Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1877)
- Date
- 1877-10-16
- Page
- Seite 662 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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662 Wesen oder in der Kraft aufgefaßt wird. Mit dieser Gotteslehre trat das Judenthum von Beginn an in Gegensatz zu allen antiken Religionen, die, wie wir gesehen, aus dem Pantheismus entsprungen, schnell zum Polytheismus und der Götzenbildnerei gelangten. ' Zugleich war sein Ziel, diese Gotteslehre zum geistigen Eigenthum aller seiner Bekenner zu machen, es wachte deshalb darüber, daß sie nicht der Priesterschast in die Hände fiel, und stellte strenge Vorbeugungs- und sogar Strafgesetze gegen die Verletzung und Verfälschung dieser Lehre aus. Doch muß hinzugefügt werden, daß es ihm durchaus nicht allein auf das Dogma ankam, sondern dieser reine Monotheismus war ihm der Mittelpunkt, aus welchem die ganze Gesittung, das ganze wirkliche Leben in der Gesellschaft wie des Individuums als Consequenz gezogen ward; aus ihm er floß das Verhältniß des Menschen zu Gott in Erkenntniß, Liebe und Ehrfurcht, und das Verhältniß der Menschen zueinander in der Einheit des Menschengeschlechts, in der Gleichheit des Rechtes Aller vor dem Gesetze, in der individuellen Freiheit und in der allgemeinen Menschenliebe. Alles dies hatte seine einzige Wurzel in dem einigen, einzigen Gotte, als Schöpfer Aller. — Allerdings hatte diese Gotteslehre, wie sie von Moses auf Grund des überlieferten Gottesbegriffes aufgestellt ward, indem er ihm zugleich eine Definition des Seins einsenkle, wie dies der vorgeschrittenen Zeit nach erforderlich war, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, bevor sie das Bewußtsein des ganzen Volkes so einnahm, daß das Heidenthum niemals wieder eindringen konnte. Sowohl die allgemeine Richtung der menschlichen Anschauung und die Unreife der Bolksmasie, als auch das Beispiel und oft genug die Herrschaft der benachbarten Völker mußten diesen Kampf der Gotteslehre gegen das Heidenthum ungemein verlängern, sowie endlich die Herrschsucht der zeitweiligen Machthaber in Israel große Theile des Volkes selbst zum Abfall und damit zum Untergange brachte. Immerhin aber kam diese Gotteslehre schließlich zum vollendeten Sieze! Sehen wir nun das Gegenbild in dem erwähnten egyptischen Lobgesang auf den König Darius an. Wir gehen dabei selbstverständlich über den Schlußtheil hinweg, welcher einen gleichen Servilismus gegen den Darius athmet, wie wir ihn in dem Epos des Pentaur gegen Sesostris antrafen, und dem in den Büchern Israels nichts Aehnliches gefunden wird. Mißlich ist von vornherein, daß der Hymnus den Ra (Helios, die Sonne) feiert, diesen aber wiederum mit Amon lZeus) dem eigentlichen Göttervater, dem ursprünglichen Sein, idenlisicirt, so daß also der ursprüngliche Gott sofort als Sonne specialisirt ist. Der Gesang beginnt: 1. „Der da ist als Ra das Sein an sich selbst, besten Gebeine wie Silber, dessen Haut wie Gold, dessen Haupthaar wie Saphir, dessen Hörner wie eitel Smaragd, — das ist der gütige Gott, der sich selber erschuf in seiner Gestalt und sich erzeugte, 2. ohne herauszutreten aus dem Mutterleibe." Dieser Gesang schon ist bezeichnend, die Sonne als Gottheit wird als „das Sein an sich selbst" aufgestellt, und sofort in schönen Bildern in ihrer Gestalt, also völlig körperlich beschrieben; dann wird er als Selbsterzeuger bezeichnet, der keines Mutterleibes bedurfte, um zu entstehen. Wir haben hier also den ganzen Pantheismus, das sich selbst erzeugende Sein, die eausa sui (Spinoza), der jedoch sofort in die Vorstellung einer einzelnen, die Erdenwelt beherrschenden Erscheinung, der Sonne, aufgeht und sich die körperliche Gestalt vorstellt. Der Polytheismus ist dann auch gleich zur Hand, denn der Gesang fahrt fort:j „Wann er erleuchtet die Welt, so preisen die Scharren der Götter sein Antlitz. Sie erheben ihn himmelhoch, sie beten zum Amon, dem Schöpfer seiner Kinder." Die Sonne wird also mit Amon, dem Vater der Götter, identificirt. Allein auch hierbei bleibt es nicht, denn Ra erhält zum ymbol und Träger den Widder, und Amon den Stier, wie es gleich darauf heißt: „Sie überschütten den Stier mit Lobgesangen — und weiter der sich offenbaret in Allem, was da ist und benannte (jedes Ding) vom Berge zum Strom. Das Bleibende in Allem ist Amon. 5. Dieser herrliche Gott war von Anbeginn an. Nach seinem Ermessen ward die Welt. Er ist Ptah, der größte der Götter." Also eine dritte Jventificirung mit Ptah (Hephaistos) dem Werkmeister der Dinge, der dann auch „als König in Sperbergestalt auf hohem Sockel sich zeigt, und die Lüste treiben sein Schiff gen Westen." Hier ist es, wo „die acht uranfänglichen Götter" (nämlich die vier Elemente, für jedes Element eine männliche und eine weibliche Gottheit), das Loblied auf ihn sprechen. Zn diesem Lobliede ist es wieder Ra (die Sonne), welche den Amon vorstellt. Es heißt: „Es sitzt in der Scheibe des Sonnenbildes