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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-09-18 · Heft 38 (18.9.1877) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 38 (18.9.1877)
Date
1877-09-18
Page
Seite 598 (sequence 2)
Language
German
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598 lichem Thun veranlasse, und die Einkehr in das Innere der! und Zukunft keinen besonderen Werth. Immerhin mag nicht Religion wie seiner selbst mehr hindere als begünstige. Auch verkannt werden, daß die fortschreitende Zeit auch in der Aufdies ist nur scheinbar wahr. Die Gewohnheit, wie sie sich vonlfassung dieser beiden großartigen religiösen Acte eine Weiterent- Kindheit au der menschlichen Seele einsenkt, öffnet ihr auch ge- Wickelung mit sich bringt. Der naive Glaube unsrer Vater, daß wisiermaßen das Thor, welches das gewöhnliche Leben verschloffen am Rosch-Haschanah Gott wirklich über die Menschen zu Gerichte hält oder mit Mörtel und Farben verkleidet, das Thor, durch sitzt und an diesem Tage die Schicksale in der kommenden Zeit welches das Bewußtsein der religiösen Gedanken, das Bewußtsein vertheilt, ist dem Berständniß gewichen, daß vielmehr dieses Fest der Rechte, welche eine höhere Welt an uns hat, das Bewußtsein den Gedanken der göttlichen Vergeltung und Vorsehung in uns des Zusammenhanges mit dieser höheren Welt einzieht in unsre zu lebhaftem Bewußtsein bringen soll, daß wir uns an ihm aus Seele und sich darin wieder heimisch macht. Und wer könnte dem Unabhängigkeilsgesühle, in welchem wir uns vermittelst der dieses Bewußtsein entbehren? Freilich der, welcher mit dieser Freiheit unsres Willens bewegen, zu dem Gedanken der Abhängigmateriellen und äußerlichen Welt alles menschliche Dasein für J feit von Gott erheben, und zu der tiefen Empfindung, daß wir abgeschlossen, dieses in jener enthalten vermeint. Run zeigt auch nur das Werkzeug höherer Geschicke sind, gelangen sollen, und die Erfahrung, daß es wenig Unterschied macht, ob Jemand das daß dies uns zur Selbstprufung und Selbsterkenntniß anleiten ganze Jahr mit einer gewerblichen Thäligkeit oder mit den Specialmüsse. Hierdurch werde das Fest, was es auch nach der Thora gegenständen irgend einer Wissenschaft beschäftigt ist. Auch die sein sollte, die Einleitung und Hinweisung zum Bersöhnungstage. letztere Thätigkeit, handele es sich z. B. um naturhistorische Er-! So ist unsre Auffassung aus dem naiven und erstarrten Glauben, scheinungen, oder um geschichtliche Objecte, oder juristische Probleme, der für den Geisteszustand unsrer Zeit nicht mehr geeignet war, führt nur nach Außen, auf Fragen außerhalb unser, deren Wichein lebendiger Quell des religiösen Lebens wieder geworden, tigkeit immerhin groß sei, die aber dennoch mit der Erhebung dessen heilsame Wasser zu schöpfen, die Religion jeden Israeliten und Veredlung unsres Geistes nichts zu thun haben, die sicherlich aufruft. — In geringem Maße kann dies vom Jom-Kippur die Entfaltung unsrer Geisteskräfte fördern, nicht aber unser sittgesagt werden. Wir treffen hier auf ein ewiges Bedürfuiß der liches Bewußtsein stärken, unser religiöses Denken und Empfinden! Menschenseele, so alt wie sie selbst, und unvergänglich, so lange läutern und befestigen. Es ist daher geradezu ein Jrrthum, wenn! Menschen auf diesem Erdball wandeln werden. Auf dem Boden man annimmt, daß Gelehrte, Männer der Wissenschaft und Kunst,«der Erkenntniß des Guten und Bösen, der menschlichen Triebe weil sie vorzugsweise der geistigen Thätigkeit leben, der Religion zu diesem wie jenem und des freien sittlichen Willens des Men- und ihrer Acte entbehren könnten. Einen mathematischen Lehrsatz Ischen ist — die Sünde, das Vergehen, der Fehltritt unausbegreifen fördett jedenfalls den Geist und schafft ihm eine Be-! bleiblich. Je feiner das sittliche Gefühl, je reger die Empfinfriedigung, macht aber weder edler noch seelenstärker. Der Ge-1 düng des Gewissens, je klarer die Vorstellung von Recht und lehrte mag deshalb weniger Gelegenheit zu Handlungen der Un-! Unrecht, von Liebe und Egoismus in einem Geiste sind — desto redlichkeit u. dgl. haben, als der Geschäftmann; wir bemerken! eher gelangt er zum Bewußtsein der Schuldhaftigkeit, denn er an ihm nichtsdestoweniger Leidenschaften, Neigungen, Triebfedern,! wird schon als eine Verschuldung erkennen, was einer gröber« die durchaus nicht von einer höheren sittlichen Atmosphäre oder! Seele nicht einmal auffällt. „Es ist kein Mensch, der nicht reinern religiösen Erkenntniß zeugen. Uns Allen also ist es eine I sündige!" ist demnach der Ruf, der aus den ersten Blättern der Nothwendigkeit, daß die Religion uns anrufe von Zeit zu Zeit, I h. Schrift ertönt, der aber auch ertönt aus den ältesten Blättern aus dem Nebel des gewöhnlichen Daseins in das Heiligthum! aller ernsten Religionen — wenn er auch in den heiteren und unsrer Seele einzutteten und dadrinnen dem Geiste Gottes uns! leichten Hallen der hellenischen Mythologie nicht vernommen wird, hinzugeben, der Weihe aus der überirdischen Welt, die uns selbst! Mit diesem Rufe tritt aber auch das Bedürfniß nach Läuterung eingebaut ist. Die Religion darf nicht wie ein steuer- und! und Sündenvergebung ein, sowohl wie es sich in der Seele als compaßlofes Schiff dem Wellenspiel des Lebens und der Luftdas Verlangen nach Reinheit, nach Befteiung von jeder befleckenströmung unser eignen Seele überlassen sein, um sich nicht auf Iden Schuld, als Sehnsucht nach dem dunstfteien Odem des Bedem Ocean zu verlieren und keinen Ankergrund wieder zu finden!! wußtseins der Lauterkeit fühlbar macht, als auch als Durst nach Mögen immerhin kritische Forscher die Frage untersuchen,! der Versöhnung mit Gott, nach Wiederherstellung des unmittelob Rosch-Haschanah und selbst Jom-Kippur in der Thora die!baren Zusammenhanges mit dem göttlichen Wesen. Wenn sich Bedeutung beigelegt sei, welche sie für uns besitzen? Oder ob! in der Anschauung des modernen Menschen auf diesem Gebiete sie im Salomonischen Tempel so gefeiert worden, wie für die! etwas geändert hat, so ist es, daß wir in den Geschicken, die letzten Jahrhunderte des zweiten Tempels urkundlich erwiesen ist?! uns wessen, seien sie schmerzlicher oder erfteuender Art, nicht mehr Da diese Feste seit mehr als zwei Jahrtausenden in dem Geiste I die unmttelbare Vergeltung, Sttase oder Lohn finden, soweit sie und in den Formen sicher gefeiert worden, wie es noch heute leben nicht sichtbare Folgen unsres Thuns und Lassens sind, geschieht: so hat die Antwort auf jene Fragen für Gegenwart! vielmehr als Ausflüsse der göttlichen Vorsehung, deren Ursache

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