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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-09 · Heft 41 (9.10.1877) · p. Seite 648

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 41 (9.10.1877)
Date
1877-10-09
Page
Seite 648 (sequence 4)
Language
German
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648 Stich, folglich bewegt er sich nicht, wenn man ihn sticht; und doch sagt der Kranke, daß er an diesem Theile Schmerzen empfindet. Woher weiß man, daß er Schmerzen empfindet? Er sagt es selbst. Bei einem Thiere kann man die Existenz dieser schmerzhaften Anästhesie nicht constatiren, weil es sich selbst nicht bewegt, wenn man es sticht, und man wird sich sehr oft irren. Wenn man einen gesunden Menschen an irgend einem Theile sticht, zieht er sofort in Folge des Schmerzes, den er empfindet, diesen Theil zurück. Indessen, vom Eindruck des Stiches bis zur zurückziehenden Bewegung des angegriffenen Theiles, ist folgende lange Reihe aufeinanderfolgender Bewegungen nöthig: 1. Der Eindruck, der durch das stechende Instrument auf den peripherischen Nerv ausgeübt wird. 2. Die Uebertragung dieses Eindruckes auf die nervösen Centren. 3. Die Aufnahme oder Bildung des centralen Eindruckes. 4. Die Abschätzung und Unterscheidung, worin die Auffassung oder das Bewußtsein besteht. 5. Die Jmpulsion oder Willensthätigkeit oder der Wille. 6. Die Uebertragung des Willens aus den Bewegungsapparat. 7. Schließlich die Bewegung. Bei Abwesenheit des Bewußtseins wird der Wille durch den unwillkürlichen Impuls ersetzt. Nun, diese verschiedenen Operationen vollziehen sich durch nervöse Zellen oder Fibern verschiedener Ordnung. Man sieht also ein, daß bei einer Erkrankung der Nerven oder des nervösen Centralsystems, die nervösen Fibern verschiedener Ordnung nicht gleich stark betroffen werden, die einen functioniren, die anderen functioniren nicht mehr; es kann also geschehen, daß die Reihe der Operationen, von denen ich soeben gesprochen, sich nicht vollständig vollzieht, daß sie bei dem Bewußtsein des Schmerzes stehen bleibt und nicht bis zur Hervorbringung der Bewegung gelangt. In diesem Falle kann man den Menschen oder das Thier stechen und ihm Schmerzen verursachen, ohne daß sich diese Schmerzen durch irgend eine Bewegung bezeugen. Au demselben Grunde kann das Thier leiden ohne zu schreien, denn der Schrei kann nur durch die Bewegungen der Stimmmuskeln hervorgebracht werden. Uebrigens ist die Frage, in einem gegebenen Falle zu wissen, ob Schmerzen da sind oder nicht, eine der schwierigsten. Ich erinnere mich, daß als ich meine ärztlichen Functionen im St. Eugenien- Hospital — einem Kinderkrankenhause — ausübte, einer meiner Collegen, ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, von der Braune angesteckt wurde, an der er nach einigen Tagen der Krankheit starb. Er sagte uns wiederholt vor seinem Tode, daß kein Autor die Bräune richtig beschrieben, kein Schriftsteller eine Ahnung von den Schmerzen dieser Krankheit habe, welche er leider nun besser kenne als seine Lehrer. Die Natur hat es so gewollt, daß wir weinend geboren werden — die Dichter wenigstens sagen, daß der Schrei des Kindes ein Schmerzensschrei sei — und daß wir weinend und leidend sterben. Die Aerzte, welche sich seit tausenden von Jahren damit beschäftigen, die Leiden zu lindern, haben dies unbeugsame Gesetz der Natur nicht viel zu verändern vermocht. Aber da kommen moderne Philantropen und sagen: wir können nichts sür die rechtschaffenen Menschen thun, welche alle dazu verurtheilt sind, beim Sterben zu leiden, so wollen wir wenigstens die Mörder retten; diese sollen ohne Leiden sterben, und man erfand die Guillotine. Hat man dadurch etwas erlangt? Es war lange sehr zweifelhaft, bis zu dem Augenblick, wo der Zweifel noch stärker geworden; seitdem hat ein Arzt constatirt, so sagt man, daß der abgeschnittene Kopf noch das Bewußtsein bewahrt und folglich auch den furchtbaren Schmerz, die Schande-, die Verzweiflung und den Zorn und das Gefühl des Unvermögens. Es läßt sich voraussetzen, daß eine andere Todesart, die nicht so schnell ist wie jene durch die Guillotine, wo das Gehirn mehr die Wandlung der zerstörenden Elemente erleidet, schneller daS Bewußtsein verlieren macht und daher die Dauer des Schmerzes verringert. Uebrigens kan» man auf diesem Gebiete nur Hypocheseu aufstellen, es giebt keine Gewißheit, wo es sich um Nerven oder das Gehirn handelt. Kommen wir jetzt znr Methode, welche der Thierschutzvereiu vorgeschlagen hat, und die darin besteht, das Thier todt zu schlagen und es durch den Gehirnschlag zu todteu. Nun, wir müssen da Folgendes in Betracht ziehen: Es giebt im Gehirn drei unterschiedliche Theile, von denen der eine besonders für das Gefühl, das andere speciell für die Bewegungen bestimmt ist und der dritte endlich die Intelligenz beherrscht, ohne an den Functionen des Gefühls oder der Bewegung Theil zu nehmen. Die Partien, welche die Intelligenz leiten, heißen die duldenden Regionen, weil sie den Druck und die Irritation aller Geschwülste ertragen, welche sich im Gehirn befinden können, ohne das geringste Leiden zu verursachen. Wenn die nervösen Theile durch ein zerstörendes Instrument mir der größtmöglichen Kraft getroffen werden, find diese Theile zerstört und ihre Functionen vollständig aufgehoben; wenn es ein Gefühlsnerv ist, ist das Gefühl aufgehoben und es giebt kein Leiden mehr; wenn es ein Theil ist, der die Intelligenz leitet, tritt vollständiger Verlust des Bewußtseins ein u. s. w. Wenn die Kraft des zerstörenden Instrumentes nicht stark genug ist, um beim ersten Schlag eine vollständige Zerstörung herbeizuführen, sind die Theile irritirt und bringen zunächst Symptome der Erregung hervor, wie Delirium, Zuckungen, heftige Schmerzen, je nach der Natur des angegriffenen Theiles. Beim Gehirnschlag findet man sehr oft gar keine Veränderung im Gehirn, wenn man nach dem Tode eine Untersuchung

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