Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1877)
- Date
- 1877-09-18
- Page
- Seite 606 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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606 biblischen Inhalts, betitelt: „Ueber das mythische, vorhomerische Zeitalter und dessen Spuren in den Denkmälern des hebräischen Volkes, abgedruckt im Jahrgang 1831 der von Dr. I. Heinemann herausgegebenen Zeitschrift „Jedidja". — Aber dasselbe Jahr war noch nach einer andern Richtung hin fruchtbar für mich. Ich hatte den größeren Theil meiner Gymnasialjahre mit meinem älteren Bruder, der Mevicin studirte, zusammen verlebt, und auch die erste Zeit auf der Universität mit ihm, der seine Staatsprüfungen vollendete, verbracht. Die gegenseitige Theilnahme an unsren Studien war eine lebhafte. Denn mein Bruder war ein tüchtiger Hebraist und sogar etwas Talmudist — wie mehrere seiner literarischen Arbeiten beweisen, und mir flößte er frühzeitig Geschmack für die Naturwissenschaften ein. Eine Folge hiervon war, daß ich auch auf dem philologischen Gebiete die Naturwissenschaften wiederfand. Hieraus erfloß folgendes Werk in lateinischer Sprache — die damals für gelehrte Arbeiten noch öfter gewählt wurde: dvd'Qomtvr^ Pars I. De internorum humani corporis partium cognilione Aristotelis cum Platonis sentenliis comparala. Pars II. Philosophorum veterum usque ad Theophrastum doctrina de sensu. Theophrasli de sensu et sensilibus fragmenlum historicum philosophicum. Cum textu denuo recognito prima conversio latina et commentar. (Berolini, List, 1831.) Hieran schlossen sich: Eine Abhandlung „Aristoteles als Naturforscher und hat er Einfluß auf die Mediciu gehabt?" in dem „Podalirius, Beiträge zur Kritik der alteren und neueren Arzneikunde von Dr. P. Philippson" (Magdeburg, Creutz, 1832) S. 46—137, geschrieben im Februar 1832, in welcher ich versuchte zum ersten Male eine Kritik der naturhistorischen Schriften des Aristoteles zu geben; ferner 1833 zwei Dissertationen Veterum opiniones de insania, und de quadrupedibus apud Aristotelem (Berolini, 1833); endlich die Uebersetzung zweier lateinischer Programme von Kurt Sprengel über die Homöopathie mit einer Einleitung (Magdeburg 1833), auf welche noch eine Satire auf die Homöopathie folgte, die in der zu Hamburg erscheinenden antihomöopathischen Zeitung von Dr. Simon abgedruckt wurde. Andere hierhergehörende Arbeiten, wie eine Sammlung der Fragmente des Demokrit und eine Diätetik des Hippokrates blieben unvollendet. — Doch kehren wir zum Jahre 1832 noch einmal zurück. In demselben veröffentlichte ich noch: „Wie verloren die Juden das Bürgerrecht im west- und oströmischen Reiche? (Berlin, Fröhlich 1832)." In dieser, unter dem Pseudonym Ludwig Schragge herausgegebenen Schrift stellte ich chronologisch alle im Theodosianischen Codex zerstreut aufgenommenen Novellen der christlichen römischen Kaiser zusammen, durch welche die das volle römische Bürgerrecht besitzenden Juden nach und nach ihrer Rechte beraubt wurden, und zwar eines nach dem anderen, zeigte wie dies allein aus religiösem Fanatismus geschah, da einige dieser Novellen geradezu aussprechen, daß die Juden diese Entziehung ihres Rechtes gar nicht verdienten, also durchaus nicht verschuldet hätten, und zog daraus die logische Folge hinsichtlich des damaligen Standes unsrer rechtlichen Berhältniffe. Die Schrift hatte viele Arbeit gekostet, wurde aber durch eine Kritik in den „Göttinger gelehrten Anzeigen" belohnt, welche sie für die beste Schrift zu Gunsten der Emancipation erklärte. — Bei dem Studium der Geschichte der Philosophie hatte ich wahrgenommen, daß am 24. November jenes Jahres zwei Jahrhunderte feit der Geburt Spinoza's verflossen sein würden. Da hiervon in der Oeffentlichkeit nichts verlautete, beschloß ich darauf aufmerksam zu machen. Die erdrückende Herrschaft des Hegelianismus, die noch immer herrschende politische Aufregung, so wie das noch immer mangelhafte Verständniß Spinoza's erklären diese allgemeine Gleichgültigkeit. Der Titel meiner Schrift war: „Benediktus Spinoza als Mensch in feinem Leben und Charakter dargestellt, als Rechtfertigung des Verkannten, als Aufforderung zur Feier des 24. Novembers 1832, feines zweihundertjährigen Geburtstages, für gebildete Leser jeden Standes. (Leipzig, Leicht, 1832.)" Sie wurde im zweiten Bande des „Jahrbuches für die Geschichte der Juden und des Judenthums" (Leipzig 1861) S. 189—257 mit einigen Verbesserungen noch einmal abgedruckt. i) — Das Jahr 1833 brachte für mich einen entscheidenden Wendepunkt. Ich hatte, 21 Jahre alt,-die Universität verlassen, und befand mich einige Wochen zur Erholung bei den Meinigeu, als ich durch einen Freund die Aufforderung erhielt, in einer altmärkischen Stadt bei einer gebildeten Famllie eine Trauung mit Traupredigt zu vollziehen. Ich nahm es an. Die Verwandten des Brautpaars ließen die Predigt drucken (Magdeburg, Wohlfeld, 1833). Als Exemplare derselben nach Magdeburg gekommen, forderte mich der Vorstand der Gemeinde auf, an den bevorstehenden Hohen Festen in der Synagoge zu predigen. Nach meiner ersten Predigt am Rosch-Haschanah 1833 erllärte der Vorstand, mich als Prediger und Religionslehrer und nach dem Tode des greifen Rabbinats-Verwesers als Rabbiner anstellen zu wollen. Ich nahm das Amt, nachdem die Wahl fast einstimmig durch die Gemeinde geschehen, an. Ich war der erste in Preußen, der das regelmäßige Predigtamt, eine organifirte Religionsschule und die regelmäßige Coufirmatiousfeier in einer jüdischen Gemeinde herstellte, die polizeilichen Verbote nicht achtend, welche auf Betrieb einiger wenigen Orthodoxen gegen jede Reform des Gottesdienstes in Preußen gerichtet und au einigen Orten sogar vollführt worden waren. Es lag nahe, den Bestrebungen, die in Magdeburg verwirklicht worden, auch einen literarischen Kanal zu schaffen, auf welchem sie eine weitere Verbreitung finden konnten. Zu diesem Zwecke gab ich als die erste regelmäßig erscheinende jüdische Monatsschrift in den Jahren 1834, 1835 1) Die überaus verdienstliche Bibliotheca Judaica von Fürst hat oft Lücken und Irrungen. Wie sie unsre Arbeit über Spinoza übergangen, so legt sie die in Braunschweig 1790 von M. Philippson erschienene Biographie Spinoza's meinem sel. Vater bei. Sie ist jedoch von einem, meiner Familie fremdem Autor mit zufällig gleichem Namen. Mein Vater konnte sie schon seiner Lebenszeit nach nicht verfaßt haben.