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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-09 · Heft 41 (9.10.1877) · p. Seite 656

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 41 (9.10.1877)
Date
1877-10-09
Page
Seite 656 (sequence 12)
Language
German
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einfachen, von zwei Pyramiden eingeschloffenen Fonton sind die Gesetzestafeln aufgerichtet, unter denen eine, in ihren zwölf Theilen die Stämme Israels versinnbildlichende, breite, bunte Glas- Rosace prangt. Zwei große von imposanten Pfeilern und Säulen getragene Böge» gestatten Zugang zu einer geräumigen Vorhalle, die von der Gaffe durch reich gezierte Schmiedeeisengitter abzusperren ist und im Hintergründe die prächtigen farbigen Glasthüren des Tempels selbst sehen läßt. Diese Thüren sperren die ganze Breite des nach Osten sich hiuziehenden Langhauses, das von einem ganz schmucklosen, aber sehr kühn gebauten Tonnengewölbe gedeckt und von den beiden niederen Seitenschiffen durch je fünf kräftig proportionirte Säulen getrennt ist. Das Gewölbe ist in der Schlußsteinlage von vier runden Fenstern durchbrochen, durch deren buntes Glas das Helle Tageslicht angenehm gemildert in das Mittelschiff fallt. Die Säulen tragen auf ihren mit Linear- und Pflanzenschmuck en reüef gezierten Würfelcapitälen sechs flache Bögen, über denen die Seitengalerien mit den für Frauen reservirten Plätzen dem Mittelschiffe entlang gehen. Zierliche, in stylgemäß geformte Kelchcapitälen auslaufende Säulchen gliedern diese Galerie harmonisch ab. Den Haupteffect hat sich der Architect Herr Stanislaus Ferrand für die Ostseite des Gebäudes Vorbehalten. In einer flachen Apsis ist da ein die ganze Breite und Länge des Grundes einnehmender imposanter Rahmen aus farbigem Marmor eiugelaffen. Ueber diesem Rahmen stehen die Gesetzestafeln Mosis, von denen nach allen Richtungen breite Strahlenbündel weit auseinanderschießen. Jedes dieser Strahlenbündel ist eigentlich ein Fenster; die Strahlen sind nämlich in die abschließende Mauer hineingebrochen, und die Oeffnungen, die hierdurch entstanden, sind mit mehrtönigem gelbem Glase ausgefüllt, so daß es ganz den Anschein hat, als liefen von den riesigen Gesetzestafeln wirkliche glühende Lichlsträhne aus. Der Effect ist ein umso vollkommenerer, als das Auge ihn nicht lange ertragen kann, man also, so oft man hinsieht, immer nur den Eindruck einer flammensprühenden Erscheinung hat, ohne dieselbe sofort genau analysiren zu können. Das vom Marmorrahmen .umschlossene, hochaufsteigende Parallelogramm ist von einem goldgestickten und mit Fransen reich besetzten mächtigen Vorhänge aus rorhem Sammet bedeckt. Wenn dieser Vorhang wahrend der Ceremonien auseinander geschlagen wird, so bietet sich den Andächtigen ein neues, außerordentlich wirksames Bild dar. Aus der Sohle der eingerahmten Oeffnung steht die breite, niedere Bundeslade, ein kunstvoll in Akajon geschnitzter Schrein, der die Gefetzesrollen enthalt. Den nach unten immer breiter werdenden Raum aber zwischen den beiden Flögeln des Vorhanges füllt ein sonderbarer aus lichten flaumigen Wolken, blauem Aether und aus schwachen goldenen Strahlen gewobener Dämmer aus. Das ist das Bild der „Schechinah", die sich von den hoch oben errichteten in feurigem Scheine erglühenden Gesetzestafeln langsam schwebend, unfaßbar, in sich selbst ausgehend, immer neu erstrahlend und immer wieder in Dämmer zerfließend auf das Tabernakel herniederläßt. Auf den ersten Anblick ist dieses Bild von überwältigender Wirkung. Als ich die Augen zu demselben erhob, fühlte ich wie einen heftigen Ruck im Herzen; ich blieb bewegungslos, gefesselt, in meinen stille stehenden Sinnen regte sich etwas, wie eine Ahnung des Ueberirdischen und heiliger Schauer durchzitterte mein ganzes Wesen. Das ist prächtig und kann einen Menschen zur Andacht ren. Später erinnerte ich mich auch der nicht genug zu beherzigenden Worte, mit welchen der Vergil in seinem Uder seeuollus Georgicorum eben meinen geliebten Lucretius becomplimentirt: „Felix qui potuil rerutn cognoscere causas.“ Ich konnte mir dieses Glück auch in diesem Falle nicht vorenthalten; ich ging hinter den Tempel, und da sah ich nun, daß der ganze von jenem großen Marmorrahmen eingeschloffene Raum eigentlich wieder nur ein Riesenfenster war. Bor diesem Fenster hing ein feiner Seidenvorhang, auf den eine poetische Künstlerhand mit zarten Farben, Lust, Wolken und Strahlen gemalt. Das helle Sonnenlicht, das durch die transparente Seide drang, belebte diese Malerei zu dem geschilderten Effecte.2) Dem Tabernakel gegenüber, also auf der Wölbung der nach der Straße mündenden Vorhalle placirt, sind die Orgel und der Chorus. Zwei Bögen schließen denselben nach oben ab, deren einer in den andern geschrieben. Auf jedem dieser beiden Bögen prangt eine ftanzösische Inschrift. Die eine enthält den Fundamentalsatz jüdischen Glaubens: „ficoute, Israel, l’Eternel, notre Dieu, 1’Eternel est uq!“ der andere trägt das Cardinalgebot jüdischer Moral: „Tu aimeras ton prochain comme toi meine!“ Außer diesen beiden giebt es weiter keine Aufschriften im Tempel; bloß auf den in Schilderform geschnitzten Schlußsteinen der Seitenbögen stehen die Namen der jüdischen Erzväter und Propheten von Abraham bis auf Esra eingravirt. In der Mitte deS Langhauses ist die „Theba", ein von geschnitztem Marmor und fein gearbeiteten Erzwerkeu eingefchlossener Raum, wo der Vorbeter und der Verleser des Gesetzes, sowie der in Hellblau und Weiß gekleidete Knabenchor seinen Platz hat. Bor der Theba steht auf fteiem viereckigem Marmorsockel der mächtige siebenarmige Leuchter aus kostbarem Bronceguffe. Vor und hinter der Theba ist der Raum ftei; zu ihren beiden Seiten ziehen sich die langen Reihen von bequemen Sitzen hin, so daß die rechts und links placirten Andächtigen mit dem Antltz der Theba zugekehrt sind. Man ist sehr reich an Raum 2) Wir können uns bei Lesung dieser Schilderung doch der Wahrnehmung nicht enthalten, daß hier allzuviel Decoration angebracht ist. Wir wurden nicht wünschen, daß diese Tendenz in den jüdischen Gotteshäusern die Herrschaft gewönne. Redact. d. A. Ztg. d. Judenthums.

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