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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-09 · Heft 41 (9.10.1877) · p. Seite 657

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 41 (9.10.1877)
Date
1877-10-09
Page
Seite 657 (sequence 13)
Language
German
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657 in diesem großen, blos für 900 Personen eingerichteten Tempel, dem zwanzigsten jüdischen Bethause in Paris. Wenn ich Ihnen nun noch sage, daß der ganze Ban aus jenem gelblich weißen, feinen Jura-Kalksteine errichtet ist, der zu allen öffentlichen Bauten der Stadt Paris verwendet wird und der bekanntlich überall ohne Stuck, glatt polirt, in feiner matten Cremefarbe belaffen wird, so werden Sie das liebliche, heiter-ruhige Bild begreifen, welches das Innere dieses Tempels bietet und sich den überaus wohlthuenden Eindruck vergegenwärtigen, den es auf das zur Andacht gestimmte Gemüth ausübt. Die Letztaugekommeneu hatten sich noch kaum an dem intereffanten Tableau satt gesehen, als die Einweihungsceremonie begann. Unter Orgelklang treten die Cantoren, der Chor, der Gemeindeausschuß und die Damen ein, die die Gaben für die Armen der Gemeinde in Empfang nehmen. Es sind dies die Damen: Rachel Bloche, L6ouce Astruc, Rodrigues Pimentel, Alice Lun4e, Zenaide Monteaux, Raynal, Leon, Cr4mieux und Margusrite Paz. Von jüdischen Notabilitaten bemerken wir in den ersten Reihen: Baron Alphouse Rothschild, Präsident des Centralconfifioriums Frankreichs; Baron Gustav Rothschild, Präsident des Pariser Consistoriums; Seuateur Crsmieux, Präsident der Alliance isra61ite universelle; H. Lambert, gewesener Sous- Pröfet; die Herren Allegri, Bloche, Abraham Cohen, Abraham Leon, Osiris-Jffla, Astruc, Silva, Pontremoli und Beaucaire. Der Ausschuß begiebt sich in einen Nebensaal, um die Spitzen des jüdischen Rabbinerstandes zum Eintritt einzuladen. Es treten ein die Grand-RabbinS: Isidor, Zadoc Kahn, Lazare, Meyer, Wehl, Onri Lehmann und Astruc. Sie recitiren den 19. Vers des 118. Psalmes: ,L)effuet mir die Thore der Gerechtigkeit, damit ich eintrete und den Herrn lobe!" Der celebrirende Rabbiner, Herr Dacosta, antwortet ihnen: „Hier ist das Haus des Herrn, durch dessen Thore die Gerechten eingehen." Den Graud-Rabbius folgen die sechzehn Träger der GesetzeSrollen, welch letztere über und über mit kunstvoll gearbeitetem Goldnnd Edelsteinschmnck behängt und reich mit Blumen geschmückt sind. Während des Einzuges der „Söpharim" werden zwei sehr schöne, von Herrn Felix Lsvy für diese Gelegenheit componirte Cantaten („Helim" und „Abat Sion") executirt und Herr Abraham Lson zündet das „Neer-Tamid", das ewige Licht an. Hierauf besteigt Grand-Rabbin Isidore die Kanzel und halt eine Rede, die auf die Hörer tiefen Eindruck macht. Der Grand- Rabbin wählte zur Proposition: Die Pietät der Israeliten wächst mit ihrem Wohlergehen in gleichem Maße. Er erinnert an die Zeit, wo die Pariser Juden portugiesischen Riws in bescheidenen Hinterstübchen der Kaufläden ihr Herz vor dem Allmächtigen ausschütteten; wie sie dann später den kleinen Tempel in der Rue Lamartine erbauten, und dankt schließlich den Begründern des heute eingeweihten monumentalen Baues für die Freigebigkeit, mit welcher sie dem großen Einfluffe, den die portugiesischen Juden in der Pariser Israeliten-Gemeinde haben, in diesem Prachtgebäude ein ewiges Zeugniß errichteten. „Denn die Gemeinde Israels — so ruft der begeisterte Redner aus — ist Eins und «ntheilbar. Und wenn auch die Liturgie der Einen von der der Anderen unterschieden ist: der Glaube ist derselbe. 11 y a distinction, mais non Separation!“ Während Rabbi Isidore spricht und aus der modernen Geschichte der Juden die Beweise seines Themas nimmt, führt mich die Erinnerung zurück in die altere Chronik der spanischportugiesischen Juden, in jene dunklere Vorzeit, wo der weise Rabbi Nathan in Rom den Talmud exercirte. Eben Esra dem ganzen Abendlande Medicin, Astronomie und Mathematik lehrte, Jehuda ben HalSvy seine unsterblichen Lieder dichtete und MaimonideS mit feinem erstaunlichen Wissen den Hof des egyptischen Sultans Aphadel beherrschte. Ich sehe im Geiste, wie sich der Himmel Israels verdunkelt. Schwarze Rauchsäulen steigen empor von den Scheiterhaufen, auf denen man die unglücklichen Juden zur hohem Ehre irgend eines Gottes braten läßt. Welchen Gottes? Je nun! des syrischen, des persischen, des spanischen, des deutschen: ein jeder Gott ist gut dazu, daß mau ihm einen Juden brate! Ich fühle die Hand Philipp Augufi's in der Tasche meiner Ahnen; ich höre das vierte Lateranische Concil das bekannte gelbe Flecklein decretiren; von Toledo bis Pork, von Mainz bis Wiener-Neustadt schreit das von Mörderhand vergossene Blut Jakob's zum Himmel empor. Da erheben sich schließlich die Gestalten Mirabeau's und Rabaud de Saint- Elierme's über den Jahrhunderte langen Jammer; die Gironde predigt das Heil und die Befteiung Israels; und ich erstaune heute, wie die mich umgebenden Nachkommen jener spanischen Juden, die so gut zu sterben verstanden, so gut zu leben erlernt haben. Und als hierauf Rabbi Ouri Lehmann laut sein inbrünstiges Gebet für das Wohlergehen Frankreichs sagt, bete ich still für das Glück des schönen und großherzigen Ungarlandes, des einzigen Landes im gebilveten Europa, wo man keine Juden von Staatswegen erdrosselte, und wo, wenn auch im weiten Lande hier und da eine Dorf-Judenhetze vorgekommen, der edle, herrschende magyarische Stamm nie dabei seine Hand hatte. Nie haben magyarische Gesetze den Juden die Haare, den Talar und das Leben abgeschnitten. Es wohnt ein duldsamer Gott im Himmel, und er öffnet seine segensreiche Hand Denen, die feinen Geist erkannt haben! . . . Es weckte mich aus meinen Träumereien der wunderbare Bariton des Sängers Diaz de Lorya, der den „Baruch-haba" absang, einen wirkungsvollen Cantik, der im Jahre 1812 zur! Einweihung des Bordeaux« Tempels componirt worden war.

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