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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-25 · Heft 39 (25.9.1877) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 39 (25.9.1877)
Date
1877-09-25
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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622 Der Haß macht eben blind. Er sieht das Offenkundigste nicht, weil er es nicht sehen will. So hat er den Verfaffer auch geistig blind für das Verständniß des Dichters gemacht, deffen Dramen er Andern deuten will. Daher allein konnte es kommen, daß er jene, Lessing's „Nathan" lang vorher anticipirende Stelle, wo Shakspeare, weit über seine Zeit sich emporhebend, zum ersten Male vielleicht in der neuern Zeit, der Humanität und Toleranz das Wort redet, wie eben er es zu reden verstand, in ganz verkehrter, der Intention des Dichters geradezu entgegengesetzter Weise auffaßt, als wenn es ein bloßer Wuthausbruch Shylock's wäre. Ich kann nicht umhin, die bereits von mir in Nr. 37 d. Bl. f. 1876 aus „Shakspeare's Frauencharaktere" von Friedrich Badenstedt cirirte Stelle über Shylcck dem Herrn Pastor und meinen Lesern in's Gedächtniß zurückzurufen, indem ich sie hier nochmals anführe. Bodenstedt's Worte lauten: „Dieser Charakter ist eine der größten Schöpfungen, welche die dramatische Poesie aller Zeilen aufzuweisen hat, und es gehört eine wundersame Roheit und Verirrung des Gefühls dazu, ihn bloß komisch zu finden. ... Zu Shakspeare's Zeit galt die Verachtung des Judenthums und seiner Bekenner noch als Zeichen guter christlicher Gesinnung, und es gehörte kein geringer Muth dazu, für die Unterdrückten in so energischer Weise Partei zu nehmen, wie Shakspeare gethan, indem er den christlichen Glaubenseiferern eindringlich zu Gemüthe führte, daß sie selbst die Uebel gefördert, ja theilweise hervorgerufen, welche sie im Judenthum bekämpften." Nach diesen goldenen Worten möchte ich zum Schluß nur die Frage aufwerfen: welcher Muth gehört wohl dazu, alle jene Borurtheile eines uns längst entrückten finstern Zeitalters heute wieder wecken und ihnen neue Nahrung zuführen zu wollen? Die Antwort möge sich der Leser selbst geben. Ieuilleton. Die Äu-eu auf -er Änsel Rhodus. Im Jahre 1872 gab P. Baudin zu Konstantinopel (De Castro) eine geschichtliche Studie über die Israeliten von Konstantinopel (l.e§ Israeliles de Constanliuople. Etüde liistorique) heraus. Wie wir aus der Vorrede erfahren, fühlte sich Herr Baudin zu seiner Schrift ganz besonders durch die Entrüstung veranlaßt, welche er bei der ebenso oberflächlichen wie widerwärtigen Weise empfand, in der Touristen und Feuilletonisten, selbst Männer von bedeutendem Rufe, wie Teophile Gautier, über die Juden Konstantinopels geschrieben. Sie stellen nur die traurigen und zerlumpten Gestalten dar, denen sie auf der Straße begegneten, und setzten daraus Bilder zusammen, an welchen sie ihre burleske, theils witzig, theils sentimental sein sollende Manier befriedigen. Der große Verfall, in welchem sich allerdings dieser zahlreiche Theil der Bevölkerung Stambuls befindet, wird auch von Baudin der Unwissenheit und Unbildung zugeschrieben, in welche die dortigen Juden nach und nach versunken find, so daß nach seiner Meinung die Tüchtigkeit, die in diesen Juden schlummert, nur durch einen guten Bolksunterricht gehoben werden könne. Er verlangt nach Schulen, und hofft alsdann die Erhebung schon der nächstfolgenden Generation. Daß er hierin den richtigen Weg anzeigt, kann nicht zweifelhaft sein. Allein er vergißt, daß es doch nicht bloß der Mangel an Geld und Lehrkräften ist, welcher hindernd eintritt, sondern daß die stabile Orthodoxie und die daraus erfließende geistige Apathie die Benutzung der Schulen seitens der großen Masse außerordentlich erschwert. Das Werk der Umbildung kann daher nur langsam vor sich gehen, wenn sie nicht durch ganz besondere Ereignisse gefördert wird. In seiner geschichtlichen Studie widmet Baudin den bisher unbekannt gebliebenen Vorgängen auf der Insel Rhodus ein ausführliches Capitel, und wir wollen dieses deshalb durch Uebertragung hier weiter veröffentlichen. Von den aus Spanien 1492 verjagten Juden richtete ein Theil feine Wanderschaft auch nach der Insel Rhodus, welche damals dem Johanniterorden gehörte. Sie wurden vom damaligen Großmeister wohlwollend ausgenommen. Er wies ihnen ein besonderes Quartier an, gestattete ihnen Gewerbe und Handel ohne Einschränkung, überließ ihnen die Selbstverwaltung und die Gerichtsbarkeit unter sich. „Viele Jahre waren verstrichen, seitdem die von Ferdinand V. aus Spanien verbannten Juden auf Rhodus eine Zuflucht gesucht und sich dort niedergelaffen hatten. Im Jahre 1522 hatte sich die neue Colonie unter der Leitung des Großmeisters des Hospitaliters zur Blüthe emporgeschwungen, jede ihrer Generationen hatte fleißige Männer hervorgebracht, welche, indem sie sich selbst durch ihre Arbeit bereicherten, zu gleicher Zeit dem Orden wie den Einwohnern Dienste geleistet halten. Es fanden sich unter ihnen geschickte Goldarbeiter, Tuchweber, Schneider, Aerzte, welche, wenn sie auch meist nur Empiriker waren, von den Rhodensern doch nicht minder geschätzt wurden, zu einer Zeit, wo dieser Beruf noch selten im Orient ausgeübt wurde und mehr in Quacksalberei als in der eigentlichen medicinischen Kunst bestand. Die israelitischen Aerzte führten im Morgenlande gewiffermaßen ein neues Heilsystem ein, und zwar dasjenige, welches die Araber, die ihre Meister gewesen, in Cordova ausgeübt hatten. Anstatt sich bei dem Kranken mit Zauberformeln abzugeben, prüften sie sorgfältig die Symptome und Fortschritte des Uebels,

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