Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1877)
- Date
- 1877-09-25
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
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614 mir ihre Theilnahme ulrd ihren Glückwunsch in Avreffen, die zum großen Theile kalligraphisch und im äußeren Schmuck künstlerisch ausgeführt waren, Zuschriften und Telegrammen aus. Hierin nun und in dem Inhalt dieser Schreiben scheint mir das allgemeine Moment enthalten, von welchem ich gesprochen. Vielleicht das Beklagenswertheste in den jüdischen Zuständen vor fünfzig Jahren war die völlige Zerfallenheit innerhalb der Judenheit, die vollständige Jsolirung der Gemeinden voneinander, der Mangel an Gemeinsinn, der über das Weichbild jeder einzelnen Gemeinde hinausgehe, die Gleichgültigkeit gegen alles gemeinsame Interesse, die Unkenntniß der Zustände, da es an jedem Organe des Judenthums fehlte, die allgemeine Presse, wenigstens diesseits des Rheines noch sehr unentwickelt war und sich so die öffentlichen Blätter um die Juden nicht kümmerten. Gerade hierin ist es völlig anders geworden. Es hat sich wieder ein geistiges Band um die zerstreuten Glieder der jüdischen Religionsgenoffenschaft geschlungen; das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Bewußtsein eines gemeinsamen Gutes, das erhalten, gepflegt und vertheidigt sein will, ist in jedem Theile der Judenheit wieder lebendig geworden, und bethätigt sich in mannichfachen Kundgebungen und Facten. Es ist dies in freier Entwickelung vor sich gegangen; es hat sich aus keiner äußerlichen Organisation herausgebildet und hat in dieser Freiheit auch zu keiner solchen Organisation geführt. Noch heute ist in der Judenheit Alles autonom; aber ans dieser Selbstständigkeit heraus fühlt sich jedes Glied in Leid und Freud', in Noth und Sieg als Theil des Ganzen. Wir brauchen nicht hervorzuheben, daß diese Tendenz mit Patriotismus, mit Liebe und Treue für den Staat, dem der einzelne Jude angehört, mit der Anhänglichkeit für die Jntereffen der allgemeinen Gesellschaft nicht allein in keinem Widerspruch, sondern in engem Zusammenhänge steht, gerade wie es mit der Familie in Staat und Gesellschaft der Fall ist. Deshalb sind die an mich gerichteten Avreffen aus diesem Gesichtspunkte der Beachtung werth. Bei dem völlig freien und unabhängigen Standpunkt, den ich mir während meiner ganzen Laufbahn sorgfältig bewahrt habe, und den immerhin seltenen Fällen, in welchen allgemeine Vorkommniffe mich in Verkehr zu den Gemeinden brachten, haben diese Schreiben der bedeutendsten Gemeinden für die Idee, von der sie ansgkngen und die sie anssprechen, einen bezeichnenden Eharakter. Ganz abgesehen daher von den persönlichen Gefühlen des Dankes für diese Auszeichnung halte ich es für eine Pflicht dieser Zeitung, eine Anzahl derselben zum Abdruck zu bringen. Nur das Eine möge man mir freundlichst Nachsehen, wenn ich die Avreffen der drei Gemeinden, zu denen mich mein Lebensgang in persönliche Beziehung brachte, voransielle. Bon der Gemeinde zu Dessau: Hochwürdiger, hochzuverehrender Herr Doctorl Es ist zu unsrer Kenntniß gelangt, daß Ew. Hochwürden an dem morgenden Tage die Feier Ihres 50-jährigen Schriftsteller-Jubiläums begehen werden. Wenn nun an diesem schönen Feste alle Gemeinden Israels im deutschen Vaterlande Grund und Beranlaffung haben, sich im Geiste Ihnen zu nahen, um Ihnen den Zoll des Dankes und der Verehrung darzubringen; wie sollte die unsrige fernbleiben, die mit gerechtem Stolze Sie den Ihrigen nennen darf! Hier, — in der Gemeinde Deffau — haben Sie das Licht der Welt erblickt, hier hat Ihre Wiege gestanden, hier wurde das erste Samenkorn des Wiffens und des Forschens in Ihren Geist gelegt. Und diesem Körnlein ist ein Baum der Erkenntniß entsproffen, an deffen Früchten noch spate Generationen sich erquicken werden. Sie sind ein Lehrer in Israel geworden! und wir, die wir die Erstlinge Ihrer schriftstellerischen Thätigkeit entstehen sahen und dem Fluge Ihres Geistes dann mit Bewunderung gefolgt sind, wir betrachten den morgenden Tag für Sie als einen Tag der Belohnung für unermüdetes, pflichttreues Streben, als ein schönes, heiliges Erndtefest, an welchem dem Verdienste seine Kronen werden. — Möge Gott Ihr ferneres Wirken segnen und den Abend Ihres Lebens heiter und glücklich sein laffen. Im Namen der von uns vertretenen Gemeinde bringen wir Ew. Hochwürden die aufrichtigsten Glückwünsche und die Versicherung der Liebe und Verehrung entgegen. Dessau, am 11. September 1877. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde: Wolfsohn. B. Hagelberg. H. Königsberg. Von der Gemeinde zu Magdeburg: Magdeburg, den 7. September 1877. Die uns gewordene Mittheilung, daß Sie in den nächsten Tagen das fünfzigjährige Jubiläum Ihrer schriftstellerischen Thätigkeit begehen, giebt uns den willkommenen Anlaß unsere innigsten Glückwünsche mit denen Ihrer außerordentlich zahlreichen Freunde und Gönner zu vereinen. Wer bester als wir, die wir nahezu 30 Jahre das Glück hatten, Sie in unsrer Mitte zu sehen, vermag es anzuerkennen, was Sie für die Entwickelung des Judenthums erstrebt, und welche Erfolge Sie für daffelbe erzielt haben. Wir freuen uns mit Ihnen, daß es Ihnen und uns vergönnt ist, noch einen Theil der Früchte zu schauen, deren Saat Sie vor vielen Decennien im Kampf gegen Boruriheil und Finsterniß unerschrocken gelegt, wir sind der festen Hoffnung, daß spätere Generationen noch mit gleichem Stolz und Verehrung auf den muthigen Pionier zurückblicken, wie dies heute bei uns der Fall ist. Möge der Allgütige Sie fernerhin in seinen gnädigen Schutz nehmen, und Ihnen noch recht lange geistige und körperliche Kräfte zu Ihrem erfolgreichen und segensvollen Wirken für das Judenthum verleihen. Diesen unseren Wünschen geben wir auch Namens der von uns vertretenen Gemeinde herzlichsten Ausdruck. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde: Fließ, Nathan, Alenfeld, Moosbach, Rubens, Friedeberg.