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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-18 · Heft 38 (18.9.1877) · p. Seite 601

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 38 (18.9.1877)
Date
1877-09-18
Page
Seite 601 (sequence 5)
Language
German
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601 auch bei uns das Wort sich anmaßen, um Haß und Zwietracht zu predigen, und dies sogar im Schooße des Judenthums versuchen. Sie werden sich erinnern, daß gleich nach dem Kriege gewisse Leute sich die größte Mühe gaben, einen unheilbaren Bruch zwischen den französischen und deutschen Juden hervorzubringen, eine Spaltung, die bis in die Chebroth gehen sollte. Leider muß ich zugestehen, daß dies meist aus Deutschland stammende, in Paris ansässige Juden waren und — noch sind, die solchen „heiligen" Eifer bethätigten und gellend zu machen suchen. Der wirklich Geborene französische Jude sieht die Dinge anders an. Dahin rechnen Sie denn auch den knabenhaften Angriff, den der provisorische Redacteur der Archives, ein gewisser Schönstem, gegen Sie, und zwar bei der unpassendsten Gelegenheit und in unwahrster Weise machte. So Etwas ist ganz ohne Bedeutung und, kaum gelesen, schon vergessen! — Wie Sie wissen, fand die Beerdigung Thiers am ersten Tage Rosch-Haschanah statt. Die hiesige jüdische Bevölkerung nahm an dem großen Trauerfall einen wahrhaft patriotischen Antheil und es war daher von der Synagogenverwaltung ein durchaus angemessener Beschluß, den Gottesdienst so frühzeitig abhalten und beenden zu lassen, daß auch die Juden an der Beerdigung des großen Bürgers Antheil nehmen konnten. — Am Montag wurde die neue portugiesische Synagoge in der kue Buifault unter zahlreicher und glänzender Betheiligung der israel. Gemeinde eingeweiht. Unter den Anwesenden bemerkte man Herrn Osiris, der die meisten Kosten des stattlichen Baues bestritten hat, den Senator Crömieux, mehrere Mitglieder der Familie Rothschild und Andere. Der Bariton Dia; la Soria war eigens aus Bordeaux gekommen, um das Fest durch seinen Gesang zu verherrlichen, und die Psalmen, die er zu Gehör brachte, riffen Andächtige und Gäste zur Bewunderung fort. Türkei. Konstantmopel, 24. Aug. Dem „Pester Lloyd" schreibt man von hier: Aus Bulgarien kommt eine Schauernachricht über die andere; kaum daß wir uns von der schrecklichen Aufregung der bestialischen Greuelthaten der Kosaken und Bulgaren in Eski-Zagra einigermaßen erholt haben, kommt uns die Kunde von dem entsetzlichen Gemetzel in Kazanlik. Daselbst wurden vierzehn Juden mit Bajonnetten und Holzäxten ermordet, darunter drei junge Frauen und ein Mädchen von beiläufig 14 Jahren, denen man natürlich erst nach den wildesten Mißhandlungen den Todesstreich versetzte. Am schrecklichsten war das Schicksal des Mädchens Namens Beracha, welches von Kosaken und Bulgaren langsam zum Tode gemartert wurde; außer diesen vierzehn Todten wurden noch drei Schwerverwundete aufgefunden und in's Spital nach Adrianopel transportirt. Die russische Besatzung von Kazanlik begnügte sich jedoch mit diesen Opfern nicht, sondern hat in ihrer Wuth darüber, daß sie den wuchtigen türkischen Schlägen weichen mußte, 348 Personen der dortigen jüdischen Gemeinde gewaltthätig mit sich nach dem Schipka-Passe geschleppt, natürlich nachdem sie dieselben erst ihrer fammtlichen Habseligkeiten beraubt hatte: die Motive dieses grausamen Vorgehens gegen die jüdische Bevölkerung in Bulgarien sind durchaus keine politischen, da die Juden dort sich nie mit politischen oder nationalen Fragen beschäftigen, sondern ausschließlich ihrem Handel leben, — es sind dies einzig und allein die Consequenzen des von den Popen aufgestachelten Fanatismus, welcher vom bulgarischen Boden alle nichtorthodoxen Elemente ausrotten will. Vorgestern haben sich die Vorstände der hier und in den Vororten bestehenden 20 Synagogen zu einer Sitzung vereinigt und den Beschluß gefaßt, am 27. d. M. einen öffentlichen Trauergottesdienst für die ermordeten jüdischen Angehörigen in Kazanlik in allen diesen Synagogen abzuhalten; zahlreiche Einladungen wurden dieserhalb an die Gemeinden der verschiedenen anderen ReligionSgenossen hier abgesendet, namentlich an die hohen türkischen geistlichen und weltlichen Würdenttäger und es dürfte diese Trauerfeier sich sehr imposant gestalten. Rußland. Ans dem Russischen, Ende August. (Privatmittheil.) Es ist eine traurige, aber unumgängliche Pflicht eines Berichterstatters, von der mißliebigen Gesinnung Mittheilung zu machen, welche sich in der russischen Bevölkerung wieder einmal recht lebhaft gegen die Juden äußert. Zu verwundern ist dieser Umstand freilich nicht, da einerseits der religiöse Fanatismus im russischen Volke absichtlich entflammt worden ist, der sich nun auch gegen die Juden wendet, und andrerseits die russischen Zeiwngen unaushörlich gegen uns wühlen, und alle Uebelstände, die sich kundgeben, auf uns als deren Ursache zurücksühren. Es fehlt nicht viel, und die Juden sind in diesen Blättern die Urheber der bisherigen Mißerfolge der russischen Waffen. Uebrigens müssen wir uns damit trösten, daß Aehnliches in allen den Ländern vorging, z. B. in Deutschland, wo sich die Staatsregierung nur langsam zur allmäligen Gleichstellung entschloß. Sobald da ein Schritt vorwärts gethan werden soll, hetzt man den Unwillen des Volkes gegen die Juden auf, um die Regierung abzuhalten oder zurückzuschrecken. So gelangen jetzt von vielen Gemeinden aus den Provinzen Bittschriften an die Regierung, den Juden das Recht der Ansiedlung nicht zu gewähren. An einzelnen Orten, z. B. in Kiew, fanden Ruhestörungen gegen die Juden statt. In Archangel haben die christlichen Kaufleute eine Hülfscasse gegründet, von der die Juden ausgeschlossen sind. Auch in Warschau fanden Excesse statt; diese gingen jedoch von den Juden aus, die wegen eines Vorgangs bei Bekehrung eines Mädchens durch protestantische Missionäre sehr erbittert waren. Hoffen wir, daß diese Stimmung sich bald wieder abdämpfen werde, was geschehen würde, wenn die Regierung durch die

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