Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1877)
- Date
- 1877-09-25
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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619 und Anstalten, die sie für sich Herstellen, nur durch ihre eigenen Mittel ermöglicht werden, und sie deshalb frei darüber schalten, hängen jene von den Meinungen ab, die sie selbst hegen, die aber von den Geistesrichtungen der Zeit und dem Wechsel der Ansichten in den allgemeinen Kreisen beeinflußt werden. Davon wieder nimmt das Schul-, Unterrichts- und Erziehungswesen der Juden seine bestimmenden Motive. Andrerseits ist das Princip der Gleichberechtigung gerade für die Juden in der Schulfrage bedeutend interessirt, und es entstehen aus ihm Forderungen und Consequenzen, die hinsichtlich der Juden die wenigsten Staaten zu erfüllen geneigt sind. Es ist daher vielleicht für keine Bürgerclaffe ein entschiedenes und dauerhaftes Unterrichtsgefetz ein größeres Bedürfniß als für die Juden, denn erst auf dem Grunde eines solchen können wir uns mit unserem Unterrichtswesen, selbst wenn sich dieses auf das religiöse Moment beschränkt, genügend einrichten. Umsomehr muffen wir es bedauern, wenn die Chancen des preußischen Unterrichtsgesetzes noch so schwankend sind und von Neuem in den Streit zwischen Kirche und Staat hereingezogen werden. Oesterreich-Ungarn. Wien, 12. September. Die hiesige Gemeinde hat einen empfindlichen Verlust durch den Tod des Reichsraths-Abgeordneten Ludwig Ladenburg, Banquier, eines der geachtetsten Mitglieder der hies. Haute koauee, erlitten. Am 10. fand sein Leichenbegängniß statt. Im Trauerhause war eine sehr große Anzahl von Leidtragenden erschienen. Man bemerkte die Minister Dr. v. Stremayr, Dr. Glaser, Baron de Pretts, Ritter v. Chlumecky und vr. Unger, den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, l>r. Rec^bauer, mit vielen Parlamentsmitgliedern, den Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde und den der „Israelit. Alliance" in Wien, den Verwaltungsrath der Franz-Josephbahn, sowie zahlreiche Vertreter der Finanzwelt. Der mit Kränzen bedeckte Sarg wurde nach 9 Uhr, unter Absingung von Trauerchören, auf den vierspännigen Leichenwagen gehoben und nach dem israelitischen Friedhofe nächst Währing zur Beisetzung überführt. — Herr Emil Ladenburg, Bruder des Verstorbenen, hat dem Herrn Bürgermeister 2500 fl. und dem Präsidenten der israelitischen Gemeinde 1000 fl. für die Armen übergeben. Wir vernehmen bei dieser Gelegenheit, daß der Verstorbene, der sich bei Lebzeiten durch einen großen Wohlthätigkeitssinn ausgezeichnet hat, nebst verschiedenen bedeutenden Legaten in seinem Testamente fünf Procent von seinem gesammten Vermögen wohlthätigen Zwecken gewidmet hat. —. Es ist gewiß bemerkenswerth, wenn der officielle Sitzungsbericht aus der letzten Sitzung des städtischen Gemeinderaths von Wien folgendermaßen beginnt: „Vorsitzender Bürgermeister vr. Felder bringt folgende Spenden zur Kenntniß der Versammlung: Herr E. Ladenburg spendete aus Anlaß des Ablebens feines Bruders Ludwig Ladenburg zur Vertheilung an Arme den Betrag von 2500 fl. (Lebhafter Beifall.) — Herr Ferdinand Figdor übermittelte anläßlich des Hinscheidens seiner Tochter 2500 fl. Papierrente zur Errichtung einer den Namen „Josephine Figdor'sches Stipendium" führenden Stiftung für arme, von Wien gebürtige Mädchen, welche sich dem Lehrfache widmen und die k. k. Staats-Lehrerinnen-Bildungsanstalt bei St. Anna besuchen. (Bravo!) — Dr. Heinrich Jaques spendete anläßlich deS Ablebens seiner Mutter den Betrag von 500 fl. zur Vertheilung an die Armen der Stadt. (Bravo!)" Alle diese Spender sind — Juden. Belgien. Brüssel, 8. September. (Privatmitth.) Die A. Z. d. I. hat den bereits lang dauernden Kampf des israelitischen Consistoriums in Vertretung der hiesigen jüdischen Gemeinde gegen den Bürgermeister Brüssels, Herrn Anspach (von jüdischer Abstammung), um den ihr zugehörigen Friedhof berichtet, welchen jener durchaus schließen wollte, ebenso wie den protestantischen, um den allgemeinen Gottesacker durch das Begraben in Reih und Glied confessionslos zu machen, und jeden Uebergriff der katholischen Kirche in Bestattungsangelegenheiten zu verhindern. Der Bürgermeister hat nunmehr den jüdischen Friedhof für geschloffen erklärt. Vergebens hat das israelitische Consifiorium alle möglichen Schritte gethan; vergeblich gegen die gewaltsame Auslegung des an sich klaren Decrets aus dem Prairial des Jahres XI! protestirt. Das klerikale Ministerium wagte auf dem vulkanischen Boden der Hauptstadt nicht gegen die bürgermeisterliche Machtvollkommenheit einzuschreiten. Man weiß, welche wächserne Nase alle französischen Gesetze durch die Jnterpretationskunst der Verwaltung haben. Das Consistorium hat keinen anderen Ausweg finden können, als mir dem Gemeinverath von Niveües einen Vertrag zu schließen, um einen abgegrenzten Raum von dessen Friedhof zu erhalten. Allein Nivelles liegt weit ab und nach dem Vertrage muß für jedes Grab 300 Frcs. gezahlt werden. Dies ist auf die Länge eine unerträgliche Last. Jndeß wird hiedurch wohl die Frage der Friedhöfe, um welche Ministerium und Kammern schon so lange wie um einen heißen Brei herumschleichen, zur Entscheidung gedrängt werden. Die Gesetzgebung kann solcher Anarchie, wo Alles in der Hand der Bürgermeister liegt, der eine dem Klerus unbedingte Herrschaft einräumt, der andere einen unzweifelhaften Gewissenszwang ausübt, nicht länger zusehen. Es wird sich zeigen müssen, wie man in Belgien die Glaubens- und Gewissensfreiheit versteht; ob in diesem Lande immer ein Fanatismus, sei es von klerikaler, sei eS von radicaler Seite, die Herrschaft haben solle? In der That, es scheint, auf dem europäischen Continente wird man sich niemals in Glaubenssachen zu jener Freiheit aufschwingen, welche in Amerika so tiefe Wurzel gefaßt hat und dort als selbstverständlich