Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1877)
- Date
- 1877-09-25
- Page
- Seite 623 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227163--35682-3305662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
623 forschten hartnäckig nach der Ursache und bekämpften mit richtigem Tact die Folgen, wie wahrhafte Aerzte. Die Bevölkerung, weit entfernt gegen sie die Gefühle des Haffes und der Rache zu nähren, welche damals allgemein ihnen entgegengebracht wurden, behandelte sie mit einer Brüderlichkeit, welche selbst in unseren Tagen schwer zu finden sein möchte. Die Ordensritter, die fich laut zu ihren Beschützern erklärt hatten, wurden ihrerseits reichlich für den Act der Gleichstellung entschädigt, den sie mit der Aufnahme der Israeliten auf ihrer Insel vollbracht hatten. Die neuen Ankömmlinge waren ihnen jedes Mal zu Hülfe gekommen, wenn der Orden sich in einer pecuniären Klemme befunden hatte, und das war in Folge der Unternehmungen, welche sie unaufhörlich gegen die Türken führten, nicht selten. Diese Unterstützungen waren ein freiwilliger Tribut der Dankbarkeit, welchen die Juden sich gegen den Orden des heil. Johannes auferlegten, denn kein Gesetz zwang sie dazu. Auf Rhodus waren die Israeliten nur Gäste, oder wenn man lieber will, schwache Vertriebene, welchen die edle und ritterliche Miliz Beistand leisten mußte und die sie nicht gefangen nehmen oder zu irgend einer Steuer zwingen konnte. Jndeß die Juden verfehlten nie, den Beistand ihrer Kunst oder ihres Geldes anzubieten, sobald sich nur Gelegenheit oder Bedürfniß dazu zeigte, so daß der Großmeister Pierre d'Abusson zu sagen pflegte, wenn er zu seinen Rittern von den Juden sprach: „Meine Herren, man mag so viel man will die armen Hebräer verleumden, weil ihre Vorfahren unseren guten Herrn Jesus Christus zu Tode gebracht haben; ich muß anerkennen, daß sie in der Dankbarkeit gegen uns bester sind, als eine Menge Christen, die sich für gut ausgeben und denen wir bedeutende Dienste geleistet haben." Unter Anderem erleichterten die Juden von Rhodus, die hauptsächlich Handel betrieben, die Ausfuhr der Bodenproducte und den Localhandel, wie von Wein, Del, Oliven, verarbeiteten Metallen, Seilerarbeilen, Segel rc. Sie gaben diesem Lande so zu sagen ein neues Leben und wußten sich unentbehrlich zu machen. Doch die Türken, die sich schon seit langer Zeit Konstantinopels bemächtigt halten, die das Ufer der Donau verwüstet, ihre Flotte auf das adriatische Meer geworfen und Griechenland und Egypten erobert hatten, ärgerten sich, Rhodus noch aufrecht und seine Ritter ihrer Macht noch trotzen zu sehen. Dieser letzte Wall der Christenheit, der inmitten ihres Reiches so vereinzelt stand, verdroß sie. Zwanzig Mal schon waren sie mit einer solchen Kraft davon zurückgeworfen worden, daß sie es aufgegeben hatten, es zu erobern und sich ebenso enttäuscht davon zuruckziehen mußten, wie Mahomet II. selbst, nachdem er im Jahre 1480 unter den Wällen der Insel geschlagen worden. Um diese Zeit, das heißt 1522, hatten die Türken den berühmten Soliman II., Sohn des Selim, zum Herrscher. Der neue Sultan beschloß, mit Rhodus unv reffen Miliz, welche die Freude seiner Siege trübte, ein Enve zu machen: — „Du und Deine Ritter," schrieb er eines Tages an Villiers de l'Jle — Aram, den damaligen Großmeister, „Tu und Deine Ritter sind mir immer im Gedächtniß, ich muß Euch zur Vernunft bringen." Einige Zeit darauf landete eine ungeheure türkische Armee auf Rhodus und der Sultan Soliman, der den dreifachen Beinamen des Prächtigen, des Eroberers unv des Gesetzgebers sich erworben hatte, befehligte selbst das Corps der Janitscharen, das die Belagerung vor den Mauern begann. Der Ruf zu den Waffen ertönte. Die jüdischen und die christlichen Bewohner stiegen in Masten auf oie Wälle, um reu Rittern und Knappen zu helfen, welche sich in guten Vertheidigungsstand versetzten. Die Juden, welche in der Stadt waren, so sagt eine alte Chronik, thaten Alles, was sich von Leuten erwarten läßt, eie zu Allem für den Sieg der Belagerten entschloffen sind. Die Einen, welche von Profession gute Waffenschmiede waren, arbeiteten Waffen und besserten die alten aus; andere und hauptsächlich die jüdischen Frauen und Kinder trugen Steine und Wurfgeschosse herbei, welche sie selbst auf die Türken schleuderten oder sie den Rittern reichten. Man sah sogar arme jüdische Handwerker, welche Bogen und Pfeile ergriffen und während der ganzen Belagerung Soldatendienst thaten, zur großen Zufriedenheit der erstaunten Hospitaliter. Fünf Monate lang prallte die ganze Macht der Janitscharen gegen die Tapferkeit der Ritter und der Belagerten zurück. Der entmuthigte Soliman wollte die Belagerung aufheben, als er durch Spione, die sich in die Stadt eingeschlichen hatten, erfuhr, daß die meisten Bertheidiger durch die Wunden und Entbehrungen kampfunfähig seien und daß die Stadt einen neuen Anfall nicht aushalten könne. Er machte also eine letzte Anstrengung und dieses Mal des Sieges gewiß; er ließ sämmtliche Truppen an's Land steigen und in die Wälle durch eine fürchterliche Artillerie Bresche schießen. Nun gaben die Leute, die sich in der Stadt befanden, nach und verließen die Partei der Ritter, entgegengesetzt den Juden, welche der Fahne des Ordens treu blieben, bis zum letzten Tage, wo Villiers, zum Weichen gezwungen, mit der kleinen Schaar Kämpfer, die ihm noch geblieben, capitulirte. Soliman empfing den Großmeister mit Höflichkeit, behandelte ihn mit der Achtung, die man einem besiegten Herrscher schuldet, und sagte zu ihm: „Nicht ohne Bedauern nöthige ich Euch, in Eurem Alter ein neues Asyl aufzusuchen." Man versichert sogar, daß er dem Großmeister die Admiralstelle anbot, wenn er zum Islam übergehen wollte; das wäre Treulosigkeit und Abfall gewesen; Villiers schlug es ab und zog 30*