Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1877)
- Date
- 1877-09-18
- Page
- Seite 599 (sequence 3)
- Language
- German
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599 und Wirkung wir auf unsrem beschränkten Sehfelde selten zu erkennen vermögen. Aber dies vermindert das Bedürfniß nach Reinigung unsrer Seele und Sündenvergebung durchaus nicht, sondern ist ihm vielmehr förderlich. Die alte Anschauung ließ die Menschen allzuoft mit irgend einem Schicksalsschlage, einem Verluste, einer Mühsal auch Sünde, ja Mifsethat gebüßt und gesühnt ansehen; oder die Sündenvergebung, die Versöhnung mit Golt in irgend einer leiblichen Buße oder einem Opfer an Geld und sonstigen äußeren Dingen finden. War damit ein wirkliches sittliches Gefühl verbunden, so mochte das Mittel immer noch zweckentsprechend sein. Wo es aber ganz ohne Einfluß auf den Seelenzustand, ohne Verbindung mit einer Umgestaltung der seelischen Beschaffenheit, mit einer wesentlichen Verbesserung im Thun und Lasten geschah, war jene Anschauung eher schädlich als heilsam. Die Vorstellung von einem zürnenden Gotte, der durch Darbringung einer Gabe oder durch Auferlegung einer Buße besänftigt werde, erscheint dem gegenwärtigen Menschen als unwürdig Gottes und seiner selbst. Dahingegen ist die Anschauung desto lebhafter geworden — die übrigens auch schon bei unsren Alten vorhanden und wirksam war — daß es vielmehr auf die Umgestaltung unsres Jchs, auf das Schuldbewußtsein, die Reue und die Besierung in unsrer Seele, auf die Läuterung, Veredlung und Erhebung unsres Empfindens und Denkens und auf den Einfluß ankomme, den dieser Reinigungsproceß auf unsren Willen, unsre sittlichen Neigungen und Gewohnheiten ausübt, um die Vergebung unsrer Verschuldungen, um die Versöhnung mit Gott zu erlangen. Es ist ja schon oft gesagt worden, daß, wie im Menschenkinde, wenn es für einen Fehltritt eine Züchtigung erhalten, noch immer der Schmerz vorwaltet, feine Eltern erzürnt und sie in ihrer Liebe und Achtung sich abgewandt zu haben, so daß es sich darnach sehnt, sein Vergehen vergesten zu machen, und ihre Zärtlichkeit wieder zu gewinnen — dies also auch in der Seele des religiösen und sittlichen Menschen in ihrem Verhalten zu Gott vorgeht. Wir betonen, dies Alles ist keine Neuerung, kein Erschaffniß der neueren Zeit, sondern ein ewiges Menschengut, nur daß die Vorstellungen der Menschen sich geläutert haben und die Anschauung selbst der Menge von ihrem früheren materiellen und blos formalen Inhalte sich immer mehr befreit. — Es ist nun hier nicht unsre Absicht, die verschiedenen alten und noch jetzt bestehenden Religionen auf diesen Prüfstein zu untersuchen, und darzulegen, wie weit sie die Sündenvergebung, die Versöhnung der schuldigen Menschenseele mit Gott in gröberer oder veredelter Weise aufgefaßt haben und noch heute verstehen. Nicht aber stehen wir an, zu sagen, daß nach unsrer innersten Ueberzeugung das Judenthum die Religion ist, welche die Sündenvergebung und Versöhnung mit Gott in der reinsten, in der, der Menschennatur, dem Verstände und dem Herzen entsprechendsten Weise lehrte und in ihren Bekennern zu erwirken strebte. Es gestaltete sie nicht zu einem Dogmas es machte sie nicht zum Grund- und Eckstein, ja zum ganzen Inhalt der Religion wie B. das Christcnthum, so daß sie zu Vorrechten der Kirche und Priester wurde; es schuf die Religion daraus nicht zu einer bloßen Buß- und Büßeranstalt, in der die Entsagung von Genüßen und die Auferlegung schmerzhafter Peinigung zu höheren, zu den höchsten Stufen der Heiligung führen. Vielmehr machte das Judenthum die Vermeidung der Sünde, besiehe diese im Thun oder Unterlasten, zur Hauptaufgabe des Menschen, und zwar durch die Erkenntniß Gottes, durch die Liebe zu Gott und durch die Gottesfurcht, wie sie „die ganze Seele, das ganze Herz und das ganze Vermögen" des Menschen erfüllen. Dann erst, da jeder Mensch dennoch sündigt, hat er die Vergebung seiner Schuldhaftigkeit zu erstreben; und da die Unendlichkeit der göttlichen Barmherzigkeit gerade vom Judenthume auf's Innigste und Unbedingteste gelehrt wird, wird diese Sündenvergebung und Versöhnung mit Gott durch aufrichtige Umkehr zu Gott, durch Reue und Besierung zugesichert. Um aber seine Bekenner zu dieser Umkehr, Reue und Besserung anzuhalten, um sie im Laufe der Zeit immer wieder und von Neuem dazu aufzurufen, zu erwecken und anzuspornen, hat das Judenthum den Jom-Kippur eingesetzt und mit besonderen Erweckungsmitteln versehen, nicht, wie schon unsere Alten bemerken, um durch sich selbst die Sünden zu vergeben, sondern daß an ihm das Bedürfniß nach der Versöhnung mit Gott in der Seele geweckt und durch sie selbst befriedigt werde. So und nur auf diese Weise ist der Jom-Kippur und mit ihm Rosch - Hafchanah eine Heilsveranstaltung des Judenthums, wie sie lauterer in keiner anderen Religion besteht, wie sie vor der Prüfung aller Zeiten bestehen kann, wie sie sich tief der jüdischen Volksseele eingewurzelt hat und darum auch die Wirksamkeit niemals verfehlt. Deutschland. Berlin, 4. September. (Privatmitth.) Bekanntlich hatte verlautet, daß das officielle statistische Bureau auf Grund der Volkszählung vom 1. December 1875, diesmal keine Zählung nach Confessionen veranstalten und bekannt machen werde, so daß nur auf Verlangen und gegen eine Zahlung bestimmter Gebühren irgend welche örtliche Zählung nach Confessionen vorgenommen werden sollte. Hiervon scheint man jedoch zurückgekommen zu sein, denn die öffentlichen Blätter enthalten folgende officiellen Angaben. Die Volkszählung von 1875 ergab für den preußischen Staat: 38*