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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-25 · Heft 39 (25.9.1877) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 39 (25.9.1877)
Date
1877-09-25
Page
Seite 621 (sequence 9)
Language
German
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621 zweifache musikalische Begabung warf sonnige Strahlen in ihr r Leben. Auch in den späteren Jahren, als die Gabe des Ger sanges versiegt war, blieb sie der Tonkunst von ganzem Herzen t ergeben und verfolgte alle neueren Schöpfungen mit nie ermüe dendem Jntereffe. Derselbe ideale Zug schien aber auch seinen Einfluß zu üben auf ihr Wirken als Gattin und als Mutter, i Als sie vor nicht weniger denn vierzig Jahren nach elfjähriger 1 glücklicher Ehe den Gatten verlor, da kannte sie keine andere > und keine höhere Aufgabe, als die, der Erziehung der damals i noch unmündigen Kinder zu leben und ihnen auf den Lebensweg! mitzugeben, was sie selber schmückte, den streng sittlichen Ernst, ' Wahrheitsliebe und Redlichkeit, instinctive, zugleich aber unerbitt- » liche Abneigung gegen das, was nach Goethe's schönem Worte „uns alle bändigt", gegen das Gemeine. — In Laupheim (Württemberg) wurde am 7. d. die neurestaurirte Synagoge durch den Festgottesdienst eingeweiht. Der Umbau wurde großentheils ein Neubau, da zwei Treppenthürme und Kuppeldächer dem jetzigen Gebäude ein monumentales Aussehen geben. — Wie wir bereits bemerkt, wurde am 31. August die neue Synagoge in Schönebeck unter großer Theilnahme der Bevölkerung eingeweiht. Auch der Oberprasident der Provinz Sachsen, Herr v. Patow, und der Reichstagsabgeordnete, Amtsrath Dietze, beide thatsächliche Beförderer des Baues, waren zugegen. Bonn, 18. September. (Literarische Notizen.) In Nr. 27 der „Blatter für literarische Unterhaltung" ist ein interessanter kritischer Artikel über die „Neueste Shakspeare-Literatur" von unsrem Mitarbeiter Dr. David Asher enthalten, aus welchem wir die Besprechung einer pietistischen Erläuterung Shakfpeare's wiedergeben. „Zur Einführung Shakfpeare's in die christliche Familie. Eine populäre Erläuterung der vorzüglichsteu Dramen desselben von Moritz Petri. Zweite vermehrte Auflage. Mit Shakspeare's Porträtin Stahlstich. Hannover, Meyer. 187 7. Gr. 8." Wozu wird Shakspeare nicht alles benutzt! Hier zur Abwechselung einmal zu Predigttexten; denn die Erläuterungen der Stücke, wovon einige zuerst in der „Evangelischen Kirchenzeitung" erschienen und dadurch eigentlich schon hinlänglich gekennzeichnet sind, sind im Grunde nichts als so viele geschriebene Predigten, zu denen Shakspeare statt der Bibel den Text hergiebt. Nun soll hiermit nicht etwa die Predigt herabgesetzt werden: sie ist ein ganz vorzügliches Erbauungsmittel und in den Händen eines geschickten Mannes kann sie, wie durch allgemein bekannte Beispiele leicht belegt werden könnte, zum Kunstwerk, wie jede andere Compositionsart, die sich durch Beredtsamkeit, Tiefe der Gedanken, edeln Stil und Bilderreichthum auszeichnet, erhoben werden. Nun vergleiche man aber mit diesem Maßstabe vor Augen, ein Pröbchen aus dem vorliegenden Buche — die Stelle ist der Erklärung des „Hamlet", also gerade desjenigen Stückes, welches, wie man meinen sollte, auch dem Stumpfsinnigsten einigermaßen begeistern und über das Gewöhnliche und Gemeine erheben müßte, entnommen — und urtheile selbst über den Ton und die Diction des geistlichen Herrn. Es soll der Fall der Königin Gertrud erklärt werden. Da heißt es denn: „Die Sünde liegt eben im menschlichen Herzen und tritt bald in dieser, bald in jener Gestalt heraus, wird sich aber ganz gewiß geltend machen, wenn sie nicht in Christo überwunden und ohnmächtig geworden ist, wie ein Keim Unkrauts, der in der Erde ruht, mit Nothwendigkeit sich entwickelt und sichtbar wird, auch Blüthen und Früchte bringt, wenn er nicht gehemmt oder zerstört wird. Der Dieb hat eben seine Lust am Stehlen, darum stiehlt er, und wenn er die Lust gebüßt hat, so verschenkt er sehr oft das gestohlene Gut, um deswillen er seine Ehre, seine Freiheit und die Ruhe seines Gewissens dahingegeben hat. Reiche Frauen stehlen die Theelöffel ihrer Gastgeber und sind nachher unglücklich im Besitz des geraubten Gutes, womit sie nichts anzufangen wissen, als sie etwa heimlich hinzubringen." Und was soll man zu einer Behauptung wie diese sagen: „Sämmtliche Ausleger wissen zwar, daß dieser (der „historische Quell" nämlich) in dem alten Saxo Grammaticus (Libri XVI Danorum lnstoriae) zu finden ist, allein kaum einer hat den Quell selber eingesehen." Das ist doch wohl etwas zu kühn hingestellt, wie ja jede negative Behauptung überhaupt zweifelhaft ist. Welcher Gesinnung der geistliche Erklärer ist, spricht sich aber am deutlichsten in seiner Erläuterung des „Kaufmann von Venedig" aus. Das ganze Buch scheint fast bloß dieses Stücks wegen geschrieben zu fein. Da glaube man noch an Fortschritt! Nachdem zuletzt Bodenstedt sich selbst und den gegenwärtigen Zeitgeist durch seine Auslegung des gedachten Dramas geehrt hat — eine Auslegung, welche die lauterste Gesinnung, echteste Humanität und der wahre Geist der Duldung eingegeben — tritt hier wieder aus dem geisti lichen Lager die engherzigste Anschauung und Gesinnung auf und wagt es, nachdem ein Lessing unter uns gewesen, die Zeilen des : finstersten Religionshasses und der Verfolgung wieder heraufzu- - beschwören. Eine Stelle möge wiederum genügen, das Gesagte ' zu belegen: t „Antonio selbst tritt dem Zureden seiner Freunde entgegen. , Sie sollen doch bedenken, daß er mit einem Juden rechtet. Man i könnte ebenso gut an den Strand treten und der Fluth gebieten, r daß sie sich legen soll, oder den Wolf zu Rede stellen, daß er i das Schaf läßt nach dem geraubten Lamm blöken, oder den hohen - Tannen auf des Berges Gipfel gebieten, daß sie nicht rauschen e sollen, wenn sie des Himmels Sturm in Aufruhr setzt, als zu , erweichen sein jüdisches Herz." i Der Verfasser schmunzelte gewiß sehr wohlgefällig, als er - diese bilderreiche Periode niedergeschrieben hatte; leider aber sind g die Bilder nur eine sehr dürftige Umschreibung des großen Dicha ters, den er erklären will, und, was noch schlimmer, das, was tt sie beleuchten sollen, ist der Wahrheit stracks zuwider. 39

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