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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-09 · Heft 41 (9.10.1877) · p. Seite 653

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 41 (9.10.1877)
Date
1877-10-09
Page
Seite 653 (sequence 9)
Language
German
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653 Pest, 26. September. Der ungarisch-israelitische Landes-Lehrerverein hielt heute in der Schule in der Pfeifergaffe seine Jahresversammlung ab. Den Vorsitz führte Director Eleazar Seligman. Aus dem Berichte des Secretärs geht hervor, daß der Vereinsausschuß beim Reichstage Schritte gethan, damit die Rechtsverhältniffe der jüdischen Lehrer geregelt werden; daß die Einnahmeverhaltniffe des Vereins 2000 fl. bettagen und das Vermögen den Bettag von 10,000 fl. überschreite. Sodann wurden mehrere Unterrichtsfragen erörtert, von welchen namentlich die Frage: ob die Bibel ganz oder auszugsweise vorzuttagen sei, eine längere animirte Discussion erregten. Seminarlehrer Ignaz Führer beantragte die Entsendung eines dreigliedrigen ComitLs behufs Verfaffung einer biblischen Geschichte in ungarischer Sprache, welche als obligatorisches Schulbuch zu gelten hatte, vr. Israel Back stimmt dem Anträge zu, hält es aber unbedingt nothwendig, daß der Bibelunterricht auch im Originaltext erfolge. Abraham Lederer empfiehlt das kritische Studium der Bibel. Er beantragt, es sei eine Commission mit der Ausarbeitung einer Glaubens- und Sittenlehre auf biblischer Grundlage zu betrauen. Gabr. Weiß empfiehlt das Werk des Heveser Schuldirektors Markus Händler „Mejovinu bamikro“, eine deutsch und ungarisch geschriebene Glaubenslehre, welche auch von der israelitischen Landeskanzlei dem Unterrichtsministerium zur Einführung empfohlen worden sei. Die Anttäge Führer's, Lederer's und Weiß' wurden accepttrt. In der Nachmittags fortsetzungsweise abgehaltenen Sitzung wurde über die Frage der Stabilifirung der Lehrer verhandelt. Referent Braun proponirte, es möge ein Reichstags-Abgeordneter ersucht werden, den Minister in dieser Angelegenheit zu interpelliren. Schulinspector Gregor Boja beauttagte, die Versammlung solle sich mißbilligend über die Herzlosigkeit der Gemeinden äußern, welche um der Pensionirungsverpflichtung zu entgehen, ihre Lehrer vor Einttitt der Pensionsberechtigung entlassen. Beide Anttäge wurden nach längerer Debatte acceptirt und ward eine lOgliedrige Commission entsendet, um einen Reichstags-Abgeordneten zu ersuchen, welcher den Minister über die Frage der Stabilifirung der Lehrer interpelliren würde. Schließlich wurde noch auf Anregung der Lehrer Stern und Lederer vereinbart, an den Unterrichtsminister das Ersuchen zu richten, daß die Volksschullehrer im gewerblichen Unterricht unterwiesen werden mögen, damit auch von dieser Seite die vaterländische Industrie gefördert werben könne. Belgien. Brüssel, 25. Sept. (Privatmitth.) Die Begräbnißfrage steht noch auf demselben Flecke. Das Ministerium möchte sie gern im Sinne der Juden lösen, aber es fragt sich, ob es dies durchsetzen könne. Einstweilen sucht man die Frage praktisch zu Ende zu bringen durch Ankauf eines Platzes in einer der umliegenden Gemeinden, da mau natürlich den Berttag mit der Gemeinde Nevelles nur als ein Provisorium abgeschloffen hat. Türkei. Wien, 16. September. Die „Presse" meldet aus Bukarest die Ankunft von 35O türkischen Juden, welche nach schweren Mißhandlungen von den Bulgaren aus Kazanlik verttieben wurden und die, nachdem bereits 12 reiche Juden ermordet und mehrere Frauen und Mädchen geschändet worden waren, nur durch den Schutz der Kosaken weiteren Mißhandlungen und der Niedermetzelung entgingen. Von Schipka bis Tirnowa hatten die russischen Generäle denselben eine Escorte mitgegeben: Die bulgarischen Wagenführer beraubten dieselben dann nochmals und liefen davon. Die in Bukarest Angekommenen befinden sich im österreichischen Generalconsulat und haben die vorerwähnten that- Ächlichen Umstande amtlich festgestellt. Perlt, 3. September. Die Juden im Reich, die hier so manche Privilegien genießen, haben Deputirte zu einer Versammlung geschickt, welche am 3. in Konstantinopel unter Vorsitz des Oberrabbiners abgehalten wurde und in der man einmüthig beschloß, aus den Synagogen des Landes kostbare Tempelgefäße zu verkaufen und den Erlös für die verwundeten Türken zu bestimmen. Herr Veneziani, der Abgesandte des Baron Hirsch, ist gestern angekommen und wird seine Dienste dem jüdischen Hülsscomits zur Verfügung stellen. Paris, 22. September. Das Septemberheft der Alliance israelite univ. enthält eine Menge Schreiben aus der Türkei über die Scheußlichkeiten, welche die Bulgaren an den Juden von Cagra und Kefanlyk verübt haben. Theils sind Details genugsam in dieser Zeitung gegeben worden, theils sträubt sich jedes menschliche Gefühl, die Unthaten dieser Bestien bis in's Genaueste zu schildern. Wir verweisen deshalb auf das angeführte Heft. Von Zweifeln oder Uebertteibuugen kann hier um so weniger die Rede sein, als die Opfer namentlich aufgeführt werden. In Kefanlyk wurden getödtet 34 Personen, verschwunden sind 8, umherirren 17, verwundet 13, geflüchtet sind nach Adrianopel 112, nach Schipka mit Gewalt geführt 364. Die Zahl der Opfer der Eroberung von Cagra beläuft sich auf 1633. Ein Einblick in die Opfer des Krieges, welche die Juden betteffen, liefert eine Uebersicht, nach der in Varna aus 6 Orten 242, in Sofia 416, in Philippopel 399, in Schumla 751 Personen als ihrer Heimath und allen ihres Besitzes beraubte Flüchtlinge jüdischer Religion anlangten. In Schumla sind zwei jüdische Aerzte, die Herren Phaler und AbeleS, unermüdlich beschäftigt, den jüdischen Flüchtlinge«, die besonders am Fieber leiden, ärztliche Pflege unentgeltlich angedeihen zu lassen. Die Behörde bewilligt die Medicamente, an denen jedoch großer Mangel ist. Paris, im September. Wir haben den Aufruf der Alliance isr. univ. zu Gunsten der von Bulgaren und Kosaken so Übel behandelten türkischen Juden auch in dieser Zeitung veröffentlicht. Bis zum 18. September waren bei der Alliance noch nicht ganz 40,000 Frcs. zu diesem Zwecke eingelaufen. (Soeben 41

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