Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1877)
- Date
- 1877-09-18
- Page
- Seite 608 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227162--35666-3305645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
608 Veröffentlichung unterbreitete, den Umfang einiger ihrer Heldenthaten übertrieb, indem er die Macht der Hinderniffe vergrößerte, die sie besiegen mußten, sowie die Zahl der Feinde, welche sie zu bekämpfen hatten. Die Romanspielerei mit den Juden. Der Mangel an pikamen Stoffen für Novellen und Romane scheint auch in Frankreich die professionellen Romanschreiber dahin zu treiben, die Juden als einen willkommenen Stoff zu benutzen, aus dem sie vor den Augen eines vorurtheilsvollen Publikums machen können, was sie wollen. Und sie thun dies in der verschiedensten Weise. Balzac schrieb einen Roman, in welchem ein Prinz, der sich um die Hand einer Prinzessin bewarb, aber um seiner selbst willen geliebt sein wollte, als ein Israelit verkleidete, sich der Prinzessin als solcher näherte und durch seine vorzüglichen Eigenschaften ihr Herz gewann. Sie wollte ihn als Israeliten heirathen — da erschien er als Prinz und führte sie heim. — Eine solche Idylle würde dem gegenwärtigen Geschlecht schwerlich genügen. Der bekannte französische Romanschriftsteller Victor Cherbuliez — der jetzt auch als politischer Causeur unter dem Pseudonym Valbert in der llevue des deux Mondes schreibt — schlug deshalb den entgegengesetzten Weg ein. In seinem jüngsten Roman Samuel Brohl et Compagnie läßt er einen Juden einen polnischen Grafen spielen, und zwar mit außerordentlichem Schauspielertalente, vielem Wiffen und musikalischer Virtuosität, das Herz einer reichen Erbin gewinnen, so daß die Heirath ganz nahe ist — da wird er zufällig als Sohn eines jüdischen Schankwirths in Polen entdeckt, und muß einem Cousin der Braut weichen, den sie alsbald heirathet, was sie leichter hätte haben können. Wir wollen mit Herrn Cherbuliez nicht rechten, denn da er bereits sehr viele Franzosen, Deutsche, Engländer und Nationalpolen männlichen und weiblichen Geschlechts von sehr zweifelhafter Sittlichkeit und Ehre dargestellt hat, warum nicht auch einmal einen Juden, den er sonst mit großen, auch körperlichen Vorzügen ausstattet. Cherbuliez liebt es übrigens, Polen als die Helden seiner Romane vorzuführen. Er hat wohl die polnische Emigration in Fankreich und der Schweiz ausreichend studirt. Das Land Polen und seine wirklichen Verhältniffe kennt er nicht. Sein Samuel Brohl ist aus Russisch-Polen und doch läßt er ihn als „Graf Abel Barieski" sagen: „Dies arme Polen! Heute ist der Jude sein Herr. Thätig, geschickt, erfindungsreich, wenig gewiffenhaft, beutet er unsre Trägheit und unsre Unvorsichtigkeit aus; er hat gegen uns den großen Vortheil, daß wir von einem Tag zum andern leben, und daß er den Bedacht für den folgenden Tag hat. Wir verachten ihn und können seiner nicht entbehren. Wir haben immer Durst, und er giebt uns zu trinken; wir haben niemals baar Geld, er leiht uns daffelbe mit fünfzig Procent, wir können es ihm nicht zurückerstatten und er macht sich bezahlt, indem er uns unsre Möbel, unsre Kleinodien, unsren Grundbesitz und unsre Schlöffer nimmt. Wir rachen uns an ihm durch Unverschämtheit und von Zeit zu Zeit durch kleine Verfolgungen, und begreifen gleich unsren Nachbarn, den Rumänen, nicht, daß das einzige Mittel, uns des Juden zu entledigen sein würde, uns von unsren Lastern zu befteien, von denen er lebt. Der Graf Abel fügte hinzu, daß, seines Theils, er kein Vorurtheil gegen die Kinder Abrahams habe und citirte das Wort eines österreichischen Publizisten, der gesagt hat: Jedes Land hat die Juden, die es verdient. — In der That, fuhr er fort, in England wie in Frankreich, wie überall, wo man sie auf dem Fuße der Gleichheit behandelt, werden sie eins der gesundesten, kräftigsten Elemente der Nation, wahrend sie die Geißel und die Blutsauger der Länder sind, die sie verfolgen." — Die in Armuth und Elend versunkenen, durch Ausnahmegesetze gefeffelten polnischen Juden sollen die Herren des Landes sein! In Russisch-Polen dürfen die Juden gar keinen Grundbesitz außer ihren Hütten in den Städten haben — und Charbuliez läßt sie die Ländereien und Schlöffer des polnischen Adels in Besitz nehmen! In Russisch-Polen dürfen die Juden höchstens Pächter werden, und sind als solche den Gewaltthätigkeiten und Mißhandlungen der Grundherren genugsam ausgesetzt. Von Pius VII. bis Pius IX. Im vorigen Jahre erschienen in London zwei Bande „Leben, Briefe und Tagebücher von George Ticknor", einem bedeutenden humanistischen Gelehrten Amerikas. Dieser machte drei Male mehrjährige Reisen durch Europa und zwar in den Jahren 1815, 1835 und 1856. Er hatte dabei die Gewohnheit, Tag für Tag Alles, was er gesehen und erfahren, niederzuschreiben, und that dies mit eben so viel Geist wie Wahrheitsliebe. Im November 1817 befand er sich in Rom und hatte in Verbindung mit mehreren anderen Fremden eine Privataudienz bei dem Papste Pius VH., dem ehrwürdigen Greise, der von Napoleon I. so übel behandelt und nach dessen Sturz in den Besitz des Kirchenstaates wieder eingesetzt worden. „Die Unterhaltung betraf fast gänzlich Amerika. Der Papst sprach von unsrer allgemeinen und vollständigen Toleranz, indem er diese lobte, als ob sie eine Lehre seiner eigenen Religion wäre, und hinzufügte, daß er Gott alle Tage danke, endlich die Verfolgung von der Oberfläche der Erde verbannt zu haben, weil die Ueberredung das einzige Mittel sei, die Frömmigkeit zu befördern, während die Gewalt nur die Heuchelei entwickele." — Wir haben nicht die geringste Veranlassung, an der Wahrheit dieser Mittheilung zu zweifeln. Erstaunenswerth ist dann aber nur, welche schnelle Fortschritte der Ultramontanismus von 1817 bis 1857, von Pius VII. bis zu dem Pius IX. nach 1849, von dem Papste, der die Toleranz als ein Geschenk Gottes verherrlicht nnd die Gewalt verabscheut, bis zu dem Morlarapapste, dem Papste des Syllabus und der