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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-10-02 · Heft 40 (2.10.1877) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 40 (2.10.1877)
Date
1877-10-02
Page
Seite 630 (sequence 2)
Language
German
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630 zu, daß er in diesem Stamme bestehen geblieben, wenn auch im harten Kampfe mit dem ihn umgebenden Heidenthume. Am bestimmtesten wollte man den Monotheismus in der egyptischen Götterlehre wieder finden, wenigstens als esoterische Weisheit der Priester, welche nur für das Volk diese in das bunte Gewand der Symbolik schlugen, woraus denn das Volk die realen Göttergestalten zog. Aus Egypten brachte daher, nach ihrer Meinung, Moses den Monotheismus und machte ihn, alle Symbolik verschmähend, zu einer Volksreligion. Hiermit wäre man glücklich an dem Punkte angelangt, den Mosaismus und mit ihm das Judenthum nicht als eine ursprüngliche und geschichtlich gegebene, sondern nur als eine abgeleitete, ja im Grunde mit den Mythologien identische Erscheinung ausgeben zu können. Wir müssen gestehen, daß uns schon jene allgemeine Theorie eine durchaus erkünstelte, nicht nachweisbare und der Geistesentwickelung widersprechende erscheint. Einerseits lehrt die Geschichte, daß für die civilisirtesten Völker selbst nichts schwieriger wird, als den Monotheismus in ihre Auffassung aufzunehmen, sich ihn rein und voll zum Verständniß zu bringen. Konnte das Christenthum sich unter Len antiken und den hergewanderten Völkern nur verbreiten, indem es den reinen Monotheismus in die Trinität und in einen Kreis von einflußreichen Heiligen aufgehen ließ, und knüpften sich hieran viele Vorstellungen, die dem Monotheismus widersprechen, so drang bis jetzt die monotheistische Anschauung immer nur in einer Anzahl Einzelner durch, welche in Zeitperioden bedeutend anschwillt, aber auch wieder abnimmt. Ja, der alte heidnische Geist treibt zu Zeiten eher wieder in die Bahnen des Pantheismus und Materialismus hinein, als im festen, sichern Monotheismus sich einzubürgern. Es scheint daher geradezu ein geschichtlicher Unsinn, eine Anschauung, zu welcher selbst die gebildetsten Völker sich langsam und mühevoll entwickeln, den Urvolkern zutheilen, als den Anfang der geistigen Entwickelung ansehen zu wollen. Andererseits widerspricht jene Theorie jeder gesunden Ansicht vom Entwicklungsgang des Geistes. Der Monotheismus ist eine Abstraction, die allein vom Verstände erzeugt und begriffen werden kann. Anzunehmen, daß die Urvölker einen solchen Verstandesbegriff zu bilden vermochten, der im Fortgang durch das Ueberwiegen der Einbildungskraft sich zur Vielgötterei umwandelte, wobei der Gottesbegriff sich in eine Reihe bunter Gestalten, körperlicher Bilder zersplitterte und in sein Gegentheil umkehrte, und daß dann erst der Verstand die vieltausendjährige Arbeit übernahm, die Herrschaft der Einbildungskraft zu brechen, ihre Gebilde aufzulösen, nachdem er ihnen daS Leben entzogen — ist eine widersinnige Annahme. Verhält es sich doch mit der Symbolik in gleicher Weise. Sie ist kein Werk des Verstandes, sondern ein ursprüngliches, indem sie aus der Einbildungskraft von selbst hervorsprießt. Die Symbole liegen in der Vorstellung der Völker während ihrer Kindheit von selbst, und bedürfen daher für sie keiner Deutung, keiner Erklärung. Mit der Zeit jedoch zerstört der sich herausbildende Verstand diesen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Symbol und Begriff in der Seele, die ursprüngliche Bedeutung verliert sich, man giebt dem Symbol einen verstandesmaßigen, nüchternen Sinn, es verknöchert und wird beseitigt. Also auch hier das Product der Einbildungskraft zerstört durch die wachsende BerstandeSbildung. Wir glauben deshalb, daß die ganze Theorie vom ursprünglichen Monotheismus endlich von einer Zeit aufgegeben werden müsse, die sich rühmt, nur das annehmen zu wollen, was sinnlich wahrnehmbar oder historisch nachweisbar sei. Dem ursprünglichen Menschen erscheint die Welt der Dinge unter folgenden Gesichtspunkten. 1) Alles was er gewahrt, ist; hierin liegt ihm eine Gemeinschaft alles dessen, was seine Sinne gewahren. 2) Alle Dinge erscheinen ihm als für sich bestehende Wesen, nur daß eine große Anzahl individueller Dinge durch gleiche Beschaffenheit zu einer Gruppe, einer Gattung zusammentreten. 3) So sehr jedes Ding für sich besieht, ist es doch abhängig von den anderen, die ihm entweder nützen oder schaden, sich ihm ergeben oder es überwinden, ihm freundlich oder feindlich erscheinen. Das Zusammentteffen mit der einen oder der anderen Art liegt nur theilweise im Wollen und Können des Individuums, sondern wird ihm durch eine außerhalb seiner liegenden Macht zugefügt, die ihm also wiederum entweder fteundlich oder feindlich gesinnt ist. 4) Diese Macht erscheint identisch mit der Kraft, d. i. mit dem Wesen, nicht des Individuums, sondern der Gruppe, der Gattung dieser individuellen Erscheinung, die also als ein höheres Wesen, als eine höhere Persönlichkeit für sich vorgestellt wird. Hierzu kommt 5) der dem Menscheugeiste einwohnende Causalitätsbegriff, d. h. die Anschauung, daß jede Erscheinung die Wirkung einer Ursache ist, die Ursache das Bestimmende, die Wirkung das Bestimmte ist. Aus dieser natürlichen Reihe von Vorstellungen mußte den ursprünglichen Menschen der Begriff der Gottheit hervorgehen, jedoch eben nur, daß diese Gottheit mit dem Wesen der Dinge identisch ist, und nach den großen Gattungen der Erscheinungen in vielen Gottheiten, in vielen göttlichen Persönlichkeiten besteht. Die ursprüngliche Religion mußte daher stets pantheifiisch sein und alsbald polytheistisch werden. Kam es doch schon bei der ersten Vorstellung des Seins an sich darauf an, wie dieses Sein aufgefaßt wurde. Der Inder sah es als dreifach an: das Werben, das Sein und das Vergehen; der Perser als zweifach: das Sein und das Nichtsein, indem das Nichtsein das Sein immerfort bekämpft und vernichtet; der Egypter stellte sich das Sein an sich als einfach vor, ließ es jedoch alsbald eine dreifache Phase durchgehen, das Sein, das Nichtsein und das Wiedersein. Dies ist die Wurzel für die Vorstellung von der Gottheit, die entweder schon von vornherein trinitär, dualistisch oder monistisch war, immer aber pantheistisch, und weil die Einheit aller Erscheinungen in der wirklichen Welt noch nicht begriffen werden konnte, sofort polycheistisch werden mußte. So tritt denn der mosaische Monotheismus als ein voll-

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