hatten. Der Synagogen-Vorstand spricht Denjenigen, welche die Ergreifung der Spitzbuben herbeiführten, 42

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