Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1877)
- Date
- 1877-10-02
- Page
- Seite 636 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227164--35696-3305683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
636 und kamen erst um 12 oder 1 Uhr Mittags in ihre Quartiere. Am zweiten Tage, der Sonntag und zugleich Ruhetag war, konnten sie dem Gottesdienste beiwohnen, mußten aber Nachmittags den Apell mitmachen. Was also 1870 vor Metz und anderen Orten im Kriege gestattet wurde, ist bei einem Manöver „unthunlich"! Oesterreich-Ungarn. Wien, 17. September. Die „N. fr. Pr." schreibt: „In der Predigt, welche heute Herr Di*. Jelinek anläßlich des Bersöhnungstages im Tempel in der Seitenstettengasie hielt, entwarf der Redner ein Bild der entsetzlichen Grausamkeiten, die in jüngster Zeit von den Bulgaren gegen Muselmanen und Juden begangen wurden. Der Prediger verwies nicht blos auf die öffentlichen Nachrichten, die über die Mißhandlung und Niedermetzelung der Juden eingelaufen sind, sondern gab auch nach privaten Mittheilungen, die bei der hiesigen Allianz eingegangen, Detailschilberungen, welche die Beterversammlung nicht wenig aufregten. Unter Anderm erzählte der Prediger, daß bei einem Juden-Maffacre auch der Rabbiner einer Gemeinde, nachdem ihn die Unmenschen gebunden, den Hunden zur Beute überlaffen worden sei, die ihn dann zerfleischten, vr. Jelinek beklagte, daß die Beiträge für die vertriebenen jüdischen Familien, deren sich die Allianz anvehmen wolle, sehr spärlich fließen, und betonte, daß hier reichen Glaubeusgenoffen erwünschte Gelegenheit geboten sei, ihren gerühmten Wohlthätigkeitssiun zu bethätigeu." —. Nach der oben bezeichneten Predigt fanden sich gleich am nächsten Tage mehrere achtbare Gemeindemitglieder veranlaßt, eine Sammlung für jene Opfer der bulgarischen Grausamkeiten zu veranstalte». Das Resultat dieser Sammlung, die übrigens noch nicht geschloffen ist, verspricht sehr befriedigend ausznfallen. Baron Albert v. Rothschilv betheiligte sich an der Collecte mit 1500 fl., Baron Königswarter mit 1000 fl., Baron Springer mit 500 fl., Ritter v. Ephrussi mit 300 fl., außerdem hatte die Allianz sofort einen entsprechenden Geldbetrag nach Bulgarien expedirt. Pest, im September. Die Stellung der jüdischen Lehrer ist in manchen ungarischen Gemeinden bekanntlich eine sehr precäre. Wie nun „Hon" erfährt, ist in dieser Beziehung eine Beffernng zu erwarten. Der Unterrichtsminister hat nämlich gelegentlich der Entlassung eines Lehrers, der acht Jahre in einer orthodoxen Gemeinde thätig war, an den Preßburger Schulinspector einen Erlaß gerichtet, in welchem er erklärt, daß er Lehrer, die mehrere Jahre hindurch ohne Vertrag in einer Gemeinde thätig sind, als definittv avgestellt bettachtet. (Man kann dem Herrn Unterrichtsminister hierfür nur dankbar fein. Es ist wahrlich Zeit, daß die jüdischen Lehrer aller Orten aufhören, vogelfrei zu sein. Jndeß wäre es doch wohl noch gerathener, die ganze Angelegenheit gesetzlich zu regeln. Thal und thut man dies für die gesammte Bolksmaffe, warum nicht auch für die jüdische, die 400,000 Seelen in Ungarn zählt?) Frankreich. Paris, 16. September. Eine charakteristische Gesellschaft, wie sie eben wohl nur unter den Israeliten von Paris sich findet, ist die der llöpos Lteruel (der ewigen Ruhe). Bekanntlich giebt es auf den Friedhöfen in Paris Grabstätten für alle Zeit, für zehn Jahre und gemeinsame Gräber, die nach kurzer Zeit wieder gebraucht werden. Der gedachte Verein hat nun zum Zwecke, auch den weniger Bemittelten die Erlangung einer Grabstätte für immer zu ermöglichen. Der Preis einer solchen Concession beträgt 100 Frcs., zahlbar durch eine Abzahlung von 5 Frcs. und monatlich 1 Frcs. Durch die Beittäge von Ehrenmitgliedern wird es dem Vereine möglich eine wachsende Zahl von Grabstätten zu erwerben. Im Jahre 1870 vermochte er 46, im verfloffenen Jahre 185 zu erwerben, so daß er sich seinem Ziele, für alle jüdischen Leichen dauernde Grabstätten zu verschaffen, immer mehr nähert. — In Paris besteht eine allgemeine Gesellschaft, die sich Socistö des Sauveteurs de la Seine (Retter aus der Seine) nennt. Der Vice-Präsident ist ein Israelit. Bei der jüngsten Preisvertheiluug erhielt ein Israelit, Gugenheimer, eine Medaille für eine mit besonders großem Muthe ausgesührte Rettung; ebenso ein anderer Jude, Michel Samuel. — Bei den Freimaurern vom Großen Orient zu Paris hat der erste Arükel ihrer Statuten bisher wie folgt gelautet: „Die Freimaurerei, eine menschenfteundliche und dem Fortschritte dienende Einrichtung, hat zum Grundsätze die Existenz Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und die Zusammengehörigkeit der Menschen. Sie erachtet die Gewiffensfteiheit als ein jedem Menschen gebührendes Recht und schließt Niemanden wegen feines Glaubens aus." In einer jüngst abgehaltenen Generalversammlung aller Logen wurde dieser Arükel auf einen von dem protestantischen Pastor DeSmonts erstatteten Bericht wie folgt modificirt: „Die Freimaurerei, eine menschenfteundliche und dem Fortschritte dienende Einrichtung, hat zum Grundsätze die unumschränkte Gewiffensfteiheit und die Zusammengehörigkeit der Menschen. Sie schließt Niemanden wegen seines Glaubens aus. Ihr Wahlspruch lautet: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit." — Bei den in Frankreich und Belgien herrschenden Gesinnungen, wo die klerikale und die radikale Parteien sich schroff gegenüberstehen und die Freimaurerei von der klerikalen als ein „Satanswerk" verketzert wird, mußte wahrscheinlich das Bekenntuiß Gottes und die Unsterblichkeitslehre viele sg. libre-penseurs vom Eintritt in die Logen zurückhalte», und die Freimaurer, die doch in ihrem CultuS „den Weltenbaumeister" aubeten, gaben dennoch nach!